Am Scheideweg

Jeder beliebige Moment der Geschichte ist ein Scheideweg, da sind sich Philosophen und Historiker einig. Eine einzige Straße führt von der Vergangenheit in die Gegenwart, so scheint es den Menschen rückblickend. Doch in die Zukunft führt eine unendliche Vielzahl von möglichen Wegen. Einige sind breiter und besser ausgeschildert als andere, weshalb sie mit größerer Wahrscheinlichkeit eingeschlagen werden. Aber es müssen darum nicht die richtigen Wege sein. Nach dem ehernen Gesetz der Geschichte ist das, was rückblickend unvermeidlich erscheint, aus Sicht der Akteure in der Gegenwart alles andere als offensichtlich. Desto wichtiger sind wohl überlegte Entscheidungen.

Zu eben solchen ruft auch Jeffrey Sachs, Professor an der Columbia University und Director des Sustainable Development Solutions Network auf: „We actually need the thinking right now“, forderte Sachs auf dem „Think20 Summit" in Berlin, einem Forum, bei dem rund um den Hamburger G20-Gipfel führende Köpfe aus Wissenschaft und Wirtschaft ihre Gedanken zur Zukunft auf unserem Planeten austauschten.

Einer dieser Gedanken stammt von Colm Kelly, Global Tax and Legal Services Leader bei PwC. Seine Botschaft: Die ökonomischen und politischen Erschütterungen seit der Finanzkrise sind Symptome einer Diskrepanz zwischen dem Erfolg von Unternehmen und Volkswirtschaften auf der einen – und akzeptablem gesellschaftlichem Nutzen und sozialer Wertschöpfung auf der anderen Seite.

„Wir stehen jetzt am Scheideweg. Die Beibehaltung des Wirtschaftssystems in seiner jetzigen Form ist nicht nachhaltig. Wir müssen die Kräfte für die Zukunft neu ausrichten.“

Colm Kelly, Global Tax and Legal Services Leader bei PwC

Zu viele Menschen fühlen sich abgehängt von einem System, das sie als unfair und gegen sie gerichtet empfinden. „Unser wirtschaftliches Wachstum und der damit einhergehende gesellschaftliche Fortschritt sind im Wesentlichen auf drei Treiber zurückzuführen: Globalisierung, Technologischer Fortschritt, Finanzialisierung. Diese drei Treiber machten den wirtschaftlichen Motor der Nachkriegszeit aus und unterstützten den Erfolg von Unternehmen und Volkswirtschaften“, erklärt Colm Kelly: „Doch auch wenn der wirtschaftliche Motor auf vollen Touren lief, hatte nicht jeder an dem Erfolg teil.

Kelly ist sich sicher: „Wir stehen jetzt am Scheideweg. Globalisierung, Technologie und Finanzialisierung waren lange Zeit ein gut funktionierendes System zur Schaffung von Wirtschaftswachstum, sozialem Wohl und breitem Nutzen. Aber die Beibehaltung dieses Systems in seiner jetzigen Form ist nicht nachhaltig. Wir müssen diese Kräfte neu ausrichten, um den Herausforderungen der Zukunft begegnen zu können.“ Einig ist er sich darin mit Professor Dennis Snower, Präsident des Instituts für Weltwirtschaft Kiel, der gemeinsam mit Professor Dirk Messner, Direktor des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik auch die Think Tanks des T20 Summits in Berlin koordinierte.

Professor Dennis Snower zur Frage: „Warum steht die Welt heute am Scheideweg?“

Ein paar nüchterne Zahlen machen deutlich: Zuletzt haben sich die globalen Kräfte merklich verschoben: Die E7 – sieben der größten Schwellenländer (China, Indien, Indonesien, Brasilien, Russland, Mexiko und die Türkei) – haben die G7 – sieben der weltweit größten Volkswirtschaften (USA, Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Japan, Kanada und Italien) beim Anteil am Welthandel eingeholt. Gleichzeitig nahm der Anteil der Menschen, die in extremer Armut leben, von 40 Prozent vor 30 Jahren auf nur mehr zehn Prozent heute ab. Und in den Unternehmen wurde Shareholder Value das maßgebliche Erfolgskriterium. Das Bruttosozialprodukt entwickelte sich parallel als Schlüsselkennziffer zur Berechnung des Wirtschaftswachstums der Länder.

