Alibaba und die Plattformgang

Als der einstige Englischlehrer Jack Ma 1999 zusammen mit ein paar Freunden im chinesischen Hangzhou das Unternehmen Alibaba gründet, gibt er seinen Mitstreitern folgende Marschrichtung mit auf den Weg: „Unsere Wettbewerber sitzen nicht in China, sondern im Silicon Valley.“ Ma scheint bei den Anwesenden Anspannung und Ängstlichkeit zu spüren. Und so fügt der damals 35-Jährige hinzu: „Aber mit unserer Innovationskraft können wir sie schlagen.“ So mancher mag damals seinen Ohren nicht getraut haben, doch rund 20 Jahre später bezweifelt kaum jemand mehr Mas Mut und Visionskraft. Sein Unternehmen Alibaba ist inzwischen zu einem Internetgiganten mit mehr als 60.000 Mitarbeitern aufgestiegen. Der Umsatz beläuft sich auf rund 768 Milliarden Euro.

Nun hat Jack Ma wieder eine Vision. Thomas Heck, China-Experte bei PwC Deutschland, glaubt gar, das neueste Vorhaben von Alibaba habe das Potenzial, den weltweiten Handel zu revolutionieren. Alibaba-Gründer Ma geht nicht ganz so pathetisch an die Sache, er nennt es schlicht „electronic World Trade Platform“, kurz eWTP. Dennoch verbirgt sich hinter dieser sperrigen Abkürzung ein schier unglaubliches Vorhaben: Mit jener elektronischen Welthandelsplattform will Alibaba einen riesigen Marktplatz schaffen, der weltweit unzählige Hersteller direkt mit Millionen neuen Kunden zusammenbringen soll. Der auf der digitalen Plattform abgewickelte Handel soll sicher, zuverlässig und vor allem schnell ablaufen. Auf der eWTP gehandelte Waren sollen innerhalb von drei Tagen zu allen Punkten der Welt geliefert werden können. Allein das ist ein gewaltiges Unterfangen, welches so noch kein anderes Logistikunternehmen hinbekommen hat.

Ein neues Handelsnetz quer über den Globus entsteht

Hätten lange Zeit multinationale Konglomerate die Regeln vorgegeben, sei es nun an der Zeit, kleinen und mittelständischen Unternehmen ein Mitspracherecht einzuräumen, wirbt Alibaba für das Projekt. Heck nennt die eWTP eine „überaus attraktive Idee“. Vor allem für kleine Unternehmen ist internationaler Handel meist schwierig. Der China-Experte von PwC denkt dabei nicht nur an zeitintensive und kostspielige Kundenakquise. Er verweist auch auf Logistikausgaben – angefangen von Zöllen über unterschiedliche Transferregularien bis hin zu den eigentlichen Transportkosten. Das alles will Alibaba mit seiner elektronischen Welthandelsplattform aus einer Hand anbieten.

Das Projekt ist bereits in vollem Gange: Am belgischen Flughafen Lüttich entsteht derzeit auf einer Fläche von mehr als 220.000 Quadratmetern ein gigantisches Logistikzentrum. Lüttich soll zum internationalen Drehkreuz werden – zu einem von vielen. Denn in Moskau, Hongkong, Hangzhou, Kuala Lumpur, Dubai und Ruanda sind ähnliche Projekte entweder geplant oder bereits im Bau. Es sind gezielt ausgewählte Standorte, die zusammen ein riesiges Handelsnetz über den Globus spannen sollen. Schnell wird klar: Hier hat tatsächlich jemand etwas ganz Großes vor. Heck ist überzeugt: „Wenn jemand so etwas schaffen kann, dann sicherlich eine Plattform wie Alibaba.“

220.000

Quadratmeter groß ist das Logistikzentrum in Lüttich.

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Das chinesische Unternehmen aus Hangzhou steht exemplarisch für eine neue Plattformökonomie: Nirgendwo sonst tritt die disruptive Kraft der Digitalisierung augenfälliger zutage. Plattformen wie Alibaba, Amazon oder Google sind eine neue Gattung von Unternehmen. Ihnen ist es gelungen, die bestehenden Strukturen und Hierarchien aufzubrechen und in unterschiedlichen Branchen selbst zum neuen Machtzentrum zu werden.

