3 Fragen, 6 kluge Köpfe

Barbara Lenz
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Was setzt Sie in Bewegung?

Wenn ich das Gefühl habe, es passiert was Neues, etwas, das ich mitgestalten kann, wobei ich einen Beitrag leisten kann, der die Dinge zum Positiven hin entwickelt oder zumindest zum Nützlichen. Zum Beispiel, wenn ich sehe, da gibt es neue Technologien oder vielleicht auch neue Formen, den Verkehr zu organisieren. Man stellt sich, immer wenn etwas Neues kommt, ganz viele Fragen. Diese Fragen muss jemand, der unabhängig ist, der neutral ist, der wissenschaftlich sauber arbeiten kann, beantworten. Wenn ich da einen Beitrag leisten kann, z. B. zu diesen Fragen: Was macht eigentlich Carsharing mit unserem Verkehrssystem? Was ist neu, wer profitiert davon? Wie kann man den Verkehr besser machen? Das sind Fragen, die mich reizen und in Bewegung setzen.

Was bremst Sie?

Wenn Dinge zerredet werden. Ich hatte mal einen Chef, der nannte das Schönschnitzen. Natürlich muss man sehr kritisch gerade neue Technologien, aber auch neue Konzepte hinterfragen. Aber man muss irgendwann auch mal ins Experiment gehen. Wenn jemand erst alles wissen will, bevor er auch nur ans Experimentieren und Testen denkt, das bremst mich.

Wo müssen wir mehr Fahrt aufnehmen?

Beim Experimentieren. Ich rede immer von Verkehrsforschung. Das ist das, was mein Leben stark beeinflusst. Wir sind nicht sehr experimentierfreudig in Deutschland. Wir kauen immer alles ewig durch, bevor wir anfangen, auch mal einfach etwas zu tun, und uns erlauben, auch einmal Dinge auf Zeit zu tun. Wir machen es immer erst dann, wenn 100- oder 150-prozentig feststeht, dass auch was draus wird. Und wir lassen die Dinge oft nicht sich selbst entwickeln.

Barbara Lenz, DLR, Institut für Verkehrsforschung, deutsche Verkehrsforscherin, Mobilitätsexpertin und Hochschullehrerin.

Niklas Maak
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Was setzt Sie in Bewegung?

Manchmal ein altes italienisches Auto, das keine Daten speichert und versendet und nicht dauernd wegen irgendetwas klingelt. Manchmal ein noch älteres Rennrad. Ansonsten kann man sich auch sehr gut zu Fuß in Bewegung setzen. Ich verstehe auch die Hysterie um Elektroroller für „die letzten Kilometer“ nicht. Die Smart-City-Planer wollen uns weismachen, dass wir diese Dinger brauchen, um direkt bis vor die Tür zu rollen, ohne unsere Beine zu benutzen. Dafür müssen wir dann später ins Fitnessstudio gehen aufs Laufband, um uns wenigstens so fit zu halten. Die lustigste Irrsinnsidee in dieser Richtung kam von der Designerin Patricia Urquiola, die, befragt, was sie in einem selbstfahrenden Auto auf dem Weg zur Arbeit machen würde, sagte, sie könne sich vorstellen, dass sie einen Workout dort macht, dass das selbstfahrende Auto sozusagen ein Fitnessstudio auf Rädern wird. Ist das die tolle neue Zukunft der total vernetzten supersmarten Elektrostadt? Wenn du auf dem Weg zur Arbeit Sport machen willst, nimm doch einfach ein Fahrrad. Seltsamerweise wird „Zukunft“ immer mit „mehr Technologie“ verwechselt.

Was bremst Sie?

Scheibenbremsen von Brembo; Bremsklötze von Campagnolo; das erstaunlich einfallslose Schablonendenken von Menschen, die behaupten, dass sie „Zukunft gestalten“. Die meisten Ideen für die Smart City der Zukunft sind ziemlich öde und konservativ. Da wird dauernd darüber nachgedacht, wie man Leute in selbstfahrenden Autos und auf anderen CO2-sparenden Gerätschaften zur Arbeit bringt. Aber selten wird gefragt, ob in Zukunft die Trennung des Alltags in „hier leben“ und „dort arbeiten“ überhaupt noch nötig sein wird. Wenn tatsächlich in Zukunft im Zuge der inverted mobility alles geliefert wird und man kaum noch zum Einkaufen in die Stadt fährt, wenn man dort wegen der Robotisierung und des Wandels der Arbeitswelt auch gar nicht mehr arbeitet, dann muss man vielleicht erst einmal klären, was man im Stadtzentrum überhaupt noch macht – und wozu einen die selbstfahrenden Autos wohin transportieren sollen.

Wo müssen wir mehr Fahrt aufnehmen?