Inzwischen häufen sich die Anzeichen, dass die bisherigen Treiber des Fortschritts sich ihren eigenen Weg suchen. So stellen Wirtschaftsforschungsinstitute seit einigen Jahren eine zunehmende Trennung von ökonomischem Erfolg und gesellschaftlichem Fortschritt fest. Zahlreiche Länder erreichten abweichende soziale Fortschritte bei gleichbleibendem Niveau des Bruttosozialprodukts pro Kopf. Der soziale Fortschritt erschöpft sich ebenfalls, da die Länder einen niedrigen mittleren Einkommensstatus erreichen.

Ebenfalls auffällig: Multinationale Unternehmen übertrumpfen andere Firmen immer seltener. In sechs von zehn Sektoren haben weltweit agierende Konzerne bereits niedrigere return on investments als ihre inländischen Wettbewerber. Dafür sind große Familienunternehmen auf dem Vormarsch. Die Zahl der Familienunternehmen mit einem Umsatz von mehr als einer Milliarde Dollar wird sich voraussichtlich bis 2025 verdoppeln.

Der technologische Fortschritt scheint indessen einige Regionen zu umgehen, was deren Entwicklung bereits behindert. So sind fast 75 Prozent der Menschen in Afrika Nicht-Nutzer des Internets (im Vergleich zu nur 21 Prozent der Europäer, die offline sind). 65 Prozent des Subsahara-Afrika sind ohne Zugang zu Elektrizität. Das macht es ihnen unmöglich, die großen Vorteile aus dem Internet und anderen Technologien zu ernten. Eine erhöhte Automatisierung und Nutzung von künstlicher Intelligenz könnte zudem bedeuten, dass Teile von Afrika die Gelegenheit verpassen werden, den Gewinn aus ihrer Arbeit zu nutzen, um wirtschaftliche Aktivitäten zu stärken und die Menschen aus der Armut zu heben, wie es zuvor Indien und China noch gelungen ist.

Diese Disbalance birgt Gefahren, die am Ende die gesamte Menschheit betreffen, sagt Professor Dennis Snower.

Professor Dennis Snower zur Frage: „Welche Gefahren drohen in Richtung einer Disbalance, wenn die Verantwortlichen jetzt nicht gegensteuern?“

Ohne Frage, nach dem Zweiten Weltkrieg hat der Fortschritt bemerkenswertes wirtschaftliches Wachstum beschert und Millionen Menschen aus bitterer Armut befreit. Frieden ist stabil, die Lebenserwartung der Menschen ist gestiegen.

Die Kehrseite: Eine gut platzierte Minderheit hat bedeutenden Reichtum angesammelt. Studien der Weltbank zeigen: Trotz der Gewinne am oberen und unteren Ende der Wohlstandspyramide verliert insbesondere die Mittelklasse in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften. 60 bis 70 Prozent der Haushalte in 25 dieser Volkswirtschaften erlebten zwischen 2005 und 2014 eine Stagnation oder einen Rückgang ihres Einkommens.

„Wir müssen uns auf das Dorf, die Stadt und die Metropole als den Ort konzentrieren, in dem sich der soziale Fortschritt und der wirtschaftliche Erfolg am meisten bemerkbar machen.“

Colm Kelly, Global Tax and Legal Services Leader bei PwC

Während die Arbeitsproduktivität kontinuierlich steigt, sinkt die Bezahlung im Vergleich dazu. Viele Menschen sind ohne Arbeit. Dazu haben vor allem technologische Verbesserungen, erhöhte Kapitalrenditen an die Aktionäre, Lohnstagnation, und die Finanzierung der Führungskräfte beigetragen. Erstmals seit zehn Jahren steigt die Zahl der Hungernden, so der im September 2017 veröffentlichte Bericht zur Lage der Ernährungssicherheit in der Welt, den die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation FAO und das Welternährungsprogramm WFP erstellt haben. Und im wohlhabenden Deutschland sind etwa 2,8 Millionen Kinder von Armut bedroht, so der im gleichen Monat publizierte „Familienreport 2017“ des Bundesfamilienministeriums. Zusätzliche Herausforderungen sind die zunehmende Alterung der Bevölkerung in den großen Volkswirtschaften sowie das auf breiter Front rückläufige Vertrauen der Menschen in Unternehmen, Medien und Politik.

