3 Fragen, 6 kluge Köpfe

Petra Justenhoven
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Was ist Ihre Lieblingszahl? Warum? Was ist an dieser Zahl besonders?

Die Vier. Sie steht für die vier Elemente und die vier Jahreszeiten, also Wechsel und Stabilität gleichermaßen. Außerdem haben wir viermal das P als Anfangsbuchstaben der Vornamen in unserer Familie.

Wo vertrauen Sie mehr auf Zahlen als auf Ihr Bauchgefühl?

Als Wirtschaftsprüferin habe ich einen gesetzlichen Auftrag, Jahres- und Konzernabschlüsse von Unternehmen zu prüfen. Dadurch können viele andere auf die Zahlen und finanziellen Informationen vertrauen: Investoren, Kleinaktionäre, Banken, Arbeitnehmer, Lieferanten oder der Staat. Verlässliche Kennzahlen und gute Prognosen sind die Grundlage, um die Zukunft eines Unternehmens zu beurteilen und Investitionsentscheidungen zu treffen. Dafür braucht es heute mehr als Zählen, Messen, Wiegen. Die Digitalisierung hat die Menge verfügbarer Daten vervielfacht und erfordert neue Technologien und Herangehensweisen. Beispielsweise arbeiten wir bei der Analyse von Massendaten mit Algorithmen (inzwischen rund 1.500), um Anomalien in Milliarden von Transaktionsdaten binnen Sekunden zu erkennen. Oder wir prüfen Vertragsdaten mithilfe von künstlicher Intelligenz. Trotzdem gilt es, das Gesamtbild zu verstehen und die Zahlen zu interpretieren. Hierbei spielt auch das Bauchgefühl als Ausdruck jahrelanger Erfahrungen eine Rolle.

Wie weit lassen Sie sich im Alltag von Zahlen leiten?

Zahlen, Daten, Fakten helfen bei geschäftlichen oder beruflichen Entscheidungen, sind sie doch Ergebnis von Entwicklungen oder Ausdruck von Trends. Auch qualitative Daten, etwa die Zufriedenheit unserer Mitarbeiter, übersetzen wir in quantitative Daten. Das ermöglicht den Vergleich über die Jahre hinweg oder zwischen einzelnen Bereichen. Aber nur der tiefe Blick hinter die Zahlen führt zur Erkenntnis der Ursachen und Zusammenhänge. Und für meine Entscheidungen gilt: Nur werteorientiert ist wertorientiert. Auch im privaten Alltag hilft es, eins und eins zusammenzuzählen – auf jeden Fall bei den Höhenmetern auf dem Berg oder beim Kuchenbacken. Aber vieles mache ich hier frei nach Loriot: „Eine Hausfrau hat das im Gefühl.“

Petra Justenhoven, PwC, Mitglied der Geschäftsführung von PwC Deutschland

Jörg Schönenborn
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Was ist Ihre Lieblingszahl? Warum? Was ist an dieser Zahl besonders?

Ich mag die Fünf. Wenn sie am Wahlabend auf unseren Prognosetafeln steht, sorgt sie für Spannung und Aufmerksamkeit. Und schärft das Bewusstsein, dass es manchmal tatsächlich auf jede einzelne Stimme ankommen kann – zumindest um Prozenthürden zu überwinden.

Wo vertrauen Sie mehr auf Zahlen als auf Ihr Bauchgefühl?

Beim Blick auf den Tacho? Nein, im Ernst: zum Beispiel, wenn wir in den sozialen Netzwerken unterwegs sind. Durch die Zahl der Freunde, die uns liken, loben oder unsere Videos weiterverbreiten. Da denken wir, alle stimmen uns zu. Oder wir lesen ein paar Hassposts, und glauben, die ganze Welt ist böse. Da holen uns dann harte Zahlen auf den Boden der Tatsachen zurück.

Wie weit lassen Sie sich im Alltag von Zahlen leiten?

Nicht so sehr weit. Ich bin jeden Tag umgeben von Quoten, Klickzahlen, Marktanteilen. Sonntags bestimmen Prognosen und Hochrechnungen mein Leben. Da versuche ich, mir klarzumachen: Zahlen sind der Versuch, die Wirklichkeit zu ordnen. Aber sie sind nicht die Wirklichkeit.

Jörg Schönenborn WDR-Fernsehdirektor, Journalist und Moderator vor allem von Wahlsendungen der ARD

Udo Philipp
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Was ist Ihre Lieblingszahl? Warum? Was ist an dieser Zahl besonders?

06061403. Das sind die Geburtstage meiner Kinder. Keine andere Zahl erfüllt mich mit ähnlicher Freude.

Wo vertrauen Sie mehr auf Zahlen als auf Ihr Bauchgefühl?

