Der deutsche Weg

Der schwäbische Maschinenbauer Dürr ist ein Hidden Champion wie aus dem Bilderbuch. Mit ihren Lackiermaschinen für die Autoindustrie spielt das Unternehmen ganz vorne mit. Um sich weiter vom Wettbewerb abzuheben, hat Dürr mit dem „EcoScreen Equipment Analytics“ ein Softwartetool entwickelt, das einen „digitalen Fingerabdruck“ liefert. Diese Onlinequalitätskontrolle zeichnet lückenlos alle Daten aus dem Lackierprozess in Echtzeit auf. Kommt es zu einem Problem, lässt sich die Ursache sofort ermitteln.

Seinen Ursprung hat das digitale Helferlein bei „Adamos“. Maschinenbauer sollen mit der Plattform die Möglichkeit erhalten, ihren Kunden Services für das Internet der Dinge selbst bereitstellen zu können. Adamos soll die beteiligten Unternehmen von bloßen Anwendern zu Anbietern entsprechender Applikationen machen. Dürr zählt wie auch die Unternehmen Software AG, DMG Mori, Carl Zeiss und ASM Pacific Technology zu den Gründungsmitgliedern.

„Wir suchen jetzt nach weiteren Partnern, die mit Digitalisierungsprojekten gemeinsam den Maschinen- und Anlagenbau stärken wollen“, erklärt Marco Link, Geschäftsführer von Adamos.

„Die eigentliche Herausforderung für jeden weiteren Partner besteht darin, erst einmal zu lernen, was Digitalisierung für das eigene Unternehmen bedeutet, und zwar in strategischer, organisatorischer und kultureller Hinsicht. Genau das können mittelständische Firmen am besten bewältigen, indem sie von den gegenseitigen Erfahrungen lernen.“

Längst ist Adamos nicht alleine am Markt. Mit dem Konzept, viele verschiedene IoT-Anwendungen auf einer Plattform anzubieten, tummeln sich mehr als 300 IoT-Plattformen auf dem Markt – von B2B- und B2C- bis zu branchenspezifischen Angeboten, so eine Erhebung der Software AG. Dennoch: Adamos gilt inzwischen als einer der Mutmacher für den deutschen Weg in die Plattformökonomie, der insbesondere auf die Vernetzung der Daten in den Fertigungsbetrieben setzt. Die deutsche Industrie ist spät, aber wohl auch nicht zu spät auf den Zug aufgesprungen.

Weit entfernt von Milliardenumsätzen

Das war auch Zeit: Sieben der wertvollsten Unternehmen der Welt sind Plattformen. Globale Giganten wie Amazon, Apple oder Alibaba dominieren die Plattformökonomie, vor allem im Konsumentenbereich. Aufgrund von deren Performance geht das in der Plattformforschung führende Massachusetts Institute of Technology (MIT) davon aus, dass zehn Prozent des globalen Bruttoinlandprodukts bereits über Plattformen erwirtschaftet werden. Die Industrieplattformen sind bislang noch weit entfernt davon, nennenswerte Umsätze im Milliardenbereich zu erzielen wie die verbrauchernahen Plattformgiganten. Die Unternehmen aus den USA und China geben hier klar den Ton an – und zählen auch zu den Outperformern an der Börse, wie der Netzökonom Holger Schmidt in seinem „Plattform-Index“ seit zwei Jahren nachweist.

Laut World Economic Forum zeigen aktuelle Untersuchungen, dass aufstrebende digitale Ökosysteme bis 2025 einen Umsatz von mehr als 60 Billionen US-Dollar – oder mehr als 30 Prozent des weltweiten Unternehmensumsatzes – ausmachen könnten. Dabei haben bislang erst drei Prozent der etablierten Unternehmen eine aktive Plattformstrategie eingeführt.

Dazu gehören zunehmend auch deutsche Firmen, beobachtet Rudolf Keul, Plattformexperte und Partner von PwC Deutschland: „Hierzulande wurde der Trend zu Plattformökonomien zunächst verschlafen, weil die Firmen zu lange einem linearen erfahrungsbasierten Denken verhaftet blieben. Die Situation lässt sich vergleichen mit einem Fußballspiel, in dem eine Mannschaft die erste Halbzeit passiv blieb, aber nach der Pause aufdreht. Boards und Führung müssen jetzt die Wirtschaftlichkeit von Plattformgeschäftsmodellen in viel größerer Tiefe erkennen und verstehen, wie man sie bedient. Dann eröffnen sich zahlreiche Chancen, die tradierte Unternehmen ergreifen können. Sie müssen jetzt nur schnell handeln, aber langfristig denken.“

Plattformstrategie braucht kulturellen Wandel

Um ihre Endmärkte anzugehen, verfolgen die Plattformbetreiber unterschiedliche Strategien. Der Konsumgüterkonzern Henkel etwa hat mit „Henkel X“ ein Forum geschaffen, das zum einen die eigenen Mitarbeiter mit den Auswirkungen der Digitalisierung vertraut macht und zum anderen Freiraum bietet, um neue Geschäftsmodelle zu entwickeln. Henkel X spricht dabei verstärkt Fachkräfte außerhalb der Firma an, sei es in Form von Mentoren, also renommierten Experten, oder Start-ups, die über gemeinsame Projekte in die Welt von Henkel X eingebunden werden.