Professor Dennis Snower zur Frage: „Wie könnte ein Weg in Richtung mehr Balance und Nachhaltigkeit auf unserem Planeten aussehen?“

Auch Colm Kelly ist überzeugt: „Wenn wir jetzt nicht eingreifen, dürften sich viele der negativen aktuellen Trends noch verstärken.“ Mögliche Folgen wären:

  • Das Wachstum in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften wird sich verlangsamen.
  • Der Mittelstand wird auch in fortgeschrittenen Volkswirtschaften weiter erodieren.
  • Der Lohn für Arbeiter in fortgeschrittenen Volkswirtschaften wird weiter stagnieren.
  • Aufgrund der Automatisierung werden Arbeiter in bestimmten Sektoren und Regionen kämpfen müssen, um überhaupt eine Beschäftigung zu finden.
  • Afrika wird die Vorteile der Globalisierung verpassen und im internationalen Vergleich weiter zurückfallen.
  • Steigendes Risiko, dass gesellschaftliche Anliegen zu politischem Extremismus führen, wodurch eine Negativ-Spirale entsteht.

    Professor Dennis Snower zur Frage: „Welche Faktoren sollen oder könnten die Messgröße BIP ergänzen, um Wohlstand und Wachstum in Zukunft angemessen darzustellen?“

    Eine wesentliche Voraussetzung dafür ist für Colm Kelly allerdings die Anerkennung einer Dualität der globalen und lokalen Volkswirtschaften: „Wir müssen uns auf das Dorf, die Stadt und die Metropole als den Ort konzentrieren, in dem sich der soziale Fortschritt und der wirtschaftliche Erfolg am meisten bemerkbar machen. Und somit die Globalisierung als Kraft des lokalen wirtschaftlichen und sozialen Wohlbefindens neu ausrichten.“

    Auf diesem Weg müsse auch die Art der Arbeit und Erfüllung neu gedacht werden, sagt Colm Kelly. Innovative Technologien sollten auch dazu beitragen, das Wachstum dieser beiden Faktoren zu verbessern und aufeinander anzupassen. Dazu gehöre ebenfalls festzulegen, wie künftig Karrieren und Arbeitsplätze gemanagt werden. Die Erkenntnisse der Vordenker fasst Kelly so zusammen: „Wir müssen erkennen, dass die wesentliche Schaffung von wertvoller Arbeit ein dramatisches Wachstum bei der Zahl neuer Firmen erfordert, viele davon mit dem Schwerpunkt auf der Schaffung neuer Formen der Arbeit. Um erfolgreich zu sein, müssen diese Unternehmen auf globale Plattformen zurückgreifen können. Das erfordert eine verbesserte Zusammenarbeit von großen globalen Firmen und lokalen Unternehmern.“

    Um schnelle Fortschritte zu erzielen, können einzelne Länder auf diesem Weg nicht länger isoliert agieren. Zu viele Themen sind grenzüberschreitend und die Auswirkungen von Ereignissen an einem Ort werden unweigerlich an anderen Stellen auf dem Planeten spürbar, vor allem in den Bereichen Migration, Technik und Umwelt.

    Professor Dennis Snower zur Frage: „Wie kann eine grenzüberschreitende Kooperation funktionieren?“

    „Das übergeordnete Ziel ist es, geschäftliche, wirtschaftliche und gesellschaftliche Ergebnisse neu auszurichten. Aber diese Fragen können nicht ohne kollaboratives Engagement zwischen Regierungen, Unternehmen und anderen Stakeholdern sowohl international als auch innerhalb der Länder angesprochen werden“, ist Colm Kelly überzeugt.

    Um dieses Ziel zu erreichen, reiche heute allein der politische Wille nicht mehr aus. Auch der einzelne Bürger sei gefordert, mehr Empathie und Verständnis für einander und unterschiedliche Nationen und Kulturen aufzubringen.

    Wirtschaft könne letztlich nur gut funktionieren, wenn jeder das Gemeinwohl vor Augen habe. „Das bedeutet für die Entscheidungsträger in der Wirtschaft, dass gerade sie dieses Gemeinwohl vorantreiben müssen. Und zwar nicht, um guten Willen zu zeigen, sondern als eine Haltung, die es ihnen ermöglicht, einen positiven Beitrag zum sozialen Wohlergehen der Menschen zu leisten“, so das Fazit von Professor Dennis Snower.

    Professor Dennis Snower zur Frage: „Welche Rolle kommt Politik und Unternehmen in diesem Veränderungsprozess zu?“

    Bildnachweis: Raimund Linke/GettyImages

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