Humboldt-Universität in Berlin: Wilhelm von Humboldt verstand Bildung als langfristig orientierte Investition in die soziale Infrastruktur.

Der Schlüssel zu Fortschritt und Glück

Vor 209 Jahren wurde in Berlin Deutschlands Schlüssel zum Glück gefunden. Von einem preußischen Staatssekretär, der gerade einmal 17 Monate im Amt war und dann zurücktrat, weil ihm die Beförderung zum Minister verwehrt wurde. Aber die Reformen, die er in diesen knapp eineinhalb Jahren umsetzte, legten das Fundament für einen erst preußischen, dann deutschen Wettbewerbsvorteil, der bis heute ausstrahlt. Der Name des Jahrhundert-Reformers: Wilhelm von Humboldt. Der Wettbewerbsvorteil: Bildung.

Humboldts Verdienst, im Kern: Er verstand Bildung nicht als etwas, das wofür auch immer aktuell Nutzen bringen sollte, sondern als Voraussetzung für ein menschenwürdiges Leben. Oder, in seinen eigenen Worten: „Was verlangt man von einer Nation, einem Zeitalter, von dem ganzen Menschengeschlecht, wenn man ihm seine Achtung und seine Bewunderung schenken soll? Man verlangt, dass Bildung, Weisheit und Tugend so mächtig und allgemein verbreitet, als möglich, unter ihm herrschen.“

Aus der humanistischen Sprache ins Ökonomische übersetzt, heißt das in etwa: Unter Humboldt wurde Bildung zu einer extrem langfristig orientierten Investition in die soziale Infrastruktur. Auf kurze bis mittlere Sicht ist ein solcher Ansatz weniger rentabel als nutzen-orientierte Bildungs-Konzepte, aber langfristig erwies sich ein Humboldtsches Bildungsverständnis allen anderen Systemen der damaligen Zeit als überlegen – und ist es größtenteils immer noch. Bildung, Ausbildung und Qualifizierung haben ihre Bedeutung als Schlüssel für Wachstum und Wohlstand, Fortschritt und Glück niemals eingebüßt.

Die Voraussetzungen dafür sind jeweils unterschiedlich, je nachdem, ob es sich um ein Land handelt, das bereits mit an der Spitze der globalen Entwicklung steht (wie die G-7-Staaten, die reichen Industrieländer), oder um eines, das sich anschickt, in eine Spitzenposition zu kommen (wie die E-7-Staaten, die großen Emerging Markets), oder um eines, das anstrebt, sich in diese Richtung zu entwickeln (wie die F-7-Staaten, die Länder mit den langfristig besten Wachstumsaussichten für die Zukunft).

Entsprechend haben wir in jedem dieser 7er-Blöcke nach dem Klassenbesten gesucht. Hilfestellung dabei leisteten die Daten des World Economic Forum, das weltweit die Qualität des Bildungssystems untersucht. Nicht im Humboldtschen Sinn als Quelle von Weisheit und Tugend, sondern im ökonomischen Sinn als einem der wichtigsten Faktoren für die Wettbewerbsfähigkeit von Nationen. Aber immerhin mit einer Fülle von Indikatoren, die einen globalen Vergleich erlauben. Wer aus Deutschland kommt, wo es schon hoch kompliziert ist, die Bildungssysteme der Bundesländer miteinander zu vergleichen, weiß das zu schätzen.

Aus diesen Daten des World Economic Forum schälten sich drei Spitzenreiter heraus: Bei den G-7-Staaten liegt die USA mit einem Spitzenwert im Gesamtindex Bildung/Ausbildung sowie bei der Bildungsqualität der aktuellen Beschäftigten vorn. Bei den E-7-Staaten ist es China und bei den F-7-Staaten Kolumbien. Beide belegen in ihrer Gruppe einen den besten Plätze im Gesamtindex, und beide sind besonders gut für die Zukunft positioniert. Im globalen Vergleich werden die Fähigkeiten der zukünftigen Beschäftigten massiv besser bewertet als die der aktuellen Beschäftigten.

