80 Prozent

Die Verwaltung und Verteilung von Betriebsrenten-Policen in Deutschland ist noch mühsame Handarbeit. Bis zu 30 oder mehr verschiedene Arbeitsschritte sind erforderlich, etwa wenn ein Mitarbeiter das Unternehmen verlässt und zu einem anderen Arbeitgeber wechselt. Ein wahrer Formularkrieg, der auch im Jahr 2019 fast durchweg analog, also per Post und Fax abgewickelt wird. Dazu kommt eine hohe Komplexität mit mehr als 8.000 Variablen. Der Prozess, der sich über sechs Monate und bisweilen auch länger hinzieht, ist nicht nur äußerst schwerfällig. Sondern das herkömmliche Handling der Betriebsrenten kommt Versicherer, Unternehmen und Agenten auch teuer zu stehen. Schätzungsweise 25 Millionen Arbeitsstunden fallen jährlich dabei an. Angesichts von rund 15 Millionen Policen in Deutschland und einem durchschnittlichen Aufwand pro Police von bis zu 200 Euro im Jahr liegen die Verwaltungskosten bei rund drei Milliarden Euro.

„Unsere Plattform zahlt darauf ein, dass für alle Beteiligten die Wertschöpfung optimiert wird.“

Martin Bockelmann, CEO xbAV AG

Das Münchener InsureTec-Unternehmen xbAV hat dieser Bürokratie den Kampf angesagt. Mit einer flinken Plattform und prominenter Unterstützung sowie einer üppigen Finanzierung im Rücken will es die betriebliche Altersversorgung – und demnächst auch weitere Versicherungsbereiche – ins digitale Zeitalter überführen. Dazu vernetzt das Unternehmen mit seinen 120 Mitarbeitern die vier wesentlichen Beteiligten bei deutschen Betriebsrenten: die Versicherungsunternehmen, die Vermittler, die Arbeitgeber und die Beschäftigten.

„Nur eine digitale Lösung ist in der Lage, diese ineffiziente Struktur zu ändern“, sagt Lars Hinrichs, Gründer der Karriere- und Kontaktplattform Xing. Im Hintergrund knüpft er geschickt die Fäden und bringt seine Plattform-Kompetenz ein: Hinrichs ist auch größter Einzelaktionär, Impulsgeber und Aufsichtsratsvorsitzender der über ihre Branche hinaus kaum bekannten xbAV AG (siehe auch Interview: „Mein nächstes großes Ding“).

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Digitales Ökosystem für eine schwerfällige Branche

„Wir haben uns die Wertschöpfungskette bei den Betriebsrenten angeschaut und realisiert, dass wir das gesamte Modell der Industrie verändern können“, sagt Martin Bockelmann, CEO von xbAV. 2010 hatte er seine Idee dazu Lars Hinrichs vorgestellt. Der Plattformexperte erkannte auf Anhieb das Potenzial. Mit dessen Input und Investment konnte Bockelmann xbAV weiterentwickeln und beginnen, in einem Outsourcing-Modell erste Prozesse zu digitalisieren sowie zahlreiche Produktanbieter zu bündeln: „Wir setzen heute auf das Geschäftsmodell der Plattform und haben damit ein völlig neues Ökosystem – eine unabhängige Software-as-a-Service-Lösung in der Cloud – für die gesamte Branche geschaffen.“

Was bisher zwischen Anbietern von Altersvorsorgeprodukten, Versicherungsvermittlern, Arbeitgebern und deren Mitarbeitern weitgehend noch über Formulare, Post und Fax läuft, hat xbAV mit Shared-Service-Schnittstellen gelöst. „Vom Angebot einer betrieblichen Altersversorgung für einen neuen Mitarbeiter bis zum Firmenwechsel oder Ausscheiden von Mitarbeitern – in Unternehmen gibt es zahlreiche Anlässe für Verwaltungsprozesse. Die bisher zeitlich sehr aufwendigen Vorgänge sind über die Plattform eine Sache von wenigen Klicks“, sagt Martin Bockelmann. Die Plattform ist anbieterübergreifend konzipiert, skalierbar und bietet die technische Lösung zur vollständigen Umsetzung des Betriebsrentenstärkungsgesetzes, das 2018 in Kraft getreten ist. Dieses zielt darauf ab, die Betriebsrente insbesondere auch in kleinen und mittleren Unternehmen nachhaltig zu verbreiten.

Denn diesbezüglich ist Deutschland international weit im Hintertreffen: Die OECD-Studie „Pension Markets in Focus“ von 2018 bescheinigt ausgerechnet dem führenden Wirtschaftsstandort bei der betrieblichen Altersvorsorge im weltweiten Vergleich das Dasein eines Mauerblümchens. Mit 6,9 Prozent – gemessen am Bruttosozialprodukt – liegt das Anlagevolumen der 15 Millionen Policen in Deutschland laut der Studie weit hinter dem europäischen Durchschnitt in Höhe 133,6 Prozent, also um nahezu das 20-Fache niedriger.

