Interview

„Elektrifizierung ist ein Muss!“

Wie sieht Ihre Vision für die Mobilität der Zukunft in Deutschland aus?
Meine persönliche Vision für die Mobilität der Zukunft ist die deutliche Veränderung in Richtung Nachhaltigkeit. Heutzutage haben die Menschen ein Verständnis sowohl für den Ressourcenverbrauch als auch für ihre persönliche Lebensqualität. Bei der BMW Group haben wir seit Jahren das Thema Nachhaltigkeit in der Konzernstrategie verankert – das gilt selbstverständlich auch für unser Mobilitätsangebot an sich. Langfristig spielt hier die Integration der Verkehrsträger vom öffentlichen Nahverkehr bis hin zu Sharing-Lösungen aber auch des Individualverkehrs eine große Rolle. Gleichzeitig treiben wir die Elektromobilität voran und wollen unseren Kunden das Laden so günstig, emissionsfrei und komfortabel wie möglich machen.

Woran arbeiten Sie momentan konkret bei BMW, um dieses Ziel zu erreichen?
Wir arbeiten an der „ACES-Strategie“ – autonom, connected, electrified und shared. Wir werden die Mobilität in den Städten durch autonome, elektrifizierte und untereinander verbundene Fahrzeuge optimieren. Wenn unsere Kunden vom persönlichen Auto auf Shared-Angebote umsteigen, können wir den Fahrzeug-Fuhrpark erneuern, damit er noch umweltfreundlicher wird. Wenn die Menschen sich im Laufe der Zeit von ihren eigenen Fahrzeugen trennen, haben wir zusätzlich eine bessere Auslastung der Autos, und insgesamt werden weniger Fahrzeuge in den Städten unterwegs sein. Ein Carsharing-Fahrzeug ersetzt acht Wagen und wird 6- bis 7-mal am Tag gefahren.
Die Digitalisierung erlaubt uns heute, Lösungen umzusetzen, die früher nicht möglich gewesen wären. Sie ermöglicht die Integration von Verkehrsträgern, um Kunden mit der schnellsten und nachhaltigsten Verbindung von A nach B zu transportieren und ihnen die Informationen zur Verfügung zu stellen, sich vom Fahrrad über die Bahn bis zum Auto zu bewegen. Elektrifizierung ist für mich hierbei ein Muss.

Der promovierte Philosoph Rainer Feurer ist Senior Vice President Mobility and Energy Services der BMW Group. Mehr lesen »

Der promovierte Philosoph Rainer Feurer arbeitet seit 21 Jahren bei der BMW Group. Seit April 2019 hat er dort die neue Aufgabe als Senior Vice President Mobility and Energy Services inne. Weniger lesen »

Fahrzeugorientiert vs. kundenorientiert – wie sieht das Mobilitätskonzept von BMW aus?
Ein kundenorientiertes Mobilitätskonzept heißt aus meiner Sicht, sich in die Bedürfnisse der Menschen hineinzuversetzen und funktionierende Lösungen anzubieten. Nur so kann die Umstellung auf ein neues Verkehrskonzept klappen. Wir nutzen viele Daten aus „ShareNow“ und stellen fest, wie schwer es für die meisten Menschen ist, ihr Fahrzeug aufzugeben, solange es keine perfekt integrierte Kombination aus Sharinglösungen, ÖPNV und On-demand-mobility-Angeboten inklusive Mikromobilität gibt. Sobald das miteinander synchronisiert ist, sind die Menschen bereit, ihr Verhalten umzustellen. Das braucht aber eine gewisse Zeit. Das Nächste sind die unterschiedlichen Lebensräume – die Stadt ist anders als der ländliche Raum. Deshalb bieten wir Elektrifizierung sowohl mit vollelektrischen Fahrzeugen, aber auch mit Plug-in-Hybriden an.

Wird es Kombinationsangebote in Deutschland geben, wie bei Reach Now in den USA – fürs Sharing, Parken und Laden?
Gemeinsam mit Daimler bringen wir mit „Your Now“ gerade genau das auf den Weg: ein nahtlos vernetztes, nachhaltiges Ökosystem, das CarSharing, Ride-Hailing – also die individuelle Anforderung eines Fahrdienstes –, Parking, Charging und Multimodalität in einer Hand vereint. Das steht unseren Kunden on demand zur Verfügung.

„Wir stellen fest, wie schwer es für die meisten Menschen ist, ihr Fahrzeug aufzugeben, solange es keine perfekt integrierte Kombination aus Sharinglösungen, ÖPNV und On-demand-mobility-Angeboten inklusive Mikromobilität gibt.“

Was bedeutet das für den Automobilhersteller? Wird er zum Mobilitätsdienstleister?
Durch die kundenorientierten Dienstleistungen verändert sich das gesamte Thema Mobilität. Die komplexe Thematik wird nicht mehr ein Anbieter isoliert lösen können, daher gehen wir hier verstärkt auch Kooperationen ein. Unsere Vision ist es, der führende Anbieter für Premium-Mobilitätsdienstleistungen und -Produkte zu sein. Das bedeutet aber nicht, dass wir alle Teile der Wertschöpfungskette selbst besetzen, sondern mit strategischen Partnern wie beispielsweise Daimler zusammenarbeiten. Mit Audi und Daimler haben wir den Kartendienst „here“ gegründet, mittlerweile sind Bosch, Conti und Intel als Partner an Bord.