Rein statistisch zeigen damit die Ergebnisse für China und Kolumbien, dass das Bildungssystem eine der Triebkräfte für eine weitere Verbesserung der nationalen Wettbewerbsfähigkeit ist. Entspricht dieses Zahlen-Bild auch der Realität vor Ort? Für China auf jeden Fall: Das Bewusstsein, dass gute Bildung ein Schlüssel-Element für persönlichen Aufstieg und sozialen Status ist, ist breit und tief in der Gesellschaft verankert. Das übrigens schon seit etwa zwei Jahrtausenden, denn seit der Han-Dynastie (206 v. Chr. bis 220 n. Chr.) war das Bestehen der Aufnahmeprüfung für die Beamtenlaufbahn das höchste, was ein junger Mensch erreichen konnte – der „Chinese Dream“ sozusagen.

Entsprechend dieser Tradition ist Bildung in China stark (für viele westliche Experten: zu stark) auf Tests und Prüfungen konzentriert. Das zeigt sich in den Ergebnissen der Pisa-Studien, an denen 2009 erstmals Schüler aus Schanghai teilnahmen – und in allen drei Kategorien (Sprache, Mathematik, Naturwissenschaften) den ersten Platz der Weltrangliste belegten. Beim jüngsten Pisa-Test 2015, wo nicht mehr nur Kinder aus der Metropole Schanghai antraten, sondern auch aus drei anderen Provinzen, ergab sich ein für das Gesamtland repräsentativerer Wert: Platz 6 in Mathematik, weit vor allen G-7-Staaten, Platz 10 in Naturwissenschaften, und beim Leseverständnis Platz 27 unter insgesamt 72 teilnehmenden Nationen.

Um möglichst schnell im Bildungssektor in die Weltspitze vorzustoßen, investiert China massiv in Bildungstechnologie. Bis zum Ende des Jahrzehnts sollen alle Schulen des Landes mit Breitband-Internet ausgestattet sein und alle Erwachsenen über Zugang zu E-Learning-Einrichtungen verfügen. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Entwicklung von digitalen Unterrichtsmaterialien für die mehr als drei Millionen Lehrer des Landes.
Zudem betreibt China eine sehr intensive staatliche Förderung von Elite-Hochschulen und Einrichtungen der Spitzenforschung im natur- und ingenieurwissenschaftlichen Bereich. Die Chinesische Akademie der Wissenschaften mit Sitz in Beijing ist mittlerweile zur größten Forschungseinrichtung der Welt geworden: Sie beschäftigt etwa 60.000 Wissenschaftler und verfügt über einen Etat von umgerechnet mehr als fünf Milliarden Euro.

<p>Kolumbien hat sich aus dem Teufelskreis von Gewalt und Krieg befreit. Die Regierung fördert viele informelle Bildungswege.</p>

Kolumbien hat sich aus dem Teufelskreis von Gewalt und Krieg befreit. Die Regierung fördert viele informelle Bildungswege.

Kolumbien kann naturgemäß nicht mit solchen Zahlen protzen. Das Land im Norden Südamerikas galt vor zwei Jahrzehnten noch als hoffnungsloser Fall: Staat und Gesellschaft waren von den Kokain-Mafias durchseucht und in einen unendlich scheinenden Bürgerkrieg gegen die marxistische Farc-Guerrilla verstrickt. Kolumbien tauchte allenfalls in der internationalen Spitzengruppe bei Gewaltdelikten auf. Doch das Land hat sich aus dem Teufelskreis befreit. Mit den Farc-Rebellen wurde 2016 ein Waffenstillstand unterzeichnet, der eine dauerhafte Friedenslösung möglich machen kann. Die Farc haben Anfang 2018 erstmals an einer Parlamentswahl teilgenommen, und sogar schon einen ehemaligen Kommandeur nach Europa geschickt, um die Fußballer-Ausbildung der Spitzenklubs zu studieren; im ballverrückten Kolumbien könnte das eine Umschulungs-Perspektive für die jungen Guerilleros bieten.