<p>Nach einem Leben in Lohn und Brot ...&nbsp;</p>

Nach einem Leben in Lohn und Brot ... 

Die Ursachen dafür hat zuvor schon die „Machbarkeitsstudie für eine empirische Analyse von Hemmnissen für die Verbreitung der betrieblichen Altersversorgung in kleinen und mittleren Unternehmen (KMU)“ analysiert. Laut der Studie des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales aus dem Jahr 2017 wird der zusätzliche Versorgungsbedarf der Arbeitnehmer von den Arbeitgebern aller Unternehmensgrößen nicht erkannt. Besonders eklatant sind die Hemmnisse aber bei den KMU, die den weit überwiegenden Anteil deutscher Arbeitsplätze stellen. Dort haben die Arbeitgeber einerseits einen geringen Kenntnisstand zur bAV und andererseits Angst vor dem hohen Verwaltungs- und Informationsaufwand. Zudem fehlen für das komplexe Thema bAV Spezialisten und Personalressourcen im Unternehmen.

Höhere Wertschöpfung durch Automatisierung

„Genau dieses Problem löst unsere Plattform“, sagt Martin Bockelmann. Teilnehmende Unternehmen können künftig nicht nur bestehende Verträge verwalten, sondern auch ihre Beschäftigten über die Möglichkeiten der betrieblichen Altersvorsorge online via Plattform informieren. „Wir wollen, dass jeder Arbeitnehmer versteht, wie es für ihn steht und welche Möglichkeiten er beim Arbeitgeber hat – insbesondere was eine Investition in eine betriebliche Rentenpolice für ihn monatlich netto bedeutet.“

<p>... ist es gut zu wissen, dass man die Früchte seiner Arbeit ernten kann ...</p>

... ist es gut zu wissen, dass man die Früchte seiner Arbeit ernten kann ...

xbAV ist produkt- und firmenneutral, verkauft keine Produkte, sondern stellt die digitale Technologie zur Verfügung. „Unsere Plattform zahlt darauf ein, dass für alle Beteiligten die Wertschöpfung optimiert wird. Ziel ist eine ähnliche Automatisierung, die für den Arbeitgeber genauso wenig Arbeit macht wie bei der Sozialversicherung“, schildert der xbAV-CEO. Diese Automatisierung spart insgesamt bis zu 80 Prozent der heute anfallenden Kosten, vor allem auf Seiten der Arbeitgeber. Die xbAV AG erhält von den Unternehmen, Versicherern und Vermittlern eine Lizenzgebühr – je nach der Höhe von deren Ersparnis.

Der globale Versicherer Talanx war der erste, der xbAV beitrat. Andere folgten schnell. 20 der größten deutschen Lebensversicherer, darunter beispielsweise Signal Iduna, Zurich und die Sparkassen Versicherung, die zusammen die Mehrheit der Betriebsrenten-Policen bedienen, mehr als 6.000 Versicherungsagenten und über 2.000 Unternehmen nutzen die Plattform bereits. Das Unternehmen konzentriert sich derzeit auf Deutschland, den größten und komplexesten Markt in Europa.

<p>... weil man sich ein gutes Ruhepolster für den Lebensabend geschaffen hat.</p>

... weil man sich ein gutes Ruhepolster für den Lebensabend geschaffen hat.

Weitergehende Pläne hat xbAV in der Hinterhand. So schloss das Unternehmen im vergangenen Oktober erfolgreich seine Serie-B-Finanzierungsrunde mit 21 Millionen Euro ab. Sie wird angeführt von Armada Investment, dem Family-Office des Schweizer Unternehmers Daniel S. Aegerter. Der Gründer der E-Commerce-Software-Firma Tradex hatte das Unternehmen im Jahr 2000 für 5,6 Milliarden Dollar an Ariba verkauft. Er sitzt seitdem im Aufsichtsrat von xbAV, dem neben Lars Hinrichs auch Herbert Henzler, ehemaliger Europa-CEO von McKinsey angehört. Auch bestehende Investoren beteiligten sich an dieser Finanzierungsrunde: allen voran Lars Hinrichs sowie ein internationales Netzwerk aus 20 Pionieren der Venture-Capital-, Technologie- und Versicherungsbranche.

Bildnachweis: © Getty Images/ Jill Chen Bild 1 (Brot): © Getty Images / Westend61 / Roman Märzinger Bild 2 (Melone): © Getty Images Bild 3 (Kissen): © Getty Images/fStop

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