Kolumne

Was passiert, wenn nichts passiert?

Solange wir es noch können, sollten wir uns dringend die Frage stellen: Was passiert, wenn nichts passiert? Einer der ersten Reflexe ist bislang in der Regel, das Problem an eine Expertengruppe zu delegieren. Damit hat man sich elegant der Verantwortung sowie der Auseinandersetzung entledigt. Ein anderer häufiger Reflex sind Bagatellisierungen oder Banalisierungen. Etwa so: „Mal sehen und abwarten, was die anderen so machen“, „Es ist doch historisch immer schon irgendwie gegangen, warum also aufregen“. Man spricht dann von einer Wait-and-see-Strategie. Oder: „Wir machen mal so weiter wie bisher“, das sogenannte „Business-as-usual“-Vorgehen, oder „Lock-in-Strategien“ („Wenn es wirklich so gut ist, hätte es schon jemand gemacht“). 

Derartige Strategien werden für unser konkretes Alltagsleben, aber auch für unsere Wirtschaft, für unsere Demokratien und für den Planeten, ineffizient, nicht nachhaltig und somit extrem teuer sein. Es sind allesamt eher Beruhigungsmentalitäten und -strategien, die uns helfen sollen, mit dem Status quo zurechtzukommen. Wir leben im Anthropozän – wie Forscher das Zeitalter des Menschen nennen. Es ist zum Staunen, aber auch zum Fürchten.

Unsere Haltung kommt uns teuer zu stehen

Was wir daher dringend brauchen, ist etwas völlig anderes: Wir benötigen fehlerfreundliche, alternative Strategien („Mal ausprobieren, ob es auch anders geht“), „Get-rid-of-Strategien“ („Weniger ist besser, aber anders“) und „Grace-and-grid-Szenarien“ („Wir wissen viel zu wenig, als dass wir es uns erlauben könnten, auf die Erfahrung anderer Kulturen und Menschen zu verzichten“). Stattdessen geht es in der gewohnten Lesart weiter. Ständige Zunahme der Größenordnungen oder Beschleunigungen gehören ebenfalls dazu. Dies folgt dann dem Motto: Wir haben das Ziel aus den Augen verloren und erhöhen stattdessen den Durchsatz und die Geschwindigkeit

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Banken-, Währungs- oder Staatsschuldenkrisen pro Jahr gab es zwischen 1970 bis 2017.

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STEFAN BRUNNHUBER (1962) gelernter Kfz-Mechaniker, Doppelstudium Medizin und Wirtschaftssoziologie. Mehr lesen »

STEFAN BRUNNHUBER (1962) gelernter Kfz-Mechaniker, Doppelstudium Medizin und Wirtschaftssoziologie. Seit 2010 Ärztlicher Direktor Diakonie Kliniken Sachsen, Habilitation Medizinische Psychologie, Psychotherapie und Medizinische Soziologie. Einer von 15 deutschen Mitgliedern der World Academy of Arts and Science, Mitglied im Club of Rome sowie Senator an der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste. W3-Professur für Psychologie und Nachhaltigkeit, Dahrendorf-Schüler, internationale Gastprofessuren. Weniger lesen »

Diese Haltung betrifft eigentlich alle Bereiche: wie wir arbeiten und wirtschaften, leben und essen, unsere Kinder erziehen, Kriege führen und beten, wie wir Politik machen und die Natur betrachten. Vieles von dem, was wir tun, hat zwar eine Richtung, aber kein wirkliches Ziel mehr. Wir schrumpfen auf ein Mittelmaß an praktischen Möglichkeiten zusammen, anstatt dass wir die grundsätzlichen Optionen wirklich offenlegen. Wir müssen an der Stelle noch gar keine moralische Diskussion über den Wert einen einzelnen Menschen, seinen „basic needs“, den Eigenwert der Natur oder den Stellenwert zukünftiger Generationen anstellen. Unabhängig von der Moral, kommt uns eine solche Haltung teuer zu stehen. Etwa im Bereich der Auswirkungen der fossilen Brennstoffe und der globalen Erhitzung, dann im Bereich Armut und Hunger. Noch teurer, aber dafür nicht ganz so sichtbar, wird es bei der zunehmenden Einkommens- und Wohlstandsungleichheit. Und billig sind hohe globale Jugendarbeitslosigkeit und fehlende Bildungschancen wohl auch nicht, wenn man an die Verluste an Produktivität und Kreativität denkt, welche dadurch entstehen, dass wir Milliarden Menschen gerade jenen Zugang verwehren. 

