Plattformideen für eine bessere Welt

Backtosch Mustafa hat es geschafft. Der 21-jährige Medizinstudent aus Deutschland arbeitet zurzeit an seiner Doktorarbeit an der University of Harvard, wo er eine Gentherapie für Gehirntumore entwickelt. Neben der Zukunft der Medizin arbeitet er an einem Projekt zu einem maschinellen Lernalgorithmus, der mit UN-Daten gespeist wird, um begrenzte Ressourcen im öffentlichen Gesundheitswesen effektiver einzusetzen.

Beides lastet Backtosch nicht aus: Der Sohn afghanischer Kriegsflüchtlinge ist außerdem Gründer und CEO von „ApplicAid“, dem Betreiber der weltweit ersten kostenlosen Mentoringplattform für Stipendienbewerbungen. Die mehrfach prämierte gemeinnützige Gesellschaft fördert damit die globale Bildungsgerechtigkeit. Sie ermöglicht Personen aus bildungsfernen Gruppen, wie Menschen mit Migrationshintergrund, niedrigem sozioökonomischem Status und Flüchtlingen, leichter alle möglichen Formen von Stipendien- und Finanzierungsprogrammen zu beantragen, um ihre Aufnahmechancen zu erhöhen. Laut einer Studie der Mercator-Stiftung haben diese nämlich bis zu 30 Prozent geringere Chancen, angenommen zu werden.

„Ich bin sehr beeindruckt, wie fokussiert die Young Global Changers ihre Ideen für eine lebenswertere Welt vorantreiben“

Jens Wallraven, PwC Deutschland

Der engagierte Nachwuchswissenschaftler ist einer von 90 Young Global Changers (YGC), die in diesem Jahr ihre Konzepte, Lösungen und Plattformen für einen politischen Paradigmenwechsel im Rahmen des Weltpolitik-Forums Global Solutions Summit (GSS) präsentierten. Die Diskussionsplattform vereint Entscheider aus Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft. In Vorbereitung auf die jährlichen T20- und G20-Gipfel erörtern sie seit 2017 jährlich, wie die Abkopplung zwischen wirtschaftlichem Erfolg und gesellschaftlichem Nutzen verringert und beides in ein wohlstandsförderndes und nachhaltiges Gleichgewicht geführt werden kann.

Politische Antworten auf globale Probleme finden

Mehr als 1.000 Teilnehmer aus aller Welt, unter anderem Spitzenpolitiker, Nobelpreisträger und führende Unternehmensvertreter – und eben die Young Global Changers –, beteiligten sich an dieser Diskussion. Die – auch von PwC Deutschland als Partner unterstützte – Global Solutions Summer School in Berlin brachte begleitend im März die jungen Weltverbesserer aus 60 Ländern mit unterschiedlichsten Hintergründen und Erfahrungen zusammen.

„Ich bin sehr beeindruckt, wie fokussiert die Young Global Changers ihre Ideen für eine lebenswertere Welt vorantreiben“, sagt Jens Wallraven, bei PwC Deutschland verantwortlich für das PwC-Engagement beim T20-Summit. „Der angestrebte Paradigmenwandel ist nur mit künftigen Generationen möglich. Und die Young Global Changers sind herausragende junge Talente mit erstklassigen akademischen Leistungen und hohem gesellschaftlichem Engagement, die viel zum Besseren bewegen können.“

Die Welt ein wenig besser zu machen, ist auch die Motivation von Backtosch: „Seit meiner Kindheit bin ich in Deutschland mit der Bildungs- und Chancenungerechtigkeit für Menschen mit meinem sozialen Hintergrund konfrontiert“, sagt er. „Erst Stipendien haben mir geholfen, mich persönlich und fachlich weiterzuentwickeln.“ Mit ApplicAid verfolgt der Nachwuchswissenschaftler große Ziele: Er will die Plattform zum größten unabhängigen stipendienübergreifenden Netzwerk der Welt aufbauen, „um den zukünftigen Führungspersonen unserer Welt ein Medium zum gemeinsamen Austausch zu geben und einen Beitrag zu mehr Diversität in der Führungslandschaft von morgen zu leisten.“

1.000

Teilnehmer aus aller Welt nahmen an den Diskussionen beim Global Solutions Summit teil.

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Neben der Information über Stipendien liegt der eigentliche Schwerpunkt in der Unterstützung des Bewerbungsprozesses sowie der Vernetzung der vielen verschiedenen Stipendienprogramme weltweit. Mentoren unterstützen den Bewerber vier Wochen lang mit ihrer Erfahrung und ihrem Wissen. Gleichzeitig bietet die Organisation eine internationale Plattform zum Austausch, etwa über mögliche Auslandsaufenthalte und Konferenzteilnahmen von jungen Leistungsträgerinnen und Leistungsträgern.

