Die Zukunft des Bezahlens

Herr Mayer-Schönberger, was wird sich beim Bezahlen stärker verändern: der Preis oder das Geld?
Es geht um viel mehr. Es geht um den Markt. Es ist ein zentrales Missverständnis, wenn man den Markt nur als Transaktionsplatz sieht, wo man etwas zahlt und dafür etwas bekommt. Dann ändert sich durch die Digitalisierung nur das Tauschmittel – dass wir statt mit Geld zum Beispiel mit Information bezahlen. Nun ja, auch eine solche Änderung kann einen CFO schon nervös machen – wenn er bisher alles in Euro bilanziert und dann in Zukunft mit vielen anderen Tauschmitteln zu tun hat, kann er sich schon fragen, wie er das denn machen soll.

Damit verstellt er sich aber den Blick auf das, was wirklich passiert. Das ist so, als würde man sich Gedanken machen, wie man die Liegestühle auf dem Sonnendeck der Titanic am besten aufstellt, während das Schiff gerade untergeht. Auch die großartigsten Gedanken über alternative Tauschmittel bringen einem CFO wenig, wenn die gesamten Marktmechanismen sich verändern – denn dann fällt vielleicht sein Geschäftsmodell weg.

Wie verändern sich die Marktmechanismen denn gerade?
Dabei geht es in erster Linie um die Koordinationsfunktion des Marktes. Er hilft, dass sich Menschen koordinieren, ohne dass wir die gleichen Ziele haben müssten. Wir müssen nur komplementäre Ziele haben: Sie wollen etwas verkaufen, ich will etwas kaufen. Das ist leichter zu organisieren, als viele Menschen hinter einem gemeinsamen Ziel versammeln zu müssen.

Viktor Mayer-Schönberger ist Professor für Internet Governance and Regulation am Oxford Internet Institute. Mehr lesen »

Viktor Mayer-Schönberger ist seit 2010 Professor für Internet Governance and Regulation am Oxford Internet Institute. In dieser Funktion berät der promovierte Rechtswissenschaftler Unternehmen, Regierungen und internationale Organisationen. Er beschäftigt sich mit den gesellschaftlichen Folgen der Nutzung von Big Data. Bereits als 19-Jähriger gründete er die Softwarefirma Ikarus und entwickelt Antiviren-Programme. Weniger lesen »

Wobei ja auch das schon mal vorkommen soll.
Bei der Armee beispielsweise. Die hat ja ein Problem, wenn Leute in unterschiedliche Richtungen gehen. Die Generäle müssen darauf achten, dass alle das gleiche Ziel haben. Das ist beim Markt anders. Da darf es sehr viele unterschiedliche Ziele geben. Solange der Markt groß genug ist, ist es möglich, dass ich jemanden finde, der ein komplementäres Ziel zu meinem hat. So kann ich kaufen und mein Gegenüber verkaufen, und beide können wir dadurch unser Ziel erreichen. Das ist die Koordinationsfähigkeit des Marktes.

Und wie wird dieser Mechanismus durch die Digitalisierung verändert?
In zweierlei Weise. Die erste Veränderung ist die der Machtkonzentration. Für eine erfolgreiche Koordinierung muss der Markt dezentral aufgebaut sein – jeder muss diesen einen Transaktionspartner mit komplementären Zielen finden, ausverhandeln und die Transaktion durchführen. Dafür muss sehr viel Information fließen, von allen zu allen. Die großen Digitalkonzerne, allen voran Amazon, agieren aber zentralistisch: Sie betreiben Marktplätze, auf denen sie die einzige Kommunikationsschnittstelle sind. Sie sehen alles, was am Markt kommuniziert wird, sie verfügen über den gesamten Informationsfluss, und sie haben sich die exklusive Fähigkeit ausbedungen, uns zu sagen, wie wir uns entscheiden sollen.

<p>Prof. Dr. Viktor Mayer Schoenberger</p>

Prof. Dr. Viktor Mayer Schoenberger

Was für den Kunden die Entscheidung aber auch einfacher macht!

Natürlich tut sich der Mensch schwer, eine Vielzahl von Informationen in Entscheidungen umzusetzen. Und natürlich helfen die Amazons mir scheinbar, den richtigen Transaktionspartner zu finden – allerdings ohne dass ich weiß, ob es bei dieser Selektion mit rechten Dingen zugeht oder nicht. Das ist im Marktmechanismus scheinbar besser gelöst: Wir destillieren alle Informationen am Markt in eine einzige Zahl, den Preis – und nur diesen Preis kommunizieren wir. Damit wird auch die Entscheidung leicht: Wer bietet den günstigsten Preis? Dessen Produkt kaufe ich. Auch wenn ich damit die Informationen willkürlich verkürze.

Diese Konzentration aller Informationen auf einen Preispunkt lässt sich in der Digitalisierung aber nicht mehr aufrechterhalten?
Exakt. Wir haben die technischen Voraussetzungen geschaffen für mehr Informationsfluss und bessere Entscheidungen; wir können mit viel mehr Informationen umgehen und sie austauschen.

