Rolle rückwärts

Die Heimat von Weihnachten lag im November 2018 nicht in Bethlehem, sondern in einem Pop-up-Store von 250 Quadratmetern auf dem Kurfürstendamm in Berlin. Das Amazon-Geschäft „Home of Christmas“ tat fünf Tage lang so, als wäre Einkaufen in einem echten Laden gar nicht so uncool. Eine Influencerin trat auf, es gab Livemusik, Kekse und Drinks, man konnte unter Anleitung einer Fernsehköchin Lebkuchenhäuser selber bauen, und ein echter Weihnachtsmann führte durch sein „Smart home“.

Dass der sogenannte „stationäre Handel“ für den weltgrößten Onlineversender mindestens als Forschungslabor eine Rolle spielt, hat er schon im Lebensmittelgeschäft gezeigt: mit Testläufen für den kassenlosen Laden „Amazon-Go“ oder mit der Übernahme der amerikanischen Bio-Supermarktkette Whole Foods. Anfang März 2019 verkündete ein Amazon-Sprecher, das Geschäft mit Buch- und Warenfilialen werde weiter ausgebaut. Im Laufe des Jahres würden neue Standorte für Amazon Books und Amazon 4-Star-Stores (Läden mit den beliebtesten Produkten) bekanntgegeben.

<p>Online-Shop goes offline: In der Vorweihnachtszeit 2018 tat Amazon in Berlin fünf Tage lang so, als wäre Einkaufen in einem echten Laden gar nicht so uncool.</p>

Online-Shop goes offline: In der Vorweihnachtszeit 2018 tat Amazon in Berlin fünf Tage lang so, als wäre Einkaufen in einem echten Laden gar nicht so uncool.

„Betreutes Einkaufen“ im Beauty-Shop

Der deutsche Onlinehändler Zalando verfolgt eine solche Pop-up-Strategie schon seit Jahren und ist auch im Berliner Vorweihnachtsrummel präsent, allerdings in „Mitte“: „Modeinteressierte sind immer von Mittwoch bis Samstag herzlich eingeladen, die Welt des Curated Shopping Services live zu entdecken und regelmäßig wechselnde Kollektionen anzuprobieren“, hieß es in der zugehörigen Ankündigung. Das „betreute Einkaufen“ sollte die Kundschaft durch das grenzenlose Onlineangebot lotsen. „Profi-Stylisten“ berieten persönlich und kostenlos. Im vergangenen Jahr eröffnete Zalando gar einen permanenten „Beauty Concept-Store“, ebenfalls in Berlin-Mitte.

Auch wenn der Onlineumsatz in Deutschland Jahr für Jahr knapp zweistellig wächst, in diesem Jahr auf rund 58 Milliarden Euro (HDE Online-Monitor): Der Onlinehandel Non-Food (also ohne Lebensmittel) hat immer noch erst einen Marktanteil von 15 Prozent, betont PwC-Handelsexperte Christian Wulff. Dass die Vertriebskanäle miteinander verknüpft werden müssen, gilt also nicht nur für den klassischen Einzelhandel, sondern ist auch für die Plattformen ein Erfolgsfaktor.

Das stimmt vor allem im Handel mit Mode, wo die Retourenquoten immer noch hoch sind. „Im Modegeschäft gilt für die Plattformen: Wer als erstes auch im stationären Handel Fuß fasst, macht das Rennen“, sagt Christian Rößler, Partner bei der Beratung weShop.one in München. Und das kann schnell gehen. Er prognostiziert: „Das fehlende Handels-Know-how holen sich die großen Player durch Übernahmen deutscher Ketten.“

Bildnachweis: © Getty Images

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