Gesundheitsberatung für werdende Mütter

Falmata Hassane Awada, 25, ist eine sozial engagierte Softwareingenieurin und Unternehmerin aus dem Tschad. Sie ist Mitbegründerin und CEO von „NS2I Software“, das darauf abzielt, ländlichen Gemeinden innovative Lösungen zur Verfügung zu stellen, die deren Bürgern ihr tägliches Leben vereinfachen können. Aber sie entwickelt derzeit auch mit ihrem Technologie-Start-up „Sahitna“ eine Gesundheitsmanagementplattform zur Senkung der Mütter- und Kindersterblichkeit im Tschad.

Sahitna verwaltet das Gesundheitsmonitoring für werdende und junge Mütter, vorgeburtliche und postnatale Konsultationspläne per SMS oder Sprachbenachrichtigung, Impfpläne für Kinder von null bis fünf Jahren, medizinische Termine, das Erstellen einer elektronischen Patientenakte sowie Gesundheitsberatung für Mädchen und werdende Mütter. Es ist von jedem Mobiltelefon aus zugänglich, auch mit sehr geringer Reichweite, egal ob mit oder ohne Internetverbindung. Die mobile Technologie wird auch genutzt, um Mütter mit SMS- oder Sprachnachrichten in lokalen Sprachen an Vorsorgeuntersuchungen und Kinderimpftermine zu erinnern.

„Als meine Mitgründer und ich nach unseren Studien Ende 2016 in den Tschad zurückkehrten, stellten wir während eines Krankenhausaufenthaltes fest, dass viele Frauen durch Schwangerschaft oder bei der Geburt eines Kindes gestorben sind und Kinder an Krankheiten sterben, die durch einen Impfstoff hätten vermieden werden können“, sagt Falmata zur Motivation zu Sahitna. „Als Softwareentwickler und Unternehmerinnen sagten wir zu uns selbst: ‚Wie können wir unserer Gemeinschaft helfen? Warum entwickeln wir nicht eine Anwendung, die dazu beiträgt, die Zahl der Todesfälle von Müttern und Kindern zu reduzieren und damit den Einsatz von Technologien im Gesundheitssektor zu erleichtern?‘“ Aktuell befindet sich die Lösung in der Testphase und soll in Kürze am Markt starten.

Auch die Albanerin Daniela Muhaj hat einen exzellenten akademischen Hintergrund. Die 26-Jährige besitzt einen Doppelabschluss in Mathematik und Internationale Beziehungen der Baldwin Wallace University und einen Master in Internationale Wirtschaft und Beziehungen der John Hopkins School of Advanced International Studies (SAIS). Derzeit ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Harvard University und forscht mit Professor Ricardo Hausmann am Zentrum für internationale Entwicklung des Growth Lab als Research Fellow zu Themen wie Zukunft der Arbeit, Qualifizierung, wirtschaftliche Diversifizierung und Netzwerkwissenschaft.

Parallel entwickelt sie die Onlineplattform „eUbelong“. „Sie basiert auf einem Algorithmus, der die Qualifikationsdefizite auf dem lokalen Arbeitsmarkt mit den Fähigkeiten von geringfügig beschäftigten Arbeitnehmern abgleicht, um deren langfristige Integration in den Arbeitsmarkt zu unterstützen“, erklärt Daniela deren Zweck. Zum Start arbeitet das Projekt mit einer Pilotgruppe von 30 Flüchtlingsfrauen in der Region Baltimore zusammen.

Wachstum für kleine Unternehmen ankurbeln

Bashar Algharabeh besitzt ebenfalls zwei MA-Abschlüsse – einen in International Business und einen in Economics. Der 27-jährige Palästinenser arbeitet aktuell an einer Machbarkeitsstudie zum Betreiben einer Equity-Crowdfunding-Plattform an der PEX – Palestine Exchange. Die Plattform soll kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) der Region neue Finanzierungsmöglichkeit bieten. Laut einer Machbarkeitsstudie sind 85 Prozent der befragten Unternehmen bereit, an einer solchen Plattform teilzunehmen. KMU und Start-ups in Palästina beschäftigen mehr als 80 Prozent der Erwerbsbevölkerung im Privatsektor und verfügen über ein großes Potenzial, um die Wirtschaft anzukurbeln und die beachtlich hohe Arbeitslosenquote abzumildern.

„Die anhaltende israelische Besatzung hat die palästinensische Wirtschaft fragmentiert und an den Rand gedrängt. Dadurch hat sich ein nachteiliges Investitionsumfeld mit vielen Einschränkungen und begrenztem Expansionspotenzial entwickelt“, benennt Bashar ein großes Problem in seiner Heimat, das er lösen will. „Angesichts des großen Pools kleiner und mittlerer Unternehmen in Palästina und deren schwachem Zugang zu herkömmlichen Finanzierungen ist Equity Crowdfunding eine Chance für mehr wirtschaftliches Wachstum und Wohlbefinden.“

Bildnachweis: Bild 1: © Getty Images/ Anadolu Bild 2: © Getty Images/iStockphoto Bild 3: © Getty Images Bild 4: © Getty Images / LightRocket

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