Kolumne

Bewegungsunterricht

Zur Person Wolf Lotter

Wolf Lotter ist Essayist und Autor (Gründungsmitglied von brand eins, für das er die Leitessays schreibt). Zuletzt erschien von ihm „Innovation. Streitschrift für barrierefreies Denken“, Edition Koerber, 2018.

Passend machen

Jeder kennt die Volksweisheit: „Was nicht passt, wird passend gemacht.“ Klingt das nicht praktisch und patent? So interpretieren das jedenfalls Optimisten. Realos hingegen wissen: Das kann auch anders ausgehen. Dann wird nicht das Schema geändert, sondern der Mensch, der nicht in die Vorlage passt, seine Bedürfnisse und Eigenheiten. Differenz, das Individuelle, stört den Ablauf.

Nun löst die Wissensgesellschaft diese Denkmuster ab. In ihr zählen Unterscheidbarkeit und Personalisierung – das hat Priorität vor Standards und Gleichmacherei. Differenz braucht Beweglichkeit und Freiräume. Mobiles Denken. Das muss man wörtlich nehmen.

Fahren wir alle gleich, oder wollen wir Unterschiede? Denken wir in „Massenbeförderungsmitteln“ oder in individualisierbaren, hochflexiblen Systemen, in denen wir uns bewegen, wie wir es wollen – und nicht vom „Fahrplan“ abhängen?

Bei der Mobilität, wie bei allem anderen, wird es im 21. Jahrhundert darum gehen, nicht weiter den Menschen ans System anzupassen, sondern das System all jenen, denen es dienen soll. Die Digitalisierung kann das leisten. Und wir? Wie wollen wir uns bewegen?

Jein

Bis ins 20. Jahrhundert waren Städte Orte, in deren Zentren sich Bürger austauschten. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam die Massenmotorisierung, und seither herrscht jeden Tag ein wenig Bürgerkrieg um Parkplätze und freie Fahrt. Die Stadt wurde passend fürs Auto gemacht, weil die Menschen das so wollten – erst die Reichen, dann der Mittelstand und schließlich auch die weniger Begüterten. Trotz aller ersichtlichen Leiden lassen die Leute bis heute nicht vom Individualverkehr. Die Sehnsucht nach Bewegungsfreiheit, das autonome Fahren 1.0, ist im Menschen angelegt. Gleichzeitig wollen alle lebenswerte Städte und freie Straßen.

„Der neue Individualverkehr ist offen, aber anspruchsvoll, komplex, aber unkompliziert.“

Wolf Lotter

Das Zeitalter der Personalisierung kennt viele solcher Jeins, genauer: Mehrdeutigkeiten. Es ergibt keinen Sinn, ihnen mit simpler Verbotslogik zu begegnen, mit entweder… oder, sondern mit Systemen, die beides können. Deren Haupteigenschaft ist Komfort im Sinne einer hohen Mobilitätsqualität. Die meisten Leute wollen nicht Auto fahren, fliegen oder mit Öffis fahren, sie wollen bequem, sicher, ungestört, sauber und schnell von A nach B kommen, und vor allen Dingen: wann, wo und wie sie wollen. Der neue Individualverkehr ist offen, aber anspruchsvoll, komplex, aber unkompliziert. Ein Freiraum, den man ohne Leidensdruck nutzen kann.

An diesem Ideal, nicht an den zahlreichen Reduktionen und Einschränkungen, müssen sich Mobilitätspolitik, Technik und die Organisation intermodaler Verkehrsnetze messen. Am Bestdenkbaren also, nicht am gerade noch Möglichen.

Mobilität

Man kann das Autofahren verbieten, das Grundbedürfnis nach Mobilität nicht. Wem die Beweglichkeit genommen wird, wird zum Gefangenen. In Gefängnissen hält die Gesellschaft ihre Feinde. Regimes, die ihrem Volk misstrauen, mauern es ein.

