Interview

Person statt Programm

Kleinere Städte müssen verhältnismäßig größere Lasten bei der Aufnahme und Versorgung von Flüchtlingen tragen. Wie können sie dieser Rolle besser gerecht werden?
Für den hohen Integrationsaufwand brauchen wir definitiv mehr Personal. Die anfallenden Aufgaben können Ehrenamtliche alleine nicht abfedern. Die Kommunen leiden zudem eklatant unter dem Mangel an fachlich versierten Sachbearbeitern. Aber auch alle Dienste drum herum, von der Feuerwehr über Technisches Hilfswerk bis zum Ordnungsamt, sind finanziell zu schwach aufgestellt. Zudem herrschen im gesundheitlichen Versorgungsbereich bei Krankenhäusern und Ärzten dramatische Engpässe. Daher müssen dringend mehr finanzielle Ressourcen bereitgestellt werden.

Welche konkreten Lösungsansätze empfehlen Sie?
Der Staat könnte mehr Wettbewerb fördern, und finanzielle Mittel als Chance und Anreiz für Regionen und Kommunen zur Verfügung stellen, damit diese ihre vorhandenen Flächen besser nutzen, schneller ausbilden und besonders intelligente Integrations-Programme aufsetzen. Mit solchen Maßnahmen könnten beispielsweise mehr Kitaplätze geschaffen werden, so dass auch die Allgemeinheit etwas davon profitieren kann; das schafft zusätzliche Akzeptanz bei den Bürgern.

Wie können die Vorteile der Migration sowohl für die Aufnahmeländer als auch für die Migranten zusätzlich maximiert werden?
Historisch gesehen sind ökonomische Gründe der wesentliche Treiber für Migration und Wanderungsbewegungen. Wie die Entwicklungen um das Wirtschaftswunder in Deutschland mehr als eindrücklich gezeigt haben, profitieren die aufnehmenden Länder in aller Regel deutlich von den Wanderungsbewegungen. Die Einwanderer verfügen in aller Regel über ein hohe Leistungsbereitschaft und teilweise auch über die Bereitschaft zu Übernahme von unternehmerischen Wagnissen. Dies trifft – zumindest in Deutschland – aktuell auf einen starken Arbeitsmarkt, auf dem bis 2030 einige Millionen Arbeitskräfte fehlen werden. Das ist eine recht vorteilhafte Grundkonstellation. Es kommen aber auch viele Menschen ohne Ausbildung zu uns. Da braucht unsere Gesellschaft Verlässlichkeit, ob und unter welchen Bedingungen diese Menschen bei uns bleiben können und wie wir diese weiterentwickeln können. Das erfordert bessere Einwanderungs- und Integrationsstrategien, die Sicherheit und Stabilität sowohl für die Zuwanderer als auch für die deutsche Bevölkerung schaffen. Dafür müssen die Einwanderungsregeln sehr viel eindeutiger werden. Ein klares Einwanderungsgesetz ist überfällig.

<p><span class="color--themed">ALFRED HÖHN</span> ist Partner bei PwC Deutschland, Leiter des Bereichs öffentlicher Sektor und Mitglied im Advisory Leadership Team</p>

ALFRED HÖHN ist Partner bei PwC Deutschland, Leiter des Bereichs öffentlicher Sektor und Mitglied im Advisory Leadership Team

Reicht das denn? Was könnte die Politik zusätzlich tun, damit auch Städte und Stadtregionen die Integration von Migranten in den Arbeitsmarkt unterstützen und damit langfristig positive Auswirkungen auf die Wirtschaft haben?
Der Regulierungsrahmen muss vereinfacht und entschlackt werden, damit flexibler auf den Bedarf des Arbeitsmarktes reagiert werden kann. In Deutschland gibt es nicht nur einen Fachkräftemangel, sondern es fehlt zum Teil auch an niedrig qualifizierten Helfern. Integration ist und bleibt eine permanente Aufgabe und braucht Stabilität und Verlässlichkeit für die gesamte Gesellschaft und für die Zuwanderer. In diesem Zusammenhang sollte gelegentlich auch das Thema Familiennachzug gesehen werden.

