Fast alle Großunternehmen nutzen heute Compliance-Programme – ein Trend, der zunehmend auch auf mittelständische Unternehmen übergreift. Besonders von Zulieferern erwarten Kunden vermehrt Anstrengungen bei der Schadensprävention.

Ohne Compliance geht es nicht mehr

Compliance-Programme sind schon seit Längerem in vielen Unternehmen eine Selbstverständlichkeit. 2013 verfügten 74 % der befragten Unternehmen über ein CMS, 2015 sind es 76 % und bei weiteren 13 % befindet es sich in der Planung.

Marktmechanismen bzw. der Druck in der Lieferkette führen zu einer forcierten Einführung von Compliance-Programmen. Bei Groß­unternehmen mit mehr als 10.000 Mitarbeitern ist ein CMS mittlerweile die Regel, 96 % haben ein entsprechendes System eingeführt. Mit sinkender Größe der Unternehmen nimmt zwar die Verbreitung ab, aber auch im Mittelstand bei Unternehmen mit 500 bis 999 Mitarbeitern ist ein CMS zunehmend anzutreffen, zwei Drittel haben ein solches eingeführt (64 %) und bei jedem zehnten Unternehmen befindet es sich in Planung (13 %). Allerdings zeigt sich im Mittelstand weiterhin die größte Zurückhaltung. Jedes fünfte Unternehmen mit unter 1.000 Mitarbeitern sieht derzeit kein CMS vor (23 %).

In unserer Studie zur Wirtschaftskriminalität 2013 behandelten wir ausführlich die erheblichen Haftungsrisiken im Korruptions- und Kartellrecht. Es zeigte sich, dass trotz der erheblichen Strafverfolgungsrisiken nur jedes zweite (52 %) Unternehmen über ein Antikorruptionsprogramm verfügte und kaum mehr als ein Viertel (29 %) über ein kartellrechtliches Compliance-Programm. Zwei Jahre später sehen wir in beiden Deliktsfeldern eine positive Entwicklung. Allerdings sind die Defizite hinsichtlich der kartellrechtlichen Compliance weiterhin erheblich. Nur jedes zweite Unternehmen (55 %) hat ein entsprechendes CMS implementiert.

Über ein in der Entwicklung (nahezu) abgeschlossenes Antikorruptions­programm verfügen heute ihren Angaben zufolge 79 % der Unternehmen und bei 15 % befindet sich dieses gerade im Aufbau bzw. in der Planung.

Betrachten wir die einzelnen Unternehmensgruppen, so zeigt sich in der korruptionsrechtlichen Compliance eine größenabhängige Entwicklung, die vor allem von Großunternehmen getragen wird (sog. Top-down-Effekt). Bei Unternehmen mit mehr als 10.000 Mitarbeitern ist auf einem hohen Niveau von 83 % in den letzten zwei Jahren keine weitere Zunahme zu verzeichnen. Unternehmen mit 5.000 bis 10.000 Mitarbeitern schließen weitgehend zum Spitzenfeld der Großunternehmen auf. Hier wirkt sich offenkundig der Compliance-Druck in der Lieferkette aus. Wir verzeichnen hier hinsichtlich der Verbreitung von Antikorruptionsprogrammen einen deutlichen Anstieg von 59 % auf 81 %.

Gleiches gilt auch für Unternehmen mit 1.000 bis 4.999 Mitarbeitern, recht gering ist demgegenüber noch der Druck auf mittelständische Unternehmen mit 500 bis 999 Mitarbeitern. In dieser Gruppe ist noch keine Entwicklung erkennbar, nur jedes dritte Unternehmen (36 %) verfügte 2015 über ein Antikorruptionsprogramm.

Hinsichtlich der kartellrechtlichen Compliance-Maßnahmen zeigt sich zwar ebenfalls eine deutliche Zunahme, aber nur die Hälfte der Unternehmen (55 %) verfügt über ein entsprechendes CMS. Im Bereich des Kartellrechts besteht daher weiterhin erheblicher Nachholbedarf.

Eine größenabhängige Entwicklung ist auch bei der kartellrechtlichen Compliance klar erkennbar. Für Großunternehmen mit mehr als 10.000 Mitarbeitern zeichnet sich allmählich eine gewisse Selbstverständlichkeit ab. Über zwei Drittel (71 %) haben ein entsprechendes CMS eingeführt, mit steigender Tendenz. Eine deutliche Entwicklung ist auch bei Unternehmen mit 5.000 bis 10.000 Mitarbeitern und bei Unternehmen mit 1.000 bis 4.999 Mitarbeitern erkennbar. Bei mittelständischen Unternehmen mit 500 bis 999 Mitarbeitern bleibt die Verbreitung hingegen nahezu unverändert. Nur 21 % der Unternehmen dieser Größe verfügen über eine in der Entwicklung abgeschlossene kartellrechtliche Compliance. Allerdings ist einzuräumen, dass die Möglichkeiten, Kartelle zu bilden, für Unternehmen dieser Größe geringer sind. Der Problemdruck ist daher nicht mit dem größerer Unternehmen zu vergleichen.

Ein zeitgemäßes Compliance-Programm hat viele Deliktsfelder abzudecken. Fast alle befragten Unternehmen haben ihr CMS auf den Schutz vertraulicher Kunden- und Unternehmensdaten ausgerichtet (89 %) oder bauen ein solches CMS auf (10 %). Auffällig ist, dass kaum ein Unternehmen bereit ist, in dieser Frage weitere Risiken einzugehen. Keines der Unternehmen hält Prävention in diesem Risikosektor für überflüssig.

