Interview

„Innovationen kommen später als angekündigt“

Wie beurteilen Sie den Status quo der Automobilindustrie in Sachen E-Mobilität? Liegt sie im Rückstand gegenüber den politischen Zielen?
Bildlich gesprochen ist Deutschland in Sachen E-Mobility noch am Fuße des Berges. Dabei ist die Nachfrage eigentlich da, aber die Fahrzeuge lassen auf sich warten. Die Hersteller haben lange an der klassischen Verbrennertechnologie festgehalten und waren auf die jetzige Regulierung nicht ausreichend vorbereitet. Auch bei den angekündigten Innovationen kommt alles etwa ein Jahr später als angekündigt und erwartet. Es fehlt ein ansprechendes Angebot. Auch das Tesla Modell S bietet nicht die gewohnte Qualität eines Benziners. Elektrofahrzeuge müssen vom Anspruch her vergleichbar sein mit den jetzigen Fahrzeugen. Verlässlichkeit und Qualität sind die höchste Voraussetzung für eine erfolgreiche und langfristige Marktdurchdringung.

Felix Kuhnert ist Automotive Leader bei PwC Deutschland und weltweit. Mehr lesen »

Felix Kuhnert ist Automotive Leader bei PwC Deutschland und weltweit. Der Branchenexperte arbeitet bereits seit 1997 für die Wirtschafts- und Unternehmensberatungsgesellschaft. Er ist Mitautor zahlreicher Studien des Teams von „PwC Autofacts“. Seine Schwerpunkte liegen auf Strategie-, Transaktions- und Restrukturierungsprojekten, unter anderem bei Unternehmen aus dem Dax 30 und Dax 160, beziehungsweise aus dem Fortune Global 500. Weniger lesen »

Was fehlt, um die „E-Fahrprüfung“ zu bestehen?
Die Ungeduld bei Verbrauchern ist quasi mit Händen zu greifen. Auf den Automobilmessen wird der Eindruck erweckt, es wäre schon alles da, aber das stimmt nicht. Die CEOs der deutschen Automobilkonzerne hätten die Fahrzeuge zwar schon gerne auf der Straße. Aber: Die jetzigen Fahrzeuge sind Konversionsfahrzeuge, sind immer noch traditionelle Modelle, die eine Batterie und einen Elektroantrieb haben, aber nicht neu aufgeladen sind mit Emotion durch Design und Branding. Die neue Elektromobilitätsmarke EQ von Daimler etwa muss erst noch bestimmte Kundenbedürfnisse wecken. Der Porsche Taican, für den massive Vorbestellungen vorliegen, kommt dem schon näher. Vor allem eine Sache bereitet mir große Sorgen: Die Vorgaben für „Paris 2050“ zu erfüllen, – keine Emissionen mehr aus den Fahrzeugen heraus – ist kaum mehr zu schaffen. Demnach müssten die Hersteller bis 2030 nur noch Zero-Emissions-Fahrzeuge auf den Markt bringen, da die weltweite Umwälzung der Flotte 20 Jahre benötigt. Das dürfte sehr schwierig werden. Erhebliche Strafzahlungen im Milliardenbereich sind die mögliche Konsequenz.

Was bedeutet der internationale Trend der „Vollelektriker“ für den deutschen Markt?
Aus ausländischen Märkten lernen wir, dass die Verbraucher bereit sind, auf die Vollelektrik umzusteigen, wenn es die Hersteller schaffen, ihnen die Angst zu nehmen, damit nicht weit genug zu kommen. Wir dürfen den Markt aber nicht als Deutschland definieren, sondern Europa anschauen. Da sind viele Verbraucher wechseloffen für Produkte, die nicht aus der EU und Deutschland kommen, etwa die Norweger.

„Die Hersteller haben lange an der klassischen Verbrennertechnologie festgehalten und waren auf die jetzige Regulierung nicht ausreichend vorbereitet.“

Felix Kuhnert

Welchen Einfluss hat die Entwicklung der E-Mobilität in China?
Der chinesische ist der größte Automobilmarkt der Welt. Der Staat setzt massiv auf die Elektromobilität, um die Luftverschmutzung in den großen Städten zu verringern. Allerdings wird die Nachfrage relativ stark staatlich gesteuert. Die Lizenz für einen herkömmlichen Pkw kostet 20.000 Dollar, bei Elektroantrieb fast nichts. Dies zeigt die Anreizsituation für den Verbraucher.

Welche Rolle spielt die bislang nur rudimentäre Flächendeckung mit Stromtankstellen für die geringen Zulassungen von E-Fahrzeugen?
Die spielt eine entscheidende Rolle für den Mobilitätszyklus. Laden muss man auch in Verbindung mit Parken sehen. Share Now, das neue Joint Venture von BMW und Daimler, nimmt sich des Themas an und bietet neben Carsharing, Mitfahrdienst und multimodaler Fahrtenplanung auch Parken und Laden an. Die Hersteller müssen eben auch die bittere Pille schlucken, das mit zu organisieren.

Welche Rolle spielt der Staat, etwa durch die steuerliche Begünstigung von Dienstwagen mit Elektro- oder Hybridantrieb? Wozu führt das?
Der Staat kann noch einiges mehr tun. Allerdings muss das so getaktet sein, dass nachhaltig auch die Nachfrage gesteigert wird und dann auch ohne Zuschüsse anhält, zum anderen müssen aber auch die Modelle passen.

Bildnachweis: PwC

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