Welche zentralen Herausforderungen sehen Sie bei der gesellschaftlichen Integration der Migranten?
Wir müssen den Migranten schnell unser tägliches Einmaleins näherbringen, damit sie sich in der Gesellschaft leichter zurechtfinden und akzeptiert werden. Zum Beispiel Grundregeln wie Pünktlichkeit, Verständnis für den Arbeitsmarkt und das Vorgehen bei der Wohnungssuche. Dieses Thema haben wir bei PwC aufgegriffen, indem wir junge Flüchtlinge schulen und gleichzeitig ihre Fertigkeiten erkennen können. Zusammen mit der Handwerkskammer und der GASAG AG in Berlin konnten wir mittlerweile einige hundert junge Menschen im Rahmen des Programms – das wir Jobführerschein nennen – auf ihrem Weg in Integration ein Stück unterstützen.

Dabei zeigte sich sehr schnell ein wesentliches Problem: es werden viele öffentliche Programme angeboten und die Personen diesen eher formal zugeordnet. Das ist leider nicht immer zielführend. Mehr Erfolg verspricht es, wenn wir Bausteine einzelner Programme besser mit dem Bedarf der jeweiligen Personen abstimmen, damit wir die Menschen nicht auf dem Weg durch einzelne Integrationskurse verlieren. Das ist ein übergreifendes Agieren, jenseits von fixen Programmen.

Mit anderen Worten: Es wird viel getan, aber nicht richtig?
Es wird durchaus sehr viel Richtiges getan. Aber der Koordinierungsaufwand ist immens. Die Menschen müssen in die Pläne und Programme passen und die vorhandenen Möglichkeiten müssen besser zugeordnet werden. Die Integration gelingt nur durch Flexibilität und Incentivierung sowie mehr Wettbewerb um die Arbeitskräfte. Dafür müssen finanzielle und innovative Freiräume geschaffen werden.

Gibt es dazu schon Ansätze?
Hilfreich ist die Unterstützung durch Dritte von außen. Das sind zum Beispiel spezialisierte Dienstleister, die die Schnittstellen zwischen den Integrations-Programmen besser kennen und dazu beitragen, die jeweiligen Integrationsdefizite bei den einzelnen Personen besser herauszuarbeiten. In der Praxis sind die aktuellen Programme bislang eher vertikal statt horizontal organisiert. Aber die unterschiedlichen Menschen aus den verschiedensten kulturellen Hintergründen verhalten sich eben nicht nach dem gleichen Muster. Da braucht es Experten, Kümmerer, die den Fit zwischen den Menschen und Programmen professionell herstellen.

Sollte sich auch die Privatwirtschaft in Bezug auf die Integration mehr engagieren und in welcher Form?
Insbesondere mittelständische Unternehmen tun ja schon viel. Die suchen nicht nach den Problemen, sondern nach Lösungsansätzen, die Leute in die Beschäftigung zu bringen und damit in den normalen gesellschaftlichen Prozess einzubinden. Der Bedarf an Personal ist sehr groß. Und wo alle Seiten einen Willen zeigen, finden sich auch Wege. Das zeigen die Erfahrungen aus unserem Projekt "Jobführerschein", aber auch das von uns und mehr als 200 Unternehmen unterstützte Integrations-Netzwerk "Wir zusammen".

Was behindert Ausbildung und Arbeitsmarktintegration derzeit noch am meisten?
Ein großes Problem ist die deutsche Sprache, auf die Schul- und Ausbildungssysteme aufbauen. Das Problem Sprache ist erstaunlicherweise in den kleinen Firmen geringer; da wird auch viel non-verbal gearbeitet. Allerdings werden deren Bemühungen oft durch vergleichsweise starke Regulierungen ausgebremst: zahlreiche Regulierungen wie zum Beispiel im Bereich der Arbeitssicherheit sind teilweise sehr starr und wirken daher hinderlich für die Arbeitsmarktintegration. Aber auch Aufenthalts- und Statusfragen, alles um das Thema Ausländerrecht, macht sehr viel Arbeit. Da fehlt vor allem den kleineren Unternehmen oft die Energie, das alles zu klären, um eine Arbeitskraft aufzunehmen und auszubilden.

Bildnachweis: David McNew/GettyImages

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