Interview

„Die Politik hat viel zu lange geschlafen“

Warum halten Sie die Verkehrspolitik der vergangenen 20 Jahre für einen „Totalausfall“ in Bezug auf die Umwelt?
Im Verkehrssektor steigen die Emissionen, anstatt zu sinken. Die Emissionen müssen zur Erfüllung der Pariser Klimaziele bis zur Mitte des Jahrhunderts um mindestens 80 Prozent gesenkt werden. Somit muss neben der Dekarbonisierung der Energiewirtschaft vor allem der Verkehrssektor konsequent auf Klimaschutz und Nachhaltigkeit ausgerichtet werden. Der Verkehrssektor ist derzeit für etwa ein Fünftel der Treibhausgasemissionen Deutschlands verantwortlich. Während in anderen Sektoren seit 1990 zum Teil deutliche Emissionsminderungen erzielt wurden, sind die Emissionen des Verkehrs im gleichen Zeitraum leicht angestiegen. Der größte Teil stammt dabei aus dem Straßenverkehr. Dieser trägt zudem wesentlich zur Feinstaubbelastung bei und war mit etwa 38 Prozent im Jahr 2015 Hauptemittent von anthropogenen Stickstoffoxiden (NOx), deren zulässiger Jahresbelastungshöchstwert vielerorts überschritten wird. Die nachhaltige Verkehrswende ist dringend gefordert, allerdings hat die Politik viel zu lange geschlafen.

Prof. Dr. Claudia Kemfert ist Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) und Professorin für Energieökonomie und Nachhaltigkeit an der Hertie School of Governance. Mehr lesen »

Prof. Dr. Claudia Kemfertist Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) und Professorin für Energieökonomie und Nachhaltigkeit an der Hertie School of Governance. Weniger lesen »

Welche zentralen Maßnahmen sollten die Politik und auch Unternehmen ergreifen, damit die kommenden Jahre später nicht auch so gekennzeichnet werden müssen?
Ein zentrales Element eines klimagerechten und nachhaltigen Verkehrssystems muss die Verringerung des motorisierten Individualverkehrs sowie die Stärkung intelligenter und integrierter Mobilitätslösungen sein. Dabei können eine Verkehrsvermeidung und Verlagerung auf Schiene, ÖPNV, Rad- sowie Fußverkehr die Emission von Treibhausgasen und den Energieverbrauch verringern sowie weitere Probleme des Verkehrs wie Flächenverbrauch, Lärm und Unfallrisiken berücksichtigen. Die Elektromobilität ist ein zentraler Baustein der nachhaltigen Verkehrswende. Aufgrund des sehr hohen Wirkungsgrads ist sie besonders geeignet, die Klima- und Umweltauswirkungen des Verkehrs grundlegend zu verringern. Zudem emittieren elektrische Antriebe lokal keine Schadstoffe. Elektroautos sind allerdings nur dann sinnvoll, wenn sie mit erneuerbaren Energien kombiniert werden und Teil einer konsequent auf Nachhaltigkeit ausgerichteten Verkehrspolitik sind.

„Elektroautos sind allerdings nur dann sinnvoll, wenn sie mit erneuerbaren Energien kombiniert werden.“

Prof. Dr. Claudia Kemfert

Was sind die wesentlichen Dinge, die jetzt sehr schnell umgesetzt werden müssten?
Zunächst einmal sollte Deutschland auf einen konsequenten Kohleausstieg setzen und die erneuerbaren Energien deutlich schneller als bisher ausbauen. Außerdem sollte sich die deutsche Regierung für strengere Grenzwerte in der EU einsetzen, also das Gegenteil dessen tun, was sie derzeit macht. Zudem wird noch immer ausgerechnet der umweltschädlichste Treibstoff, der Diesel, indirekt subventioniert. Dies hat zu einem massiven Anstieg von – und letztendlich auch zu der einseitigen und schädlichen Fokussierung auf – private Diesel-Pkw geführt. Es wäre sinnvoll, die indirekte Subventionierung abzuschaffen und die Dieselsteuer zumindest auf das Niveau der Benzinsteuer anzuheben. Dies würde dem Staat Einnahmen von acht Milliarden Euro verschaffen. Diese Einnahmen können verwendet werden, um die Ladeinfrastruktur auszubauen und den Schienenverkehr zu stärken. Zudem sollte eine E-Autoquote für neu zugelassene Fahrzeuge von 25 Prozent ab 2025 und 50 Prozent ab 2030 eingeführt werden. Das Ziel muss weniger Verkehr sein, der insgesamt ökologischer zustande kommt.

Was wären die möglichen Folgen, wenn die Verantwortlichen in Politik und Unternehmen jetzt nicht zukunftsorientiert handeln?
Leider sind in Deutschland bisher die Weichen nicht auf eine konsequent nachhaltige Verkehrswende gestellt. Dabei ist die Automobilbranche nicht nur Deutschlands Aushängeschild, die Volkswirtschaft insgesamt baut auf eine gesunde und starke Branche. Mehr als 700.000 Menschen arbeiten in Deutschland im Fahrzeugbausektor, vor allem die Zulieferer schaffen Wertschöpfung und Arbeitsplätze. Durch alternative Antriebstechnologien und -kraftstoffe lassen sich neue Märkte erschließen, eine höhere Wertschöpfung erzielen und Arbeitsplätze schaffen. Deutsche Batteriehersteller haben ihren einstigen Wettbewerbsvorteil an Asien verloren. Nun will die deutsche Bundesregierung gegensteuern und die Batteriezellenfertigung in Europa und Deutschland erleichtern. Deutschland und auch Europa müssen sich gegen das Rohstoffmonopol aus China durchsetzen und sich nicht zu abhängig von wenigen Lieferanten machen. Je später wir damit beginnen, fit zu werden für die Mobilität von morgen, desto teurer wird der Neuanfang. Zusätzlich besteht die Gefahr, irgendwann die für unsere globalisierte Wirtschaft notwendigen Logistikverkettungen nicht mehr ohne Weiteres aufrechterhalten zu können.

Bildnachweis: © PR/Oliver Betke

Newsletter abonnieren

Mit dem Newsletter verpassen Sie keine Ausgabe der next: Das Magazin für Vorausdenker

Anmelden
Feedback

Sie möchten uns Feedback zu diesem Beitrag geben? Wir freuen uns auf Ihre Rückmeldung.

Feedback
Diesen Beitrag teilen

Hier können Sie den Beitrag über soziale Medien teilen.

Teilen

Sie möchten für immer auf Höhe der Vorausdenker sein?
Hier für den next: Newsletter anmelden!

Anmelden