KI ist weder Technologie noch Business

Chris Boos
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Was fasziniert Sie an KI?

KI ist die Schlüsseltechnologie, um das von Skaleneffekten und dem Bedarf an effizienten Menschen geprägte Industriezeitalter hinter uns zu lassen. KI wird Effizienz und Spezialisierung auf die Seite der Maschinen ziehen und den Menschen mehr Zeit für Menschlichkeit, Entdeckung und Gemeinschaft bringen. KI ist also einer der Punkte, an dem sich Naturwissenschaft und Philosophie wieder treffen. Das finde ich faszinierend – ganz davon abgesehen, dass es ein intellektuell herausforderndes Thema ist.

Welche künftigen Probleme wird KI lösen, von denen wir heute noch nichts wissen?

Wenn wir das Problem noch nicht einmal kennen, wird es auch schwer sein, eine Lösung dafür herbeizudichten. Was man aber sagen kann, ist, dass wir Menschen einen sehr seltsamen Umgang mit der einzig wahrhaft begrenzten Sache haben, die es gibt: Wir gehen äußerst schlecht mit unserer Lebenszeit um. Und dabei, das zu verbessern, hilft KI mit Sicherheit.

Was wird KI niemals können?

Neugier, Mitgefühl und Leidenschaft sind Eigenschaften, die bei KIs nicht absehbar sind.

Chris Boos ist Gründer und CEO der Frankfurter Arago GmbH, Pionier auf dem Feld der künstlichen Intelligenz und Mitglied im Digitalrat der Bundesregierung.

Francesca Rossi
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Was fasziniert Sie an KI?

KI ist eine strikte wissenschaftliche Disziplin. In jedem ihrer Felder geht es darum, einer intelligenten Maschine essenzielle Fähigkeiten zu verleihen: Lernen, Verstehen, Schlüsse ziehen, Begründen, Planen, Optimieren, Wissensrepräsentation und so weiter. Zugleich ist KI eine Zukunftsvision. Wer an KI arbeitet, trägt zu dieser Vision bei und gestaltet die Zukunft mit. Das ist gar nicht so einfach, denn die Technologie entwickelt sich rasch weiter. Ihr allgegenwärtiges Vordringen in unser tägliches Leben bringt auch das eine oder andere Problem mit sich, mit dem wir uns werden auseinandersetzen müssen. Aber ich empfinde es als extrem bereichernd, zum wissenschaftlichen Fortschritt auf diesem Gebiet beitragen zu können und die positiven Auswirkungen der KI auf Mensch und Gesellschaft zu sehen.

Welche künftigen Probleme wird KI lösen, von denen wir heute noch nichts wissen?

Auf eine ganze Reihe grundlegender Fragen dieser Welt wissen wir noch keine Antwort. Eine Riesenaufgabe ist der Kampf gegen Armut, mangelnde Bildung, Lebensmittelverschwendung und Hunger oder auch Gesundheitsprobleme. Mithilfe von KI finden wir hoffentlich Lösungen dafür. Ein weiteres großes Betätigungsfeld hat mit unserem Planeten zu tun: KI könnte uns helfen, zu einer nachhaltigen Entwicklung zu finden und das Problem des Klimawandels zu bewältigen. Das dritte Feld sind Gesellschaft und Politik: KI könnte uns helfen, zu verstehen, wie die Entscheidungsträger am besten den Bedürfnissen der Bürger gerecht werden können.

Was wird KI niemals können?

Ich finde, wir sollten uns eher die Frage stellen, was KI nicht können sollte. Diese Technologie wird doch von Menschen entwickelt. Nur weil KI künftig zu etwas Bestimmtem in der Lage sein könnte, heißt das noch lange nicht, dass wir das auch so haben wollen. Wenn wir möchten, dass die KI unsere Intelligenz erweitert und den Menschen unterstützt – und ich denke, das sollte sie –, müssen wir sicherstellen, dass sie für dieses Ziel ausgelegt wird. Wir müssen sie mit genau den Fähigkeiten versehen, die sie braucht, um diese Rolle zu übernehmen. Das heißt, wir müssen der KI bestimmte ethische Grundsätze mit auf den Weg geben. Der Mensch darf dabei nichts von seiner Würde, Autonomie und Menschlichkeit verlieren. Im Gegenteil: Technologie sollte uns unterstützen, damit wir uns mehr auf das konzentrieren können, was uns menschlich macht, wie soziale Interaktion, Emotionen und Kreativität.

Francesca Rossi ist beim IT-Unternehmen IBM global für das Thema Ethik der künstlichen Intelligenz verantwortlich.

Saskia Esken
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Was fasziniert Sie an KI?