In einem Finanzministerium kommt es täglich auf Zahlen an: die einzelnen Titel eines Haushalts, die Steuereinnahmen, das Einhalten der Schuldenbremse. Bauchgefühl spielt auch eine Rolle, aber am Ende geht es um harte Zahlen. Das war auch schon vorher so, als ich Investor war bei EQT, einer der führenden Private-Equity-Firmen Europas. Mit dem Bauchgefühl beurteilte man zwar die Qualität des Managements eines Unternehmens. Mit dem Bauch verstand man, was der Firmenverkäufer zwischen den Zeilen erzählte oder wo die Führungskräfte unsichtbar mit den Augen zwinkerten. Letztlich aber wurden alle Deals rein zahlenbasiert entschieden: mit einem nüchternen Businessplan, der zu einer Verzinsung des Eigenkapitals führte

Wie weit lassen Sie sich im Alltag von Zahlen leiten?

Kaum. Im Alltag geht es um andere und letztlich wichtigere Dinge: Familie oder Freundschaft. Und da verlasse ich mich ausschließlich auf mein Gefühl. Auch mein Wechsel von EQT zu den Grünen, in eine ungewisse berufliche Zukunft, geschah eindeutig gefühlsbestimmt. Allerdings waren Zahlen im Spiel. Auslöser waren die Finanzkrise und die Hunderte Milliarden Euro, die allein Deutschland zur Rettung der Banken aufbringen musste. Das darf es nie wieder geben, wenn wir nicht der AfD zur absoluten Mehrheit verhelfen wollen. Meines Erachtens sind die Grünen die Einzigen, die sich konsequent um eine Finanzwende, sprich um eine nachhaltigere, stabilere und kundenfreundlichere Finanzwirtschaft, bemühen. Daher habe ich mit Gerhard Schick und Sven Giegold das Buch „Finanzwende – den nächsten Crash verhindern“ zum Thema geschrieben und eine NGO gegründet. Schon während meines Sabbaticals 2011/12 an der Harvard Kennedy School hat mich neben Kursen über Volkswirtschaft und Bankenregulierung am meisten das Motto der Schule beeindruckt: „Ask what you can do“.

Udo Philip, Staatssekretär (Die Grünen) im Finanzministerium des Landes Schleswig-Holstein

Fabian Westerheide
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Was ist Ihre Lieblingszahl? Warum? Was ist an dieser Zahl besonders?

Lieblingszahlen darf man nicht verraten. Sie sind zu persönlich und oftmals Bestandteil von Passwörtern. Wer die Lieblingszahl verrät, geht in unserer digitalen Zeit ein großes Risiko ein, Opfer von Social Hacking zu werden. Geburtstage, Adressen oder Jahrestage? Passwörter müssen zufällig generiert werden für maximalen Schutz.

Wo vertrauen Sie mehr auf Zahlen als auf Ihr Bauchgefühl?

Immer wenn es Geld oder Kapital betrifft, stehen die Zahlen eindeutig im Vordergrund. Egal ob ich mir Cap Tables ansehe, um Shareholderstrukturen zu prüfen, oder Verträge mit ihren genauen Bedingungen und Absprachen. Da geht es um Gehälter, Stimmrechte oder die Kapitalbeteiligung der Gründer und des Managements – alles Zahlen. Ziele und Erfolge eines Unternehmens lassen sich nun einmal gut in Zahlen messen. Auch beim Kontostand heißt es bei mir: Zahlen, niemals Bauchgefühl. Beim Umgang mit Menschen ist es umgekehrt: Da zählt nur der Bauch. Zufriedenheit, Glück, Stimmung, Freude, Spaß – das lässt sich nicht mit Zahlen messen.

Wie weit lassen Sie sich im Alltag von Zahlen leiten?

Wie gesagt, eigentlich immer. Ich vertraue Zahlen, besonders maschinell erzeugten Codes. Allem, was man auslesen kann. Das sind Nachweise über Fakten und eine aktuelle Abbildung der Realität. Zahlen, die mir Menschen erzählen, sind mir egal. Ich vertraue niemals Zahlen, die aus dem Mund von Menschen kommen. Menschen sind keine Maschinen, sind subjektiv und impulsiv, haben Gefühle und eine Agenda. Was sie sagen, ist ihre persönliche Wirklichkeit.

Fabian Westerheide, Unternehmer, KI-Evangelist und Venture-Capital-Investor in Berlin

Harald R. Fortmann
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Was ist Ihre Lieblingszahl? Warum? Was ist an dieser Zahl besonders?

Es ist die 13. Weil es der Tag ist, an dem mein Sohn geboren wurde. Und weil die meisten Leute das für eine Unglückszahl halten. Ich nicht. Ich schwimme eben gern gegen den Strom. Oder fordere vielleicht auch das Schicksal damit heraus. Das heißt aber nicht, dass ich nicht abergläubisch bin. Schuhe auf dem Tisch bringen Unglück, hat meine Mutter immer gesagt. Daran halte ich mich bis heute. Wichtige Zahlen sind für mich natürlich auch die 5 und die 14, nach denen die Firma benannt wurde, die ich vor einem Jahr gegründet habe. 5:14 ist zum einen die Uhrzeit, zu der ich morgens aufstehe. Zum anderen beschreibt das die geplante Organisation des Unternehmens: fünf Partner, 14 Prozent vom Gewinn gehen an karitative Zwecke.

