Rückenwind

Wenn Start-ups und etablierte Unternehmen aufeinandertreffen, kann etwas Großes entstehen. Zum Beispiel bei einem „First Look Event“ von PwC in Berlin. Die Atmosphäre im Konferenzraum der Niederlassung am Spreeufer ist locker wie bei einem Abitreffen. Die Umgangssprache ist Englisch, die Farbe der Sneaker Weiß, die Teilnehmer sind vorwiegend jung. Gründerszene eben.

Zehn Start-ups präsentieren an diesem Abend im Elevatorverfahren ihre Geschäftsideen im Themenfeld Handel und Logistik. Im Publikum spitzen erfahrene Branchenprofis die Ohren. Darunter Christian Wulff, PwC-Partner und Leiter des Geschäftsbereiches Handel und Konsumgüter, sowie Dietmar Prümm, ebenfalls PwC-Partner und Leiter des Bereiches Logistik und Transport. Sie stehen den Start-ups als Coaches zur Seite.

Einige Gründerteams, verrät PwC-Programmmanagerin Elise Carlton in ihrer Begrüßung, „haben heute noch bis zum Schluss an ihren Pitches gefeilt“. Würden alle zehn Geschäftsmodelle durchstarten, dann würde die Welt in einigen Jahren ein Stück effizienter, umweltfreundlicher, sicherer und verbraucherfreundlicher sein. Lkw würden Dieselkraftstoff sparen, Pakete zuverlässiger beim Kunden ankommen und Kaufhausdiebe schneller gefasst. Aber jeder im Saal weiß auch: Gute Ideen und Produkte allein zählen nicht. Neben einer ausgefeilten Digitalisierungsstrategie brauchen Start-ups einiges mehr, um zu erfolgreichen Grown-ups zu werden.

„Wir beobachten immer wieder, dass Start-ups sich zu spät mit Dingen auseinandersetzen, die nicht zu ihrem Kerngeschäft gehören.“

Ashkan Kalantary, Leiter des NextLevel-Teams von PwC

Als analoge Plattform für Wissen und Vernetzung unterstützt das „NextLevel“-Programm von PwC junge Unternehmen bei diesem anstrengenden Wachstumsprozess. Dazu gehören unter anderem spezielle Dienstleistungen rund um die Themen Steuern, Urheberrecht, Jahresabschlüsse, Finanzierung und grenzüberschreitende Expansion. „Wir beobachten immer wieder, dass Start-ups sich zu spät mit Dingen auseinandersetzen, die nicht zu ihrem Kerngeschäft gehören“, sagt Ashkan Kalantary, Leiter des NextLevel-Teams von PwC. Mit seinem Team verschafft er Gründern den nötigen Rückenwind, damit ihre Geschäftsmodelle zum Fliegen kommen.

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Ashkan Kalantary, verantwortet als Europe Director bei PwC NextLevel den Bereich Start-Ups. Weniger lesen »

Im sogenannten Raise-Programm nehmen Wachstumsexperten junge Unternehmen an die Hand. Gemeinsam werden Businesspläne optimiert und geeignete Kapitalgeber für die erste Wachstumsphase angesteuert. Im weiterführenden Scale-Programm werden hoffnungsvolle Jungunternehmen aus den Sektoren Gesundheit, Pharma, Energie, Immobilienwirtschaft, Handel und Logistik aufgenommen, die sich bereits mit einem Produkt erfolgreich bei ersten Investoren und teilweise auch schon am Markt etablieren konnten. Knapp zehn Wochen haben sie die Chance, zusammen mit Industrieexperten ihr Projekt auf Herz und Nieren zu prüfen, ehe sie bei einem Executive- und einem Investor-Evening ihr Produkt und ihren Businessplan einem ausgewählten Kreis von PwC-Kunden, Managern und Anlegern präsentieren können. Ziel ist es, die passenden Geldgeber und Partner für die nächste Finanzierungsrunde oder eine strategische Partnerschaft zu finden.

Der weite Weg zur Plattform für die mobile Welt

Darauf spekulieren auch Gesine Sahlfeld und ihr Co-Gründer Ralf Wegener von „Chark.me“. Die junge Frau hat als Wirtschaftsingenieurin bei der Daimler AG in Sindelfingen eigentlich einen sicheren Job. Zur Gründerin wurde sie per Zufall. Im Rahmen eines internen Personalentwicklungsprogramms entstand die Idee, Autos noch zu etwas anderem zu benutzen als zum Fahren. Zum Beispiel als stillen Butler, um Waren in Empfang zu nehmen und aufzubewahren. „95 Prozent ihrer Zeit verbringen Autos beim Parken“, sagt Sahlfeld. Paketzusteller, Fahrzeugreiniger oder Lebensmittel-Lieferdienste könnten doch über eine App Zugang zum Auto bekommen und es beladen, wenn der Besitzer zum Beispiel gerade bei der Arbeit ist. Das würde viel Zeit sparen. Dem Daimler-Vorstand um Dieter Zetsche gefiel das Konzept, und so wurde „Chark.me“ zum Pilotprojekt im neu geschaffenen Accelerator-Programm des Konzerns. Gesine Sahlfeld und ihre Mitstreiter starteten Betatests zunächst unter Daimler-Mitarbeitern und dann mit anderen Versuchsgruppen im Raum Stuttgart. Die fielen positiv aus. Jetzt will „Chark.me“ mithilfe von PwC die automobile Welt ein Stück verändern. Motto: „We are chark and change the way you park.“

