„Daten miteinander teilen“

Herr Prümm, ist die Debatte nicht etwas unehrlich? Sind die Bürger, die im Internet bestellen, und diejenigen, die sich über die Lieferwagen ärgern, nicht dieselben?
Der Bürger ist in der Tat ein zwiegespaltenes Wesen. Selbst die Kids, die freitags für das Klima protestieren, kaufen wahrscheinlich öfter im Internet. Viele Kunden agieren sorglos und betrachten die Lieferung als freies Gut. Wenn jemand zehn Paar Schuhe ordert und davon neun wegen Nichtgefallens zurückgeschickt, erzeugt das einfach unglaublich viel Verkehr. Oft sind mehrere verschiedene Lieferdienste involviert, manchmal noch getrennt nach kleinen und großen Teilen. Jeder Dienst kommt mit dem eigenen Fahrzeug. Neue Anbieter wie Amazon Logistics oder Start-ups verschärfen den Wettbewerb. Und der Boom im Onlinehandel ist ungebrochen.

Der Wirtschaftsprüfer und Steuerberater Dietmar Prümm ist Experte für Transport & Logistik bei PwC Deutschland und Prüfungspartner DAX-Konzerne. Mehr lesen »

Der Wirtschaftsprüfer und steuerberater Dietmar Prümm ist Experte für Transport & Logistik bei PwC Deutschland und Prüfungspartner DAX-Konzerne. Weniger lesen »

Wie schlimm wird es noch für die Städte?
Die Paketzulieferer rechnen jedes Jahr mit Zuwachsraten von fünf Prozent. 2022 werden sie in Deutschland 4,3 Milliarden Sendungen bewegen. Gerade in den Städten, wo sich die verschiedenen Verkehrsteilnehmer jetzt schon um den knappen Platz streiten, wird es eng. Mit Drohnen oder Robotern ist das kaum zu organisieren. Außerdem führt ja nicht jede Zustellung zum Erfolg, weil der Empfänger oft nicht da ist. Auch Paketstationen sind auf solche Mengen meist nicht ausgelegt.

Sollen die Kommunen mit Verboten reagieren?
Die Kommunen sollten den Logistikern lieber Anreize bieten, sich auf der sogenannten letzten Meile zusammen besser zu organisieren. Die Städte könnten zum Beispiel zu bestimmten Zeiten Parkplätze im öffentlichen Raum oder in Parkhäusern freigeben, um dort kleinere Hubs einzurichten: also Verteilpunkte, zu denen die Pakete aller Logistiker geliefert und dann umweltfreundlich zum Kunden gebracht werden, etwa mit Lastenfahrrädern. Dazu gibt es schon Modellversuche. Allerdings möchten die Kunden weiterhin unter verschiedenen Dienstleistern wählen können, wie unsere jüngste Umfrage ergeben hat.

<p>Die Paketzulieferer rechnen mit weiter steigendem Auftragsvolumen.&nbsp;(© Picture Alliance/Chromorange/Karl-Heinz Spremberg)</p>

Die Paketzulieferer rechnen mit weiter steigendem Auftragsvolumen. (© Picture Alliance/Chromorange/Karl-Heinz Spremberg)

Das klingt nicht gerade nach einem Befreiungsschlag ...
Es gibt bei diesem Thema nicht die eine wahre Lösung. Die Stadtverwaltungen müssen sich mit den Lieferdiensten und Onlinehändlern an einen Tisch setzen und gemeinsam Lösungen suchen. Vielleicht sollten Retouren künftig Geld kosten oder das Feature „umweltfreundliche Lieferung“ extra bepreist werden. Vielleicht ist es zumutbar, dass der Kunde seine Sendung auf dem Heimweg in einem Paketshop selbst abholt oder dass der Arbeitgeber Räume für Lieferungen zu Verfügung stellt. Vielleicht gibt es kluge Web-Applikationen, um sicherzugehen, dass der Kunde auch daheim ist. Oder Datenpools bei den Verkehrsreferaten, um die Zufahrtsrouten der Lieferfahrzeuge zentral und intelligent zu steuern. PwC hat dazu Studien durchgeführt, die zuversichtlich stimmen.

Ein runder Tisch in dieser beinharten Konkurrenzsituation – kann das funktionieren?
Wenn die Anreizsysteme nicht fruchten, wird der Ruf nach Regulierung lauter, und das kann keiner wollen. Die verschiedenen Stromanbieter legen auch nicht jeder eine eigene Leitung zum Kunden. Es wäre sehr interessant, wenn die konkurrierenden Logistikunternehmen ihre Daten miteinander teilten, um die Effizienz auf der letzten Meile zu erhöhen. Weil diese Informationen sensibel sind, müsste vermutlich eine unabhängige Instanz mit Expertise dazwischengeschaltet werden. Die Kommunen könnten es schaffen, den Netzwerkgedanken auch im Onlinehandel durchzusetzen. Ein „Weiter so“ kann es jedenfalls nicht geben.

Bildnachweis: © PwC

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