Große Diskrepanz zwischen Wissen und Einsicht

Etwa so: Wie viel wissenschaftliche Durchbrüche gehen uns verloren, weil wir einer Mehrzahl der Weltbevölkerung die Möglichkeit hierzu verwehren? Die folgende Tabelle gibt einen ersten Überblick über einige kostspielige Unternehmungen, welche, wenn wir sie in den nächsten Jahren nicht lösen, mit immensen Kosten für unsere und mindestens die nächste Generation einhergehen, unsere Gesamtsituation weiter verunsichern, und welche die politischen Systeme, in denen wir derzeit leben, weiter destabilisieren. Und das alles mit unabsehbaren Auswirkungen für uns alle. 

Das Paradoxe an der Situation ist: Die Diskrepanz zwischen dem Wissen und der Einsicht auf der einen Seite und den Möglichkeiten, etwas zu verändern, auf der anderen Seite, war in keiner Generation der Menschheitsgeschichte höher als in der jetzigen.

Fossile Energieträger
Globale Überhitzung, direkte globale Subventionen (500 Mrd. USD/Jahr) sowie 5 Trill. USD/Jahr an indirekten Subventionen, welche durch negative soziale und ökologische Externalitäten entstehen (z. B. Gesundheitskosten)
Armut und Hunger
Kosten für forcierte Migration (Defensivkosten), zusätzliche Kosten für Umwelt und soziale Sicherungssysteme
Einkommens- und Vermögensungleichheit
Verlust an Mittelschicht und den damit verbundenen Absatzmärkten von mehr als 75% der Weltbevölkerung, Destabilisierung von Demokratien (Opportunitätskosten)
Globale Arbeitslosigkeit / Fehlende Bildungschancen
300 Mio. sind arbeitslos und 2 Mrd. Menschen sind unterbeschäftigt mit erheblichen Kosten der sozialen Exklusion (etwa Kriminalität, soziale Sicherung) oder nicht realisierten Möglichkeiten.
Fehlender Zugang zum Gesundheitssystem
9 von 10 Menschen im globalen Süden haben keinen Zugang zu chirurgischer Grundversorgung, 85% keine psychiatrische Behandlung; 7 Mio. sterben vorzeitig wegen schlechter Luftqualität, 20.000 sterben jeden Tag an behandelbaren Infektionserkrankungen.
Finanzkrisen
Die Gegenfinanzierung bindet immense Finanzvolumina, welche nicht für Bildung, Infrastruktur und Gesundheit sowie kulturelle und ökologische Projekte zur Verfügung stehen (Crowding-out Effekte).

Vielleicht am teuersten werden die fortwährenden Finanzkrisen. Laut aktuellen Studien des Internationalen Währungsfonds kam es im Zeitraum 1970 bis 2017 zu 124 Banken-, 326 Währungs- und 64 Staatsschuldenkrisen. Das macht im Durchschnitt zehn Ereignisse weltweit pro Jahr. Und das ist alles andere als billig. Es ist ausnahmslos der Steuerzahler, welcher direkt oder indirekt für die Wiederherstellung der Finanzmarktstabilität einspringt. Man darf dem besorgten Leser die Frage zumuten: Würden Sie sich in ein Auto setzen, welches zehnmal im Jahr stehen bleibt? Eher nicht. Könnte es sein, dass es gar nicht am Fahrer liegt, sondern am Design des Fahrzeugs? 

Hinzu kommt, dass die eingeforderten Beträge, welche schnell bei ein bis zwei Prozent des Bruttosozialprodukts liegen, dann gerade für andere anstehende Projekte (Bildung, Gesundheit, Infrastruktur, Digitalisierung, Entwicklungshilfe oder Innere Sicherheit) fehlen.