Ein großes Bildungsproblem hat Kolumbien mit vielen ärmeren Ländern gemein: Der informelle Sektor, und das ist mehr oder weniger eine Hälfte der Bevölkerung, ist nicht nur für den regulären Arbeitsmarkt, sondern auch für das staatliche Bildungssystem kaum erreichbar – nach der Grundschule ist für die meisten Kinder aus diesem Bereich Schluss.

Doch die Regierung hat auch dafür ein praktikables Konzept: Mit Gesetzen zu „Bildung für Arbeit und menschliche Entwicklung“ werden auch informelle Bildungswege anerkannt, vom Anlernen am Arbeitsplatz bis zu privaten Abendschulen. Das Konzept ähnelt ein wenig dem des deutschen „Zweiten Bildungswegs“, nur eben in lateinamerikanischer Übersetzung.

Einen Spitzenplatz hat Kolumbien inzwischen schon erreicht: Es steht weltweit auf Platz 3 des „Happy Planet Index“, in dessen Berechnung Lebens- und Umweltqualität gleichermaßen eingehen. Und bei beiden schneidet Kolumbien gut ab: Platz 29 bei der Lebenszufriedenheit – eines der besten Ergebnisse außerhalb der mit ihrem Leben besonders zufriedenen Bürger der Industriestaaten – und Platz 48 beim ökologischen Fußabdruck, dem Maß für die Inanspruchnahme natürlicher Ressourcen. Hier werden die vordersten Plätze nicht von den reichsten, sondern von den ärmsten Ländern der Erde belegt. Zufrieden wie die Reichen, ressourcenschonend wie die Armen: Kolumbien scheint eine goldene Mittelposition erreicht zu haben.

<p>Von Nobelpreisen bis zu internationalen Auszeichnungen: In der Spitzenforschung liegen die USA seit Jahrzehnten vorne.</p>

Von Nobelpreisen bis zu internationalen Auszeichnungen: In der Spitzenforschung liegen die USA seit Jahrzehnten vorne.

Und die USA? Sie liegen in einem Segment des Bildungswesens seit Jahrzehnten fast uneinholbar vorne: der Spitzenforschung. Ob es um die Vergabe von Nobelpreisen oder anderen internationalen Auszeichnungen geht, ob um die Universitäten, an denen die wichtigsten Politiker, Forscher, Manager studiert haben oder um die Bewerberzahlen für Studienplätze, immer wieder gilt: America First. Die Spitzen-Universitäten der USA üben eine weltweite Anziehungskraft sowohl auf Lehrende als auch auf Lernende aus. Das Schweizer Gottlieb-Duttweiler-Institut, das jährlich eine Rangliste der „Global Thoughtleader“ veröffentlicht, erhob 2016 erstmals, mit welchen Universitäten die gut 200 Vordenker des Rankings in Verbindung standen oder stehen.
Das Ergebnis: Von den 15 Hochschulen, die dabei am häufigsten auftauchten, liegen 12 in den USA. Mit Abstand an der Spitze lag die Harvard University: 22,4 Prozent der einflussreichsten Denker der Gegenwart haben in Harvard studiert und/oder gelehrt. Auf den weiteren Plätzen folgen das MIT, Yale und Stanford mit jeweils etwa zehn Prozent. Wenn es darum geht, global Gehör zu finden, geht an den Spitzen-Universitäten der USA weiterhin kein Weg vorbei.

Bildnachweis: JOHN MACDOUGALL/GettyImages, Ton Koene/Picture-Alliance(2), TONY LUONG/NYT/Redux/Laif, Brooks Kraft/GettyImages, Antagain/Istockphoto

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