Alibaba wurde 1999 in Hangzhou gegründet. Schon damals war klar, welcher Mut und welche Beharrlichkeit in Jack Ma stecken. Gerne erzählt er, wie er einst mit 24 anderen Bewerbern versuchte, bei der amerikanischen Fastfoodkette Kentucky Fried Chicken einen Job zu bekommen – und als einziger leer ausging. Ma half dann im chinesischen Handelsministerium bei der Entwicklung von Internetseiten, ehe er sich 1999 in das Abenteuer Alibaba stürzte. Zunächst konzentrierte sich das junge Unternehmen auf den Geschäftsbereich Business-to-Business (B2B) und gründete die Ebay-ähnliche Plattform Taobao. Zu dieser Zeit dominierte noch die chinesische Seite von Ebay das Geschäft in China. Doch schon damals dachten Ma und sein Team in großen Kategorien und verkündeten, die Tage des US-Unternehmens in China seien gezählt. Wie recht er damit haben sollte, zeigte sich ein Jahr später, als Ebay sich tatsächlich aus dem chinesischen Markt zurückzog.

Inzwischen ist aus einem kleinen Internetportal ein global expandierendes E-Commerce- und Entertainment-Imperium geworden. Alibaba ist in fast allen Geschäftsbereichen tätig: Von Onlinehandel (mit AliExpress, Taobao oder Tmall) und Supermärkten (wie der Hema-Kette) über Cloud-Computing (AliCloud) und künstliche Intelligenz bis hin zu Finanzdienstleistungen (Ant Financial, siehe Kasten). Trotz starker Konkurrenz verfügt Alibaba in China inzwischen über einen Marktanteil von mehr als 58 Prozent. Nun nimmt Jack Ma mit seiner elektronischen Handelsplattform die ganze Welt ins Visier.

Neue Marktchancen für Europas Händler in China

Entsprechend machen bereits Befürchtungen die Runde, Alibaba könnte die eWTP als Vorwand nutzen, um den deutschen und europäischen Markt mit den vielfältigen Alibaba-Dienstleistungen zu überrollen. Dem widerspricht China-Experte Heck. Das Projekt eWTP richte sich in die andere Richtung, denn mit der Internetseite Alibaba.com sei das Unternehmen schon lange in Europa und den USA vertreten. „Alibaba geht es nun vor allem um den chinesischen und den globalen Markt.“

1,8

Billionen Dollar prognostizieren Analysten für den chinesischen E-Commerce Markt für 2022.

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Und der Onlinemarkt in China ist riesig. In keinem anderen Land der Welt wird so viel online ge- und verkauft wie in China. Rund 800 Millionen Internetnutzer gibt es in der Volksrepublik; 455 Millionen davon bezahlen täglich online. Schon 2016 führten Chinesen mit ihren Smartphones Transaktionen im Wert von 5,5 Billionen Dollar durch – das ist ungefähr 50-mal so viel wie in den USA, schätzt die Shanghaier Consultingfirma iResearch. Bei einer Bevölkerung von 1,4 Milliarden Menschen bedeuteten 800 Millionen Internetnutzer aber auch, dass es rund 600 Millionen potenzielle Neukunden gibt. Entsprechend rechnet das amerikanische Marktforschungsunternehmen Forrester damit, dass Chinas E-Commerce-Handel auch weiterhin jedes Jahr um rund 8,5 Prozent wachsen wird. Für 2022 prognostizieren die Analysten ein Volumen von rund 1,8 Billionen Dollar – so viel wie die Märkte der USA, Europas und Japans zusammen.