Könnten wir es auch anders machen? Paralleles Denken und parallele Währungen

Eine der Alternativstrategien ist: Mal sehen, ob es auch anders geht. Nehmen wir einmal an, es gäbe eine Region in Europa, welche sich nachhaltig entwickeln will, eine hohe Arbeitslosigkeit hat, eine Agrar-,Verkehrs- und Energiewende einleiten will und zudem auf ständige Transferleistungen angewiesen ist. Und dies umfasst Kindergartenplätze, Pflegedienst, öffentliche Infrastruktur, regionalen Umweltschutz in gleicher Weise wie die regionale Wirtschaftsförderung, Energie und Verkehrskonzepte, Bildungsangebote sowie die soziale Teilhabe am öffentlichen Leben. Einen Fahrplan hierzu können die 17 „Sustainability Developments Goals“ (SDG) der UN darstellen. Die traditionelle Entwicklung einer solchen Region ist vor allem durch Wachstum und Umverteilung, Quersubventionierungen und externe – vor allem internationale – Kapitalgeber charakterisiert. 

Um eine solche regionale Transformation finanzpolitisch zu realisieren, besteht eine durchschnittliche Finanzierungslücke von acht bis zehn Prozent der regionalen Wirtschaftskraft. Dieser Betrag lässt sich jedoch nicht aus der laufenden Wertschöpfung abziehen und umverteilen. Um eine solche Region langfristig nachhaltig und in einer globalisierten und total vernetzten Welt hinreichend resilient zu gestalten, sind heute weitere politische Instrumente notwendig.

Was wäre denn, wenn wir ein paralleles Währungssystem hätten? Eines, welches als zusätzliche Liquidität für die Lösung all der oben genannten Probleme eingesetzt wird und als allgemeines Zahlungsmittel für Löhne und Steuern zugelassen ist. Ein System mit einer Währungskonvertibilität mit dem Euro, welches von der EZB oder/und nationalen Regierungen herausgegeben wird und über eine moderne, sogenannte „Distributive Ledger Technologie“ (DLT) barfrei durchgeführt wird.

„Was wäre denn, wenn wir ein paralleles Währungssystem hätten?“

Regionale Resilienz steigern

Eine solche Technologie wird in Feldstudien der UN bereits eingesetzt und umfasst unter anderem die Möglichkeit, über sogenannte smart contracts eine zielgenaue Investition zu ermöglichen. Sie stellt dabei die finanz- und geldpolitischen Rahmenbedingungen für die geforderte regionale Transformation dar. Dies führt dann dazu, dass politische Entscheidungsträger ihre Selbstwirksamkeit und Kontrolle über die Region zurückgewinnen. Bürger können in der Parallelwährung ein hohes regionales Identifikationspotenzial entwickeln. Es entsteht ein zusätzliches regionales Steueraufkommen von mehr als zehn Prozent, welches wiederum in die Region zurückfließt. Soziale und ökologische Externalitäten und Kosten für die Region werden konsequent vermindert, ein grünes Wirtschaftsförderprogramm mit weiteren zusätzlichen Arbeitsplätzen und Kaufkraft geschaffen, und das Preisniveau wird stabilisiert. 

Hinzu kommt, dass ein solches paralleles Währungssystem einen antizyklischen Effekt auf die Region hat und dabei die regionale Resilienz gegenüber nicht kontrollierbaren externen politischen und ökonomischen Schocks und Ereignissen erhöht. Die folgende Tabelle gibt einen ersten Überblick:

DLT (Distributive Ledger Technology)
Vermindert Korruption, erhöht die Transparenz, zielgenauere Investitionen, Effizienzsteigerung
Arbeitsplätze
Rückgang des informellen Sektors, Schaffung von weiteren Jobs
Grünes Wachstum
Neue Technologien können sich bewähren, welche unter der hohen Subventionslast der fossilen Energie nicht rentabel sind.
Preisstabilität
Rückgang von Kosten für soziale und ökologische Externalitäten, Economy of Scale, regionale Wertschöpfung
Politische Steuerung
Steueraufkommen, regionale Selbstwirksamkeit

Ich gebe zu: Das alles mag ein wenig kompliziert klingen, ist es aber nicht. Unsere Modellrechnungen zeigen: In weniger als 18 Monaten sind zentrale Anliegen der Nachhaltigkeitsdebatte für die jeweilige Region signifikant angegangen oder bereits gelöst. Parallele Liquidität ist nicht alles. Aber all die genannten Herausforderungen werden ohne eine Parallelwährung eben teuer, unsicher und unangenehm. 

Wenn Sie jetzt als Leser meinen, dass das gar nicht geht, die Probleme nur größer werden und das Ganze sowieso zu kompliziert sei, dann empfehle ich Ihnen, mich zu kontaktieren: www.stefan-brunnhuber.de

Bildnachweis: Serge / GettyImages, pwc, Herder; Illustrationen: Sasanpix

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