„Chark.me“ will mehr sein als ein innovatives Autozubehör. Die Fantasie hat eine konkrete Zahl. „Wir sehen einen Markt von über 20 Millionen Fahrzeugen in Europa, die man mit dieser Technologie ausstatten kann“, sagt Gesine Sahlfeld. „In erster Linie geht es uns darum, das Feld der digitalen Plattformen rund um Mobilität nicht Google und anderen zu überlassen, sondern gemeinsam mit starken Partnern die Wertschöpfungsketten der Internetindustrie zu erschließen und über Transaktionen Umsätze zu generieren.“

„Über das Scale-Programm haben wir die Chance, unser Start-up durch eine andere Brille zu betrachten und zu erfahren, welche Chancen, Risiken und Knackpunkte Experten jenseits der Automobilbranche sehen.“

Gesine Sahlfeld, Gründerin Chark.me

In weniger als fünf Minuten hat Gesine Sahlfeld an diesem Abend ihr Projekt gepitcht. Die Runde spendet Beifall. Noch wichtiger wird ihr Auftritt in wenigen Wochen sein, wenn sie erfahrene Manager aus der Industrie, von Private Equity Gesellschaften und Venture Capital Fonds sowie vermögende Privatinvestoren überzeugen will. Mit der Vorbereitung darauf ist Sahlfeld nach der ersten Woche im Scale-Programm bereits zufrieden. „Wir bekommen hier komprimiertes Wissen auf dem Silbertablett präsentiert. Das ist unglaublich wertvoll“, sagt die Jungunternehmerin. Bis ihr Projekt ein Erfolg wird, ist es noch ein weiter Weg – dazu müssen auch andere Fahrzeughersteller, der Handel und Dienstleister mit ins Boot kommen. „Über das Scale-Programm haben wir die Chance, unser Start-up durch eine andere Brille zu betrachten und zu erfahren, welche Chancen, Risiken und Knackpunkte Experten jenseits der Automobilbranche sehen.“

Sensor und Datenplattform für Diabetiker

Das Start-up DiaMonTech aus Berlin ist schon zwei Schritte weiter. CEO Thorsten Lubinski und sein Team haben das Scale-Programm von PwC bereits durchlaufen. „Wir sind in erster Linie Techniker und Entwickler“, sagt Lubinski, „daher hat uns das NextLevel-Team vor allem beim Storytelling geholfen. Und wir profitieren jetzt von der internationalen Strahlkraft und dem Netzwerk von PwC.“

Das Produkt von DiaMonTech beflügelt die Fantasie, es könnte zu einer glücklichen Verbindung von innovativer Hardware und softwaregetriebener Internetplattform führen, einem Social Network für Zuckerkranke. „Wir wollen das Leben von 400 Millionen Diabetikern erleichtern“, sagt Lubinski. Statt invasiv, also durch Blutzapfen oder Sensoren unter der Haut, misst ein von DiaMonTech entwickelter und patentierter Detektor den Glukosegehalt mittels Lasertechnik auf der Haut. Noch hat der Prototyp die Ausmaße eines Schuhkartons und ist daher nicht marktfähig. Aber schon in zwei Jahren soll der Lasersensor in jedem Fitnesstracker oder in einer Apple Watch Platz finden können.

Über das Scale-Programm kam DiaMonTech mit weiteren potenziellen Investoren in Kontakt. Lubinski ist zuversichtlich, dass diese das Skalierungspotenzial des patentierten Produktes erkennen und in die weitere Finanzierung einsteigen werden. „Wir haben ein Lifestyleprodukt entwickelt, das universell ist und über das sich eine weltweite Community austauschen kann“, sagt der Unternehmensgründer und betont: „Datensouveränität ist bei diesem sensiblen medizinischen Thema natürlich wichtig. Aber mithilfe unseres Gerätes und über die Analyse und Aufbereitung von Daten können Diabetiker in Zukunft vielleicht mehr über ihren eigenen Diabetes lernen und besser damit umgehen. Das ist unser Antrieb.“

Ob sich unter den hoffnungsvollen Start-ups im NextLevel-Programm ein zukünftiges „Einhorn“ befindet? Das kann nur die Zukunft zeigen. „Den großen Erfolg und Durchbruch können wir natürlich nicht versprechen“, sagt Ashkan Kalantary, „aber wir arbeiten leidenschaftlich daran, dass unsere Start-ups ihre Chance bekommen und dass sie weiter und schneller wachsen können.“

Bildnachweis: © Getty Images Bild Ashkan Kalantary: © Jonas Friedrich

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