Welche Rolle spielt die Digitalisierung dabei?
Digitalisierung ist die essenzielle Grundvoraussetzung. Unser Mobilitätsangebot funktioniert nur mit Digitalisierung. Wir benötigen viele Schnittstellen, weil die Dienste diverser Anbieter integriert werden müssen. Der Kunde benötigt eine Vielzahl von Informationen, die direkt über das Auto oder Smartphone empfangen werden. Das geschieht nur, wenn durch Digitalisierung die entsprechenden Daten zur Verfügung stehen. Das reicht von Telematikdiensten, dem lokalen Wetter, einem Veranstaltungskalender, der Verkehrslage in den Städten bis hin zu On-demand-mobility-Angeboten wie Carsharing und Taxidiensten.

Gibt es konkrete Meilensteine bei BMW für die Umsetzung der Mobilitätslösungen?
Connectivity ist heute schon eine Grundvoraussetzung. Elektrifizierung sehen wir als das Thema der nächsten drei bis vier Jahre. Autonomes Fahren wird in zwei Jahren starten und bis es sich durchsetzt sicher noch eine längere Zeit in Anspruch nehmen. Die Zyklen sind unterschiedlich, sukzessive entwickeln wir alle Themen weiter.

Denken Sie, das private Auto wird in Zukunft überflüssig sein?
Das hängt von der räumlichen und auch der persönlichen Lebenssituation ab. Das beste Beispiel sind unsere 20- bis 30-jährigen Mitarbeiter, die ein Mobilitätspaket dem Fahrzeug vorziehen, solange sie noch keine Familie gegründet haben. Im urbanen Raum wird das Auto sicher an Bedeutung verlieren. Im Speckgürtel oder auf dem Land ist das eine ganz andere Situation. Der Anteil von shared Fahrzeugen wird steigen, und die Privatfahrzeuge werden zurückgehen – das können wir bereits mit Daten belegen.

<p>Das Carsharing-Angebot ist in Deutschland noch bescheiden.</p>

Das Carsharing-Angebot ist in Deutschland noch bescheiden.

Und wie sieht es mit den Last-Mile-Lösungen aus?
Wir haben schon einige Last-Mile-Angebote, angefangen von Hive, aus unserem gemeinsamen Angebot mit Daimler, bis hin zum X2City, unserem elektrischen Kick-Scooter, den wir kürzlich gelauncht haben.

Wird DriveNow in naher Zukunft komplett elektrische Fahrzeuge anbieten?
Das würde ich begrüßen, aber das hängt stark auch von der Infrastruktur der jeweiligen Stadt ab, in der das Free-Floating-Carsharing stattfindet. Wir sind heute bereits in 30 Metropolen mit rund 20.000 Fahrzeugen unterwegs, davon laufen 3.200 elektrisch. Bis jetzt sind vier Standorte rein elektrisch, in 13 Städten bieten wir eine Kombination von Antrieben an.

Haben Sie Verbesserungsvorschläge für Stadtplaner, damit Mobilitätsprojekte besser funktionieren?
Wir haben vor drei Jahren das Kompetenzzentrum Mobilität gegründet, in dem wir eng mit Stadtplanern zusammenarbeiten, um gemeinsam Lösungen und Pilotprojekte zu designen. Wir arbeiten an verschiedenen Pilotprojekten, zum Beispiel in Rotterdam, wo wir vier Ansätze geschaffen haben:

1. Die E-Zones in den Bereichen der Stadt, in denen die Luft stark belastet ist. Sobald ein Fahrer in diesen Bereich fährt, wird im Display angezeigt „You have entered an E-Zone“, und er kann das Auto auf den Elektrobetrieb umschalten, wenn er ein Hybridfahrzeug fährt.

2. Bei neuen Immobilienprojekten der Stadt können wir Carsharing-Angebote von Anfang an integrieren und damit das Layout der Stadt ändern, weg vom Fokus auf große Parkflächen.

3. Wir helfen der Stadt bei der Wahl der besten Standorte ihrer Chargepunkte, basierend auf unseren Userdaten.

4. Außerdem im Fokus steht die Energieversorgung, da die Umstellung auf Elektromobilität auch einen erhöhten Strombedarf erzeugt. Intelligente Ladealgorithmen unterstützen hier die bestehende Infrastruktur, diesen zusätzlichen Bedarf zu decken.

Bildnachweis: ©BMW

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