Man kann nicht immer nur alles verbieten und limitieren. Man muss auch Angebote machen, die so verführerisch und überzeugend sind, dass die Leute sie freiwillig annehmen. Wo sind denn die tollen neuen Züge und Busse, die einen das Auto vergessen lassen? Auf den Autobahnen ist auch deswegen die Hölle los, weil die Lkw-Lobbys immer mehr Lkw auf die Straße bringen dürfen und weil die Bahn es nicht hinbekommt, Güter und Leute in einem erträglichen Zeitrahmen von einem Punkt zum anderen zu befördern. Die Franzosen bekommen das mit dem TGV besser hin. Hier muss man dringend mehr Gas geben. Mehr Fahrt aufgenommen werden muss auch beim kritischen Nachdenken darüber, wer von den scheinbar ökologischen Maßnahmen eigentlich profitiert: Sind selbstfahrende Autos wirklich nötig in der Stadt? Oder geht es hier vor allem darum, die Kosten für Taxifahrer und ihre Krankenversicherungen wegzusparen? Vieles, was unter dem Deckmantel der Ökologie durchgesetzt wird, dient nur dazu, die Profite einiger weniger zu steigern. Wenn man wirklich über die Zukunft reden will, dann sollte man nicht nur über ökotechnokratische Effizienzsteigerung, sondern auch darüber sprechen, was Zusammenleben in Zukunft eigentlich bedeuten kann.

Niklas Maak ist Autor und Kunstredakteur bei der Frankfurter Allgemeine Zeitung.

Claudia Kessler
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Was setzt Sie in Bewegung?

Die Sorge darum, unseren Planeten lebenswert zu erhalten: Die Mobilität der Zukunft hat einen großen Einfluss darauf. Wir müssen CO2 massiv reduzieren und Mobilität völlig neu denken! Mobilität muss, egal ob auf der Erde, auf dem Wasser oder in der Luft, energieeffizienter werden. Entscheidende Erfahrungen aus der Internationalen Raumstation mit ihrem fast ganz geschlossenen Kreislauf müssen angewandt und umgesetzt werden. Die Stiftung „Erste deutsche Astronautin“ schärft das Bewusstsein, sowohl für das Problem Erderwärmung als auch für die Lösungen.

Was bremst Sie?

Ignoranz seitens der Politik – und zwar weltweit – in Bezug auf den Klimawandel und die Erderwärmung. Die Langsamkeit von Entscheidungen und Maßnahmen, um unseren Heimatplaneten, die Erde, besser zu schützen. Unverständnis dafür, dass wir Raumfahrt brauchen, um die Erde besser zu schützen.

Wo müssen wir mehr Fahrt aufnehmen?

Wir müssen ein gemeinsames globales Verständnis dafür entwickeln, wie wir unseren Planeten schützen können. Dazu muss Mobilität generell drastisch verändert werden, um CO2 zu reduzieren und die Erderwärmung zu stoppen. Elektromobilität wird ein zentrales Thema dabei sein, aber auch vernetzte Mobilitätssysteme in allen Bereichen. Raumfahrttechnologie muss dazu noch viel stärker in den Alltag integriert werden.

Claudia Kessler, Diplom-Ingenieurin Luft- und Raumfahrt, Initiatorin der Stiftung „Erste deutsche Astronautin“. Deren Ziel: Im Jahr 2020 soll die erste deutsche Astronautin zu ihrer Mission zur internationalen Raumstation ISS aufbrechen.

Bruno Maccallini
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Was setzt Sie in Bewegung?

Mein Fahrrad, ein Bianchi Mutt 7300! Ich bin fasziniert vom „Schnurren“ der Räder. Denn ich bin ein begeisterter Radfahrer, seit meine frühere Lebensgefährtin Jutta Speidel mir das Rad geschenkt hat. Und bis heute, wenn meine Fantasie sich in Bewegung setzt und langsam durch das Tor meiner Faulheit rollt, kann ich so viele Weltreisen machen, bis mir davon schwindlig wird. Aber auch mein BMW-Cabrio – denn: Ich habe doch ein Auto … ;-)

Was bremst Sie?

Faulheit, pessimistisches Denken, Bequemlichkeit, Löcher in den römischen Straßen und die Angst davor, in den falschen Gang zu schalten, meine aktuelle Lebensgefährtin und Ausreden.

Wo müssen wir mehr Fahrt aufnehmen?

In uns selbst! Es ist wichtig, unseren Geist frei und offen zu halten. Wir brauchen eine „Freie-Fahrt-Mentalität“ – auch wenn wir nicht immer wissen, wohin sie führt. Aber bestimmt macht sie uns stärker und glücklicher.