Wir müssen aufpassen, dass wir uns nicht in der Idee verlieren, die menschliche Intelligenz nachzubilden – ich halte das für eine Anmaßung, und von „I, Robot“ sind wir Jahrhunderte entfernt. Doch auch die sogenannte schwache KI eröffnet ungekannte Möglichkeiten, Wissens- und Datenlagen intelligent zu nutzen, deren Umfang und Komplexität die Leistungsfähigkeit des menschlichen Gehirns überfordern. Dabei kann eine smarte Datenanalyse ganz neue Erkenntnisse bieten, die das menschliche Erkennen, Denken und Entscheiden unterstützen und ergänzen: Während der Mensch als Allroundtalent sehr gut darin ist, in neuen Situationen die unterschiedlichsten Kompetenzen und Erfahrungen intuitiv heranzuziehen, haben die Maschinen jeweils Spezialtalente, können große Wissens- und Datenmengen schnell auswerten und auch in unstrukturierten, großen Datenmengen strukturelle Zusammenhänge erkennen. Der Wert der KI für den Menschen ergibt sich aus dem kooperativen Miteinander dieser Verschiedenheit.

Welche künftigen Probleme wird KI lösen, von denen wir heute noch nichts wissen?

Künstliche Intelligenz wird die Art von Problemen lösen, die wir vorgegeben haben und die sie lösen kann – basierend auf Datenzugang, Rechnerkapazitäten und Strom. Es ist an uns als Gesellschaft, zu überlegen und zu entscheiden, welche Probleme wir mit der Unterstützung von KI lösen wollen und welche Rahmenbedingungen dafür zu setzen sind. Was die Ziele anbelangt, sollten wir weiterhin das Unmögliche versuchen und eine nachhaltige und gerechte Welt anstreben, in der (auch) künftige Generationen gut leben können. Welche Probleme sich dann konkret stellen, welche Träume und welche Wünsche die Menschen in der Zukunft verfolgen – diese Frage überlasse ich meinen Enkelinnen.

Was wird KI niemals können?

Ich bin mir nicht sicher, ob ich die Frage beantworten kann. Aber vielleicht besteht die Frage gar nicht darin, was KI können wird, sondern was sie dürfen soll und was nicht. Und auch diese Frage wird möglicherweise immer wieder neu zu stellen und neu zu beantworten sein. Wir kennen die Zukunft nicht, aber es ist und bleibt unsere Aufgabe, sie zu gestalten.

Saskia Esken, MdB (SPD), ist Informatikerin und gehört den Bundestagsausschüssen Digitale Agenda und Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung an.

Fabian J. G. Westerheide
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Was fasziniert Sie an KI?

Dass wir Menschen versuchen, Gott zu sein und unser Ebenbild bauen. Künstliche Intelligenzen sind heute nicht wie Menschen, doch werden sie uns täglich ähnlicher. Sie fangen an, die Welt zu sehen, zu hören und zu verstehen wie wir. Sie denken logisch, bauen Kenntnisse und Wissen auf, lösen komplexe Probleme und nehmen den Menschen Arbeit ab. Der Mensch erschafft eine Form in Intelligenzen, die ihn eines Tages übertreffen mögen. Das mag ungemein dumm sein oder absolut genial.

Welche künftigen Probleme wird KI lösen, von denen wir heute noch nichts wissen?

Wie wir Stufe 2 der Kardaschow-Skala* erreichen und die Energie des Sonnensystems für uns nutzen können. Daraufhin wird die KI uns helfen, die Galaxie zu besiedeln.

Was wird KI niemals können?

Es gibt keine Grenzen für die KI. Irgendwann erreichen wir den Punkt, an dem Genetik, Maschinen, Biologie, Chemie, Physik miteinander verschwimmen. Wir Menschen integrieren KIs in uns. KIs werden biologische Hüllen tragen. Wo wird noch der Unterschied sein?

Fabian J. G. Westerheide ist Unternehmer und Investor mit Faible für KI. 2014 gründete er den Venture-Capital-Fonds Asgard. Er organisiert seit fünf Jahren die internationale Konferenz „Rise of AI“ in Berlin.

Yvonne Hofstetter
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Was fasziniert Sie an KI?

KI ist weder Technologie noch Business. Es ist ein Catch-all-Konzept aus mathematischen Theorien und diversen Techniken. Eine davon hat große Karriere gemacht: das „Deep Learning“. Je nach Einsatzdoktrin sind KI-Techniken unterschiedlich gut darin, ein Problem zu lösen. Welche KI-Techniken in der Praxis funktionieren oder überhaupt Wert erzeugen, hängt daher ganz entscheidend davon ab, wie sich der Anwendungskontext für KI entwickelt. Konzeptionell „richtig“ eingesetzt, ist KI ein hochvermögender Lösungsansatz, der die Macht der Mathematik demonstriert. Und das fasziniert mich an KI: ihre Mathematik, wenn sie die Welt modelliert, prognostiziert und steuert. KI mit all ihren Paradigmen, nicht nur Machine Learning, nutzt Mathematik weit jenseits dessen, was sich ein Laie vorstellen kann.