In Belgien plant Alibaba ein riesiges Drehkreuz für den Handel zwischen China und Europa. Mit Investitionen von zunächst 75 Millionen Euro soll am Flughafen Lüttich auf 220.000 Quadratmetern eine „intelligente Logistikdrehscheibe“ entstehen. (© dpa picture alliance)

In Belgien plant Alibaba ein riesiges Drehkreuz für den Handel zwischen China und Europa. Mit Investitionen von zunächst 75 Millionen Euro soll am Flughafen Lüttich auf 220.000 Quadratmetern eine „intelligente Logistikdrehscheibe“ entstehen. (© dpa picture alliance)

Chinas riesiger Markt birgt dementsprechend viele Chancen für deutsche und europäische Unternehmen. Denn beliebt bei chinesischen Kunden sind vor allem ausländische Produkte. Allein 2017 haben 67 Prozent der chinesischen Onlinekäufer amerikanische oder europäische Waren bestellt. Durch die eWTP wolle man es kleinen und mittelständischen Unternehmen aus dem Ausland ermöglichen, ihre Waren auf dem riesigen Markt in China und anderen Ländern abzusetzen, heißt es vonseiten Alibabas. Heck hält diese Argumentation für nachvollziehbar. „Ein kleiner oder mittelständischer Unternehmer aus Deutschland könnte niemals so viele Kunden in China erreichen, wie es durch die Alibaba-Plattform möglich ist. Dafür fehlen schlicht die Möglichkeiten.“

Die Gefahr einseitiger Abhängigkeit droht

Doch birgt eine derart große Plattform auch Gefahren. „Wenn man sich mit seinen Waren oder Dienstleistungen auf eine Plattform begibt, geht man immer ein Vertragsverhältnis ein, und Verträge sind nie neutral“, gibt Heck zu bedenken. Es gebe immer einen dominanten Partner, der die Regeln vorgebe. Er meint dabei nicht nur direkte Forderungen wie das Erheben einer Nutzungsgebühr. Plattformen wie Alibaba hätten weitaus mehr und viel subtilere Möglichkeiten, Normen zu setzen und Vorgaben zu machen: beispielsweise indem sie die Kunden auffordern, das neue Logistikzentrum in Lüttich zu nutzen oder den Cloudservice Alicloud oder den Bezahldienst Alipay. „Das alles ist per se nicht schlecht“, meint Heck. Manche Unternehmen könnten Dienste wie mobiles Zahlen oder einen Cloudservice tatsächlich benötigen. Aber eben nicht alle. Auch hier hat Jack Ma wieder geschickt gehandelt. PwC-Experte Heck verweist auf die Namensgebung „elektronische Welthandelsplattform“: „Damit suggeriert Ma eine gewisse Neutralität. Aber ob es diese gibt, ist zumindest fraglich.“

„Ein kleiner oder mittelständischer Unternehmer aus Deutschland könnte niemals so viele Kunden in China erreichen, wie es durch die Alibaba-Plattform möglich ist.“

Thomas Heck, China-Experte bei PwC Deutschland

Ein anderer heikler Punkt ist das Thema Datenschutz. Hier erkennt Thomas Heck aktuell jedoch kein Problem. Es sei zwar eines der heikelsten Themen, allerdings arbeitet PwC selbst mit bei der Zertifizierung des Datenschutzes von Alibaba Cloud in Deutschland. „Das klappt hervorragend“, sagt der PwC-Experte. Alibaba könne es sich nicht erlauben, auch nur einen Zweifel an der Sicherheit der Kundendaten aufkommen zu lassen. Würde hier etwas nicht stimmen, könnte dies ein sehr schnelles Aus für Alibabas schöne Welthandelsplattform bedeuten.

Klar ist: Mit seiner elektronischen Welthandelsplattform bastelt Alibaba an einem ganz eigenen Ökosystem: Kundensuche und Akquise, Bestellen und Bezahlen, sogar das Finanzieren erfolgt alles via Alibaba. Sich einem solch umfassenden System anzuvertrauen, bringt einerseits etliche Synergieeffekte. Andererseits schwingt aber auch die Gefahr von Abhängigkeiten mit. Und in diesem Fall ist jedem klar, wer Koch und wer Kellner ist.

Bildnachweis: © Getty Images/ VCG

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