Wo vertrauen Sie mehr auf Zahlen als auf Ihr Bauchgefühl?

Ich arbeite seit 25 Jahren in der Digitalwirtschaft, die ja per se von den Zahlen 0 und 1 geprägt ist. Auch sonst bin ich ein Zahlenmensch. Dass man Marketing entlang von Key Performance Indicators betreiben sollte, habe ich als einer der Ersten in Deutschland eingeführt. In meiner Tätigkeit bei AOL hatte ich auch viel mit „roten Zahlen“ zu tun. Aber das Ganze ging schon in meiner Kindheit los. Mein Vater war lange Finanzer und Sanierer im Mannesmann-Konzern. Meine Mutter stammte aus einer Bankerfamilie. Wenn wir im Sommer im Auto von unserem Wohnort Paris aus zu den Großeltern nach Bayern fuhren, dann hat sie mit uns stundenlang Kopfrechnen geübt. Das nützt mir noch heute, wenn ich Kandidaten für eine bestimmte Position anhand einer Zahlenbasis beurteile, um den Erfolg der Person zu messen. Doch Empathie, Charisma und Kultur der Persönlichkeit gehören natürlich genauso dazu.

Wie weit lassen Sie sich im Alltag von Zahlen leiten?

Beim Kunden versuche ich, Zahlen auch immer wieder zu relativieren. Ich rate ihm, Phänomene nicht nur zu messen, sondern auch zu erklären, in der ganzen Datenflut den gesunden Menschenverstand einzuschalten. In meinem persönlichen Alltag ist vor allem die Uhrzeit wichtig. Man muss Termine einhalten und einen Rahmen für das Leben setzen. Damit schaffe ich mir Zeit, in der ich nicht auf die Uhr schauen muss – für Sport oder Meditation. Die Weckzeit 5.14 Uhr soll mir eine Minute Zeit geben, um wach zu werden. Vielleicht will ich mir damit auch sagen, dass ich eine Minute früher dran bin als andere. Wahrscheinlich habe ich da eine kleine Macke.

Harald R. Fortmann, Ehemaliger Vizepräsident des Bundesverbandes Digitale Wirtschaft, Personalberater und Digitalmanager

Professor Gabriel Felbermayr
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Was ist Ihre Lieblingszahl? Warum? Was ist an dieser Zahl besonders?

Die Drei ist besonders – nicht nur, weil ich drei Töchter habe. Die Drei symbolisiert die geometrische Form des Dreiecks und damit eine gewisse Symmetrie. Vieles auf der Welt folgt einem „Dreiklang“, zum Beispiel eine gute Geschichte mit Einleitung, Höhepunkt und Schluss. Oder das Leben selbst mit Jugend, Blüte und Alter. Die Konjunktur: Aufschwung, Klimax und Abschwung.

Wo vertrauen Sie mehr auf Zahlen als auf Ihr Bauchgefühl?

Für mich als Wirtschaftswissenschaftler spielen Zahlen natürlich eine riesige Rolle. Wir versuchen ja, das Gefühl möglichst zurückzudrängen und allein Fakten sprechen zu lassen. Jeder von uns folgt gewissen Vorurteilen und unterbewussten Regungen, aber die wollen wir in der Wissenschaft nicht haben. Andererseits ist das Bauchgefühl immer ein guter Test: Wenn es sich regt, ist es vernünftig, genauer hinzuschauen und die Zahlen zu hinterfragen. Wer aber unsere Prognosen, zum Beispiel zum Wirtschaftswachstum, als ungenau kritisiert, sollte bedenken, dass die Statistik eigenen Regeln folgt. Prognosen tragen Unsicherheiten und Fehler stets in sich. Jeder Mittelwert hat eine Varianz. Wir Volkswirte geben aber auch der Unsicherheit eine Zahl: Wir denken in Wahrscheinlichkeiten.

Wie weit lassen Sie sich im Alltag von Zahlen leiten?

Ich bin nicht nur beruflich ein Zahlenmensch. Mich interessiert, welche Temperatur in meinem Haus herrscht und welche Luftfeuchtigkeit. Schon als Schüler in meinem Stiftsgymnasium habe ich eine Zeitreihe über die Durchschnittstemperatur vom Spätbarock bis zur Gegenwart angefertigt; die Daten waren in den Archiven des Klosters verfügbar. Wenn ich über die Rolle der Wirtschaftswissenschaften nachsinne, so ist klar: Wir haben es mit Millionen oder Milliarden menschlicher Einzelentscheidungen zu tun, die nicht immer rational sind und sich dauernd verändern. Es gibt bei uns keine unveränderlichen Naturgesetze wie in der Physik. Und der Untersuchungsgegenstand – die Gesellschaft – ist wahnsinnig komplex. Unsere Wissenschaft ist eher mit der Medizin zu vergleichen: Krankheiten wie Krisen sind nicht aus der Welt zu schaffen, und ihre Ursachen lassen sich manchmal erst ex post klären, mit einer Autopsie.

Prof. Gabriel Felbermayr Präsident des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel

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