Der freien Mobilität verdanken die Menschen seit ihrem Aufbruch aus Ostafrika ihre Entwicklung. Bewegung schuf Handel, Kultur, war die Voraussetzung für Entdeckung, Entwicklung und Wissen. Bewegliche Menschen haben einen beweglichen Geist. Bewegung war stets Mittel zum Zweck einer besseren Welt. Heute ist sie oft zum Selbstzweck geworden und damit zum reinen Aktionismus. Der französische Philosoph Paul Virilio nannte das den „rasenden Stillstand“. Wir bewegen uns, weil wir fleißig, dynamisch, aktiv aussehen wollen, so schnell wie möglich in den Stau, in die Rushhour. Wir haben uns verfahren.

„Wir haben uns verfahren.“

Wolf Lotter

Und gute Chancen, das zu ändern. Künstliche Intelligenz, Big Data und Netzwerke sind die Grundlagen der Digitalisierung – und des autonomen Fahrens. Wir lehnen uns zurück, den Rest erledigt die Technik, sie verhindert Staus, koordiniert das ganze Gewusel und bringt uns sicher von A nach B, klimafreundlich angetrieben. Doch Daten sind eben das neue Öl, und wir könnten eine Abhängigkeit durch die nächste ersetzen. Autonome Fahrzeuge sind rollende Bewegungsmelder. Individualität und Kontrolle aber ein Widerspruch, für immer.

Dazu kommt, dass das autonome Fahren unsere derzeitige Bewegungsschwäche nur lindert. Was nützt es, wenn nur unsere Mobilitätstechnik autonom wird, aber wir nicht?

Eigendynamik

Es geht um eine neue Bildung, die darin besteht, Technologie zur Erweiterung der Freiheitsräume zu nutzen. Autonomes Fahren braucht autonome Fahrer. Dazu gehört die Einsicht, dass viel Bewegung von heute ein Erbe der alten Welt ist, der Massengesellschaft, die Schichtbetrieb verlangte: Zur Arbeit fahren, wieder nach Hause. Eine Trennung, die es erst seit dem 19. Jahrhundert gibt. Wissensarbeit findet vorwiegend in digitalen Netzwerken statt. Aber warum sollen die, die ihre Daten durch Netze schicken, selbst mehrmals täglich auf die Piste gehen? Warum diese leeren Kilometer, wo wir doch heute nicht mehr alle zur gleichen Zeit das Gleiche tun?

„Selbstständig denken und handeln löst den Stau erst im Kopf, dann auf der Straße.“

Wolf Lotter

Mobilität fängt in den Organisationen an, sie ist, in der Tat, eine Frage der kulturellen und sozialen Organisation. Die wichtigste Technologie für flüssiges Fahren heißt Selbstbestimmung, also Autonomie, das Kennzeichen der Wissensarbeiter und jeder agilen Organisation. Anwesenheitspflicht, das Arbeiten nach Anordnung, verliert sein Primat.  Je autonomer wir leben und arbeiten, desto flüssiger bewegen wir uns. Für diese Technologie braucht man in erster Linie Selbstbewusstsein und etwas Mut, dazu den Willen, Gesellschaft und Organisation dem Menschen anzupassen. Bewegungsunterricht ist Kulturunterricht. Und die Kultur, um die es geht, heißt Selbständigkeit. Das ist eher ein Prinzip als ein Unterrichtsfach. Darin lernt man, was man mit seiner Autonomie anfangen kann, wie man selbstständig besser lebt. Diese Frage ist mindestens so wichtig wie die Debatte, ob wir bald nur mehr mit Stromern oder Wasserstoffautos fahren werden. Und ob und wie viel Selbständigkeit wir an Systeme delegieren – und unter welchen Bedingungen.

Nur wer weiß, was er will, kann auch klarmachen, was er nicht will.  Bewegen wir uns erst mal selbst – und suchen uns dann die passende Technik. Selbstständig denken und handeln löst den Stau erst im Kopf, dann auf der Straße.

So kommt man voran.

 

 

Heimliche Liebe:
Die Deutschen und ihr Auto

Bildnachweis: © Sara Ester Paulus; Quelle Quiz: https://innofact-marktforschung.de/news/autoscout24-studie-40-reden-mit-ihrem-auto/

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