Henkel folgt damit auch den Empfehlungen des britischen Plattformexperten Simon Torrance: „Die Umwandlung eines etablierten Geschäftsmodells in eine digitale Wirtschaft ist sehr schwer. Unternehmen müssen Kapital und Ressourcen mutig umverteilen, wenn sie in diesem Markt mitspielen möchten.“ Und sie sollten nicht versuchen, eine zu entwickelnde Plattformstrategie vollständig innerhalb der bestehenden Unternehmensstrukturen vorzunehmen. „Aufgrund kultureller Herausforderungen und bestehender Messgrößen wird dies fehlschlagen. Um die Zukunft neu zu erfinden und Innovationen nicht gleich im Keim zu ersticken, ist es besser, eine eigene Einheit zu gründen, die aber direkt an den CEO berichtet“, rät Torrance.

Mit der Transformation zu Plattformunternehmen einher geht ein Wandel in den jeweiligen Unternehmenskulturen, beobachtet Volker Schnittler, Leiter des Bereichs Unternehmenssoftware beim Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA): „Firmen, die auf Plattformen setzen, müssen sich vom klassischen Produktanbieter zum Teil eines Netzwerks von Wertschöpfungen entwickeln. Das bedeutet, über das Teilen von Know-how in Partnerschaft mit anderen neuen Produkten und Services anzubieten und sich zugleich offen dem marktwirtschaftlichen Wettbewerb zu stellen.“

Der Technologiekonzern Siemens hat mit seiner Industrieplattform MindSphere einen eigenen Ansatz gewählt. Das offene cloudbasierte Betriebssystem, das im Umfeld der industriellen Fertigung der konzerninternen Geschäftsfelder entstand, sieht sich als Anlaufstelle für komplette Industriezweige. Es verbindet Produkte, Anlagen, Systeme und Maschinen bei Kunden wie dem Volkswagen Konzern und ermöglicht ihnen, die Fülle von Daten aus dem Internet der Dinge mit umfangreichen Analysen zu nutzen.

Der Softwaregigant SAP wiederum hat mit seiner Plattform Leonardo ein Tool geschaffen, das sich als „Innovationsplattform“ für Digitalisierungsprojekte aller Art versteht und damit weit über das Internet der Dinge in die Zukunft weist. „SAP Leonardo stattet unsere Kunden auf ihrem Weg zur Digitalisierung mit Fähigkeiten wie dem Internet der Dinge, Analytics, maschinellem Lernen, künstlicher Intelligenz und Blockchain aus“, erklärt Nils Herzberg, Senior Vice President und Global Head of Discrete Industries, den SAP-Ansatz.

Dank Partnern zu mehr Wachstum

Als kleiner Plattformriese gilt immerhin das Mode-Handelsunternehmen Zalando mit einem Umsatz von 5,4 Milliarden Euro und mehr als 26 Millionen Kunden in Europa. 

Das Unternehmen setzt dabei strategisch zunehmend auf ein Partnerprogramm: Dabei kauft Zalando nicht wie ein Händler bei den Modemarken ein, um sie weiterzuverkaufen. Stattdessen stellt der Onlinehändler ihnen seine Plattform zur Verfügung. Über die Zalando-App können Kunden direkt bei den Marken einkaufen. „Wir unterstützen Marken dabei, digital erfolgreich zu sein, indem wir ihnen Zugang zu Kunden in ganz Europa verschaffen“, sagt Co-CEO David Schneider dazu. Zalando könne damit eine Vielfalt an Produkten anbieten, ohne dabei selbst ins Risiko gehen zu müssen.

Langfristig soll das der Weg sein, mit dem das Unternehmen seine Zukunftsfähigkeit absichern will: Während das Partnerprogramm im Geschäftsjahr 2018 zehn Prozent des Bruttowarenvolumens (GMV) in Höhe von 6,6 Milliarden Euro betragen hat, soll dieser Anteil in den nächsten fünf Jahren auf 40 Prozent steigen.

Bildnachweis: © Caspar David Friedrich, Wanderer über dem Nebelmeer, um 1817, Öl auf Leinwand Foto: Getty Images / DeAgostini

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