Bruno Maccallini, der italienische Schauspieler wurde in den 90er Jahren mit den Worten „Isch haaabe gar kein Auto“ in der „Nescafé“-Werbung berühmt. Mit der Schauspielerin Jutta Speidel schrieb er unter anderem die Bücher „Wir haben gar kein Auto“ und später „Wir haben doch ein Auto“.

Sigrid Nikutta
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Was setzt Sie in Bewegung?

Fast immer der öffentliche Nahverkehr. Egal ob zu Hause in Berlin, auf Dienstreise im In- und Ausland oder im Urlaub: Ich fahre, wenn möglich, immer mit Bus und Bahn. Aus Überzeugung, aus Neugier und weil es oft am schnellsten und komfortabelsten ist. Und es gibt keine bessere Methode, um selbst herauszufinden, wo es vielleicht noch hakt oder was andere Städte anders oder sogar besser machen.

Was bremst Sie?

Die größte Bremse gibt es in unseren Städten leider gleich millionenfach: den privaten Pkw. Der steht 23 Stunden am Tag ungenutzt herum und verbraucht Platz, den Großteil der restlichen Zeit steht er im Stau. Eine andere Bremse besteht hingegen nur in den Köpfen und spornt mich viel mehr an: die Mentalität „Das haben wir schon immer so gemacht …“ Eben darum sage ich: „Zeit, etwas zu ändern!“

Wo müssen wir mehr Fahrt aufnehmen?

Wenn wir auch in Zukunft lebenswerte Städte haben wollen, müssen wir jetzt und nicht morgen die Weichen dafür stellen. Im Bereich Mobilität heißt das: Vorrang für Busse und Bahnen, Ausbau der Netze, Erneuerung und Elektrifizierung der Flotten. Und natürlich müssen wir gute, digital gestützte Angebote entwickeln. Ridesharing wie mit unserem „BerlKönig“ oder die Verknüpfung verschiedenster Mobilitätsangebote wie bei unserem neuen Angebot „Jelbi“ ergänzen den traditionellen Nahverkehr. Verkehrsunternehmen wie die BVG schaffen so digitale Plattformen und bieten nachhaltige, verlässliche Mobilität aus einer Hand.

Sigrid Nikutta, die promovierte Psychologin ist seit 2010 Vorstandsvorsitzende und Vorstand Betrieb der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG).

Christoph Stürmer
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Was setzt Sie in Bewegung?

Die Suche nach Synergien und dem Verständnis von komplexen Systemen motiviert mich jeden Tag. Wie hängen Elektroautos, Sharing-Modelle, Funknetzwerke und die Städte der Zukunft zusammen? Was macht eigentlich den Erfolg des süddeutschen Automobilclusters aus, und wie können wir ihn in der Transformation fortsetzen? Die Mobilitätstransformation ist nicht nur eine technische Veränderung, sondern wird unser Verständnis von Raum und Zeit mindestens so stark verändern wie das Smartphone unser Verständnis von Wissen, Kommunikation und persönlichen Beziehungen verändert hat.

Was bremst Sie?

In einer Situation voller Unbekannter darf man nicht zu früh nach der konkreten Umsetzung, Businessplänen und Meilensteinen fragen, sonst verliert man den Blick auf das Ganze und das Potenzial, das sich daraus ergibt. Natürlich muss es am Ende Umsetzung geben, aber ohne ein schlüssiges Gesamtbild wird nur Stückwerk daraus – dieses Bild immer wieder zu erklären und dabei weiterzuentwickeln, kostet unendlich viel Zeit. Nicht umsonst werden die Vordenker der Mobilitätwende auch als „Evangelists“ bezeichnet – es fühlt sich manchmal an wie predigen!

Wo müssen wir mehr Fahrt aufnehmen?

Die Mobilität der Zukunft ist eigentlich die Digitalisierung des Verkehrssektors, der als eine der letzten Branchen diese Transformation durchläuft: Digitale (elektrische) Fahrzeuge werden mit digitalen (shared) Nutzungsmodellen in digitalen (vernetzten) Städten und Verkehrswegen unterwegs sein – damit hat die Mobilitätstransformation jedes Problem, das auch die Digitalisierung insgesamt hat. Dazu braucht es aber keine exponierten Einzellösungen, sondern einen integrierten, gesellschaftlichen und technischen Ansatz, der schon längst überfällig ist.

Christoph Stürmer ist Global Lead Analyst der PwC Autofacts des Center of Automotive Management (CAM) von PwC. Es versteht sich als unabhängiges Institut für empirische Automobilforschung sowie für strategische Beratung. Das Autoinstitut unterstützt seine Kunden auf Basis umfangreicher Automobil-Datenbanken, insbesondere zu den fahrzeugtechnischen Innovationen der Automobilindustrie.

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