Vom Hakelmacher zum Technologieversteher

Seit wann gibt es eigentlich den Wirtschaftsprüfer und wie ist das Berufsbild entstanden?
Unser Berufsstand hat eine lange Geschichte. Schon im alten Babylon wurde das Tempelvermögen geprüft. Im 14. Jahrhundert wurden in oberitalienischen Städten wie Genua sogenannte „Visitatoren“ eingesetzt, um Bücher von Kaufleuten zu überprüfen. Auslöser war der Aufschwung des Handels, inspiriert durch die damalige Renaissance in Italien. Die heute noch angewendete „doppelte Buchführung“ hat 1494 in Venedig ein gewisser Luca Pacioli entwickelt. Die Berufsbezeichnung „Öffentlich bestellter Wirtschaftsprüfer“ wurde allerdings erstmalig in einer Aktienrechtsnovelle aus dem Jahre 1931 genannt. Jahresabschlussprüfungen lagen zur damaligen Zeit noch in der Verantwortung einer Reichsbehörde. Später wurde diese Behörde aus Unabhängigkeitsgründen privatisiert und die ersten WP-Gesellschaften entstanden. Die Prüfung in den 30er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts entstand als Schutzfunktion, damit die Unternehmen nicht zu viel Dividende ausschütten. Die Interessen des Berufsstandes werden seit 1932 durch das Institut der Wirtschaftsprüfer (IDW) wahrgenommen.

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Prof. Dr. Rüdiger Loitz leitet den Bereich Capital Markets & Accounting Advisory Services von PwC Deutschland und beschäftigt sich insbesondere mit der prozessualen Umsetzung von Accounting Standards in Unternehmen. Weniger lesen »

Wie hat sich der Berufsstand dann weiterentwickelt?
Der Aufgabenbereich des Wirtschaftsprüfers hat sich in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts schrittweise erheblich gewandelt. Anfangs gab es kein vernünftiges Bilanzrecht und auch keine Kapitalschutzvorschriften, das wurde 1965 eingeführt. Da begann auch die Zeit des „Hakelmachers“ – es gab damals verschiedene Haken, je nachdem wie gerechnet wurde. Der Begriff stammt aber von Eberhard Schäffler, der als Betriebswirtschaftsprofessor, Wirtschaftsprüfer und Steuerberater unter dem Pseudonym „Sebastian Hakelmacher“ erheiternde Expertenbeiträge zum Thema geschrieben hat. Diese Tätigkeiten wurden irgendwann elektronisch abgewickelt. Ich erinnere mich noch gut an die „Schlepptops“, auf denen zu Beginn der 80er-Jahre sehr viel mit Excel gerechnet wurde. Daher stammt auch der Spitzname „Excel-Papst“, der uns Wirtschaftsprüfern verliehen wurde.

Wie ging es dann im neuen Jahrtausend weiter?
Anfang des Jahres 2000 konnten wir schon Massendaten im Terabytebereich verarbeiten, die wir von den Unternehmen abgezogen haben. Viele Jahre später folgte „Halo for SAP“, eine automatisierte Prüfung der Rechnungswesensysteme, ohne eine zusätzliche Belastung in der Organisation der Mandanten zu verursachen. Gleichzeitig erlaubt das Tool einen fundierten Überblick über die Verlässlichkeit der Daten und Informationen.

Was bewirkte der Einzug der KI in die Wirtschaftsprüfung, der etwa 2015 begann?
KI ist mehr als intelligente Datenanalyse. KI kann Sprache: Sie versteht Texte und Dokumente, kann selbst Texte produzieren und Fragen beantworten. Dieses Potenzial wollten wir unbedingt explorieren. In der Wirtschaftsprüfung und im Finanzwesen geht es ja schon längst nicht mehr nur um Zahlen. Die wertvollsten Unternehmen der Welt basieren auf Algorithmen und Daten, die wir schlussendlich beurteilen müssen. Viele Informationen stecken auch in Texten, werden in Berichten publiziert und können für die Beantwortung von gezielten Fragen verwendet werden. Benchmarking-Tools erlauben uns den Unternehmensvergleich. Aus Wirtschaftsberichten, die im Netz veröffentlicht sind, extrahieren sie Indikatoren. Die Zeitreihendarstellung der Kennzahlen ermöglicht einen direkten Vergleich zwischen Wettbewerbern für das Unternehmen selbst, für Wirtschaftsprüfer oder Investoren. Die Anwendungsmöglichkeiten sind vielfältig: Vergleich der Performanz, Vergleich von Prognosen, Kreditwürdigkeitsprüfungen.

Wie sehen Sie die Zukunft der Wirtschaftsprüfung in dieser durchdigitalisierten Welt?
Man muss künftig als Wirtschaftsprüfer nicht gleich Informatiker sein, aber ein großes Technologieverständnis mitbringen. Ein Schwerpunkt unserer Tätigkeit liegt auch auf hybridem Lernen, also der intelligenten Kombination von maschinellem Lernen und Expertenwissen. Das verlangt von uns, neben der tiefen Kenntnis der Rechnungslegungsstandards, noch mehr als bisher zu verstehen, wie Technologie ablaufen kann. Zum Beispiel entwickeln wir aktuell ein Reporting-Tool. Es soll selbstständig Finanzberichte aus gegebenen Kennzahlen erstellen, etwa zum Umsatz oder zur Mitarbeiterstärke eines Unternehmens. Die Zahlen sollen automatisch bewertet und entsprechende Formulierungen für den Bericht gewählt werden. Solche Berichte sind sehr standardisiert und die automatische Erstellung erspart Routinetätigkeiten. Mittelfristig kann ich mir auch eine KI-Plattform für die Wirtschaftsprüfung vorstellen. Darauf würden KI-Anwendungen als Dienste laufen. Einige dieser KI-Dienste werden im Netz frei verfügbare Daten und Berichte sammeln, benchmarken und zur Integration mit Kundendaten auf der Plattform bereitstellen. Zu diesen KI-Diensten zählen auch Chatbots, deren Wissensquellen ebenfalls auf der Plattform liegen würden. Schließlich gäbe es auf der Plattform KI-Anwendungen in Form von Apps, die in der IT-Infrastruktur des Mandanten ablauffähig wären, um die dort vorgehaltenen Daten zu analysieren. Zur Anreicherung der Kundendaten könnten die Apps auch auf die öffentlichen Daten auf der Plattform zurückgreifen. Der Einsatz solcher Tools schaufelt viel Zeit bei unseren Mitarbeitern frei für tief gehende kombinatorische Analysen und die eingehende Beratung in vielen geschäftsfeldbezogenen Gebieten unserer Mandanten.

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