Welche künftigen Probleme wird KI lösen, von denen wir heute noch nichts wissen?

Die Zukunft gehört Systemen, die in dem Sinne hybrid sind, dass sie in Massendaten erkannte semantische Konzepte vor dem Hintergrund eines Lagebilds interpretieren und damit sowohl Theorie als auch datenzentrierte Ansätze miteinander verbinden. Sie koppeln die Datenanalyse mit theoretischen Weltmodellen; das hat den Charme, dass die KI dem menschlichen Nutzer erklären kann, was sie gerade „denkt“. Künftige KI wird sich also erklären und die Frage „Tell me why“ beantworten. Das wird sie potenziell bei allen Entscheidungen unter Unsicherheit tun: bei ihren Finanzinvestitionen, beim Risikomanagement, bei politischen Entscheidungen angesichts einer staatlichen Krise. Übrigens forschen Politik und Wissenschaft daran, KI entscheiden zu lassen, ob eine Nation einen Militärschlag gegen einen anderen Staat führen soll oder nicht. Zum Beispiel: Eine amerikanische KI soll entscheiden, ob sie einen (nuklearen) Angriff gegen den Iran führt. Meiner Meinung nach löst das keine künftigen Probleme, sondern schafft sie erst recht.

Was wird KI niemals können?

Sie wird nie zu der Superintelligenz werden, die uns vorschwebt. KI werden wir in vielen Systemen als Teilkomponente finden. Denkbar ist, dass eine Intelligenz ungeplant entsteht, weil viele künstliche Intelligenzen in derselben Umwelt interagieren. Sie kommunizieren nicht direkt, sondern mittelbar über die Daten, die ihre gemeinsame Umwelt erzeugt. Vielleicht wächst eine ungewollte KI einmal aus dem Boden, den wir in einigen Jahrzehnten mit intelligenten Nanopartikeln verseucht haben? Aber sie wird nicht so sein wie der Mensch. KI ist eine Maschine, der Mensch ist mehr als eine Maschine. Dass uns das Silicon Valley einredet, der Mensch sei nur ein biologischer Algorithmus, ist eine Ideologie.

Yvonne Hofstetter ist Juristin, langjährige IT-Unternehmerin, Autorin und gefragte Vortragsrednerin. Ihre KI-kritischen Bücher „Sie wissen alles“ (2014) und „Das Ende der Demokratie“ (2016) standen auf der Bestsellerliste des „Spiegel“.

Alexander Franke
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Was fasziniert Sie an KI?

Wir haben jetzt die Werkzeuge, um mithilfe von KI viele Herausforderungen auf eine neue Art und Weise zu lösen. Die Karten sind bereits neu gemischt. Gerade Start-ups haben die Möglichkeit, viel zu gestalten – egal wo. KI ist weltweit verfügbar und das Wissen dazu auch. Der Zugang zu KI und die Anwendung sind damit bereits maximal demokratisiert. Mich fasziniert, dass KI nicht den Eliten vorbehalten ist und allen zur Verfügung steht, die über ein Smartphone und einen Internetzugang verfügen. Ich hoffe, dass viele Talente in benachteiligten Ländern und Regionen diese Chance für sich nutzen. Der technische Fortschritt ist damit nicht mehr aufzuhalten.

Welche künftigen Probleme wird KI lösen, von denen wir heute noch nichts wissen?

KI wird banale Probleme lösen, ohne dass wir es merken. Zukünftige Generationen werden bestimmte Funktionen als selbstverständlich ansehen und nicht erkennen, welches Problem gerade durch KI gelöst worden ist. Für viele Menschen wird es in 30 Jahren schwer vorstellbar sein, ein Auto, in dem die eigene Familie sitzt, selbst zu steuern. Wir beginnen bereits heute damit, die Verantwortung für die einfachsten Dinge in die Hände von KI zu legen. „Wann muss ich los zum Flughafen, um meinen Flieger zu erwischen?” ist da nur ein kleines Beispiel. Wir verlassen uns auf die Abschätzung der zukünftigen Verkehrssituation, auf die Empfehlung der optimalen Schlafenszeit und vieles mehr. All diese kleinen Bausteine formen eine Welt, in der wir in vielen Situationen unbewusst von KI unterstützt werden.

Was wird KI niemals können?

Die tiefe, nachhaltige Beziehungsebene zwischen Menschen wird KI auf immer verwehrt sein. KI wird es niemals schaffen, eine starke emotionale Verbindung zu Menschen aufzubauen. Der lebenslange Begleiter, der Freund und Partner, der uns bis zum Sterbebett begleitet, der Reisepartner – all dies wird KI nicht erreichen.

Alexander Franke ist CEO und Mitgründer des Start-ups botconnect.ai, das auf die Zusammenarbeit von Mensch und künstlicher Intelligenz im Unternehmen setzt, etwa in der Versicherungswirtschaft.

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