Der Preis spielt keine Rolle mehr?
O doch, natürlich. Aber zumeist nicht mehr die zentrale Rolle. Nehmen Sie einen heute so alltäglichen Vorgang wie die Suche eines Hotels über eine Buchungsplattform. Sie können sehr einfach Filter für viele Kriterien gleichzeitig setzen – Lage, Ausstattungsmerkmale, Anbindung an den Nahverkehr, Kundenbewertung und so weiter. Der Preis ist dabei nur noch ein Kriterium von vielen. Solche multidimensionalen Vergleiche sind sehr viel einfacher geworden.

Wenn immer mehr Informationen im Spiel sind, müsste das nicht auch zu einer Differenzierung der Preise führen? Zu spezifischen Preisen für jeden Marktteilnehmer, wie auf einem arabischen Basar? Zu unterschiedlichen Preisen je nach Uhrzeit oder Stimmung?

Je durstiger ich bin, desto höher also der Preis, den ich für ein Bier akzeptiere. Wenn jetzt der Barbesitzer über die Daten verfügt, die meine Smartwatch sammelt, kann er den Bierpreis entsprechend meinem Durstpegel optimieren. Und wenn mein Smartphone sagt, dass es ein iPhone ist, kann der Verkäufer einen höheren Preis verlangen, als wenn es ein Android-Gerät ist. Allerdings wird jemand, der ein iPhone hat, eventuell auch höhere oder zumindest andere Erwartungen an ein Produkt haben.

Führt eine solche Ausdifferenzierung von Preisen entsprechend den Informationen, die es über den Käufer gibt, nicht auch zu einer Zerfaserung des Marktes?
Ich denke, es wird auch einige Bereiche des Marktes geben, in denen das schlicht nicht erlaubt wird – in denen Festpreise gesetzlich verpflichtend sein werden.

Zum Beispiel?
Etwa alles, was der Grundversorgung dient. Bei Grundnahrungsmitteln, bei Wasser, Strom und Miete ist es wichtig, Marktblasen vorzubeugen. Dafür sind Festpreise oder Höchstpreise geeignete Mittel. Im Rest des Marktes wird der Preis individueller werden – und das wird dazu führen, dass manche mehr und manche weniger zahlen.

Ist das eine Entwicklung, die wir bedauern müssen? Oder ist das okay so?
Wenn wir das mit bestimmten Rahmenbedingungen begleiten, wie beispielsweise Festpreisen für die Grundversorgung, dann kann das die Kunden nicht nur entmachten, sondern auch stärken. Denn es funktioniert ja ebenso andersherum: Mehr Preistransparenz bedeutet auch, leichter Schnäppchen zu finden.

 

Seit einiger Zeit erleben wir eine Gründungswelle von Währungen, erst Regio, dann Krypto, und jetzt will auch Facebook mit einer eigenen Weltwährung mitmischen. Müssen wir uns auf Zustände wie im Mittelalter einstellen, als die Kaufleute mit Hunderten von verschiedenen Münzsorten jonglieren mussten?
Ich glaube nicht. Unterschiedliche Währungen werden nur dann von den Konsumenten und Konsumentinnen akzeptiert, wenn daraus ein Mehrwert, ein zusätzlicher Nutzen, abgeleitet werden kann. Vor 500 Jahren gab es diese Vielfalt, weil viele kleine Grafschaften und Fürstentümer das Privileg zur Ausgabe eigener Währungen hatten. Das war ja nicht einem Marktmechanismus geschuldet, sondern einer Fragmentierung auf politischer Ebene. Die Menschen hingegen wollten, damals wie heute, einen möglichst einfachen Zahlungsmechanismus mit möglichst geringen Transaktionskosten. Wer das anbieten kann, der gewinnt – und das ist automatisch jemand, der möglichst viele Netzwerkeffekte und Partner auf seiner Seite hat. Die dominante Währung, wie in Europa der Euro, hat einen Riesenvorteil, weil jede Alternativwährung immer mit Transaktionskosten zu kämpfen hat.

Wir müssen uns also keine Gedanken darüber machen, wie viele Währungen sich Unternehmen, Bürgermeister oder Nerds einfallen lassen, sondern können darauf vertrauen, dass es Ankerwährungen gibt, an denen wir uns orientieren können?
Es muss sich eher derjenige, der eine solche Währung herausbringt, die Frage stellen, ob das jenseits von Nischenanwendungen wie etwa einem Rabattsystem überhaupt sinnvoll ist.

Wie beantworten Sie diese Sinnfrage für die populärste dieser neuen Währungen – nämlich für Bitcoin?
Im Moment sehe ich den großen Nutzen von Bitcoin oder vergleichbaren Digitalwährungen noch nicht. Es scheint mir ein Werkzeug zu sein, das noch immer auf seinen Anwendungsfall wartet – seine Killer-App. Für mich ist das eigentlich Spannende nicht so sehr Bitcoin, sondern es sind „digital distributed ledgers“ – digitale Transaktionsdatenbanken. Also im Wesentlichen die Blockchaintechnologie, die eine dezentrale Informationsverteilung erlaubt, ohne dass jemand die Infrastruktur kontrollieren muss. Denn wenn ich einen dezentralen Markt habe, dann will ich auch dezentrale Informationsflüsse haben. Da kann Blockchain helfen.

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