In der Gruppe der börsennotierten Unternehmen sind für über zwei Drittel auch Maßnahmen gegen strafbare Insidertransaktionen (§ 38 WpHG) selbstverständlich, nur ein Viertel verfügt hierüber derzeit nicht bzw. plant solche nicht. Pflichten zur Bekämpfung der Geldwäsche bestehen nach § 2 ff. GWG nicht nur für den Finanz- und Versicherungssektor, sondern auch für viele Unternehmen aus dem den Nicht-Finanzsektor. Hierzu gehören vor allem Unternehmen, die mit Gütern handeln. Der Kreis der Verpflichteten im Nicht-Finanzsektor ist sehr weit gezogen. Nach den Angaben aller befragten Unternehmen verfügt überaschenderweise über die Hälfte (58 %) über eine in der Entwicklung abgeschlossene Geldwäsche-Compliance, bei 17 % befindet sich diese in der Planung bzw. noch im Aufbau.

Zum Aufgabenfeld eines modernen CMS gehört außerdem die Vermeidung von Verstößen gegen internationalen Finanz- und Wirtschaftssanktionen. Hiervon sind ebenfalls nicht nur Unternehmen des Finanzsektors betroffen, sondern Unternehmen fast aller Branchen. Jedes zweite Unternehmen hat das CMS auch auf die Vermeidung von Verstößen gegen internationale Finanz- und Wirtschaftssanktionen ausgerichtet (54 %).

Bereits in der Studie im Jahr 2011 kamen wir zum Schluss, dass es sich bei Compliance nicht um eine Modeerscheinung handelt und wir von einer global verlaufenden Top-down-Entwicklung auszugehen haben. Großunternehmen sind die Schrittmacher dieser Entwicklung. Vor allem mittelständische Unternehmen können sich dem Druck ihrer großen Auftraggeber kaum entziehen. Nur 16 % der befragten Unternehmen gaben an, dass sie keinen Druck von ihren Auftraggebern verspüren, ein CMS einzuführen. 42 % der Unternehmen bezeichnen den Druck als vollkommen akzeptabel, mehr als jedes dritte Unternehmen meinte, er sei noch vertretbar, und nur 5 % empfinden ihn als zu hoch.

Ein großer Teil der Unternehmen erkennt offenbar, dass der Aufbau eines CMS sinnvoll ist, und bezeichnet den ausgeübten Compliance-Druck daher als vollkommen akzeptabel. Mit Blick auf die Unternehmensgröße zeigen sich keine bedeutsamen Unterschiede – mit einer Ausnahme: Nur 6 % der Unternehmen mit über 10.000 Mitarbeitern berichteten über keinen Druck gegenüber 31 % der Unternehmen mit 500 bis 999 Mitarbeitern. Kleinere Unternehmen stehen derzeit offenbar auf der „Compliance-Prioritätenliste“ größerer Unternehmen noch nicht ganz oben. Künftig dürfte allerdings auch gegenüber kleineren Unternehmen der Druck in der Lieferkette erheblich zunehmen.

Demgegenüber berichten größere Unternehmen mit mehr als 4.999 Mitarbeitern über einen gewissen Druck, den sie allerdings als vollkommen akzeptabel bzw. noch vertretbar einstufen (42 % bzw. 43 %). Wir nehmen an, dass dieser Druck von noch größeren Unternehmen in der Lieferkette ausgeht, bei denen es sich zum Teil um Konzerne und Global Player handelt, die sich selbst unter Beobachtung insbesondere US-amerikanischer Aufsichtsbehörden sehen.

Angesichts der zuvor dargestellten Ergebnisse ist es nicht überraschend, dass die große Mehrheit der Unternehmen von ihren Lieferanten und Dienstleistern erwartet, dass sie über ein CMS verfügen. Jedes dritte Unternehmen gab an, dass ihm dies sehr wichtig ist (33 %). Als unwichtig bzw. weniger wichtig bezeichnete es nur jedes vierte Unternehmen (28 %).

Berücksichtigen wir die Größe der Unternehmen, so bestätigt sich unsere „Top-down-These“: Der Druck geht vor allem von den größeren Unternehmen aus. Nur 7 % der befragten Unternehmen mit über 10.000 Mitarbeitern gaben an, dass ihnen ein CMS bei ihren Lieferanten und Dienstleistern weniger wichtig oder gar unwichtig ist, gegenüber fast der Hälfte der Unternehmen mit 500 bis 999 Mitarbeitern (47 %). Als sehr wichtig bezeichneten dies jedoch mehr als die Hälfte der Großunternehmen mit über 10.000 Mitarbeitern (55 %). Compliance hat somit Eingang in die Marktwirtschaft gefunden, Marktgesetze sind die Treiber dieser Entwicklung. Auch über wirtschaftliche Bindungen und teilweise auch Abhängigkeiten in der Lieferkette verbreiten sich CMS. Der Markt entwickelt Präventivkräfte. Nicht über ein CMS zu verfügen, droht zum Wettbewerbsnachteil zu werden.

Bildnachweis: Anatolii Babii/Alamy Stock Photo, PwC (2)

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