Interview

Rückkehr des Maschinenzeitalters

In seiner akademischen Arbeit befasst sich Kevin LaGrandeur, Fellow des internationalen Technologie-Think-Tanks „Institute for Ethics and Emerging Technologies“ in Boston, mit dem zentralen Thema der durch Automatisierung hervorgerufenen Arbeitslosigkeit. In seinem Buch „Surviving the Machine Age: Intelligent Technology and the Transformation of Human Work“, das er zusammen mit James Hughes geschrieben hat, beleuchtet LaGrandeur die großen Herausforderungen, die durch intelligente Technologien auf Unternehmen und Gesellschaft zukommen werden. In den heute schon erkennbaren Problemen sieht er deutliche Parallelen zur Wende des vergangenen Jahrhunderts. Im Gespräch mit next: gibt er einen Einblick in die Ergebnisse seiner Forschungsarbeit.

Welchen Einfluss werden Digitalisierung und neue Technologien auf den Arbeitsmarkt in den kommenden Dekaden haben? 
Mein Forschungsgebiet ist das sogenannte „Gilded Age“ („Das Vergoldete Zeitalter“ nach Mark Twains Roman „The Gilded Age: Tale of Today“), also das Ende des neunzehnten Jahrhunderts. Diese Zeit wurde geprägt durch eine unserer letzten großen technischen Revolutionen – die Ankunft der Elektrizität und der durch Kraftstoff betriebenen Maschinen. Ich erkenne zahlreiche Parallelen zu dem, was heutzutage passiert: Viele Arbeiter und ihre Lebensumstände sind verdrängt worden, und auch die Unternehmer haben sich ähnlich verhalten wie auch heute und sind der Technologie gefolgt. 

Welche Parallelen zum „Goldenen Zeitalter“ sehen Sie?
Die Situation ist fast eins zu eins übertragbar: Die erste Generation, die jetzt diesen Wandel durchmacht, wird stark unter dem sozialen Umbruch in den ersten 20 bis 25 Jahren leiden, genau wie damals. Eine direkte Konsequenz ist die Wahl von Donald Trump durch die frustrierten, durch Automatisierung abgehängten Menschen im ländlichen und kleinstädtischen Amerika. Sie sind kaum in die neue digitale Revolution eingebunden, weil die passende Infrastruktur fehlt. Diese Menschen werden aber noch weiterhin teilweise Arbeitsplätze in der industriellen Produktion – also im Bereich der Blue-Collar-Jobs – besetzen. Die darauffolgende Generation, aufgewachsen mit neuen digitalen Implementierungen und digitaler Technologie, wird neue Wege finden, diese zu nutzen. Genau das passierte auch zu Lebzeiten von Henry Ford, als mit der Ankunft der Elektrizität und den Verbrennungsmotoren komplette Branchen von auf Kutschen und Pferde bezogenen Berufen wegfielen. Ford hat aber die Neuerungen in einen neuen Kontext gebracht und ein Business kreiert, das viel mehr Stellen und Berufe als zuvor erschaffen hat. 

20 bis 25

Jahre wird die erste Generation, die jetzt den digitalen Wandel durchmacht, stark unter dem sozialen Umbruch leiden.

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KEVIN LAGRANDEUR ist Professor am New York Institute of Technology und Fellow des Institute for Ethics and Emerging Technologies, einem internationalen Technologie-Think-Tank, ... Mehr lesen »

KEVIN LAGRANDEUR ist Professor am New York Institute of Technology und Fellow des Institute for Ethics and Emerging Technologies, einem internationalen Technologie-Think-Tank, und Autor zahlreicher wissenschaftlicher Beiträge, Bücher und Konferenzpräsentationen über digitale Kultur, künstliche Intelligenz und Ethik. Er ist zudem Mitglied der The Modern Language Association und der Society for Literature, Science and the Arts. Er unterrichtet Literatur am New York Institute of Technology mit Spezialisierung auf Kommunikation und Technologie. Weniger lesen »

Sehen Sie auch für unser Zeitalter eine ähnliche Entwicklung wie damals für den Arbeitsmarkt voraus?
Im Endeffekt bin ich optimistisch, dass es auch künftig völlig neue Berufe geben wird, die wir uns jetzt noch nicht einmal vorstellen können. Grundsätzlich stehe ich als Futurist immer selber Leuten skeptisch gegenüber, die weiter als zehn Jahre in die Zukunft sehen wollen. Das ist wirklich sehr schwer vorstellbar. Vor 20 Jahren konnten wir uns auch keinen Beruf vorstellen, der die Bezeichnung „Data-Mining“ hat. Das gab es einfach noch nicht. Aber diese Art von Entwicklung wird weiter voranschreiten. Der gemeinsame Nenner oder, besser, unser aktuelles Problem ist vielmehr die nötige Ausbildung für die neuen Berufszweige und Aufgaben. Nicht jeder ist dazu bestimmt, lange die Schulbank zu drücken und eine komplexe Ausbildung zu durchlaufen. Das ist der Grund, warum wir Arbeiterberufe haben. Dieses Problem wird im Laufe der Zeit immer größer werden, denn mehr und mehr Berufe werden eine bessere Ausbildung und einen höheren IQ erfordern.

Wenn nun aber nicht mehr Menschen mit höherem IQ geboren werden? Wie stellen Sie sich dann eine Steigerung des menschlichen IQs vor?
Meine Vorhersage als Futurist ist, dass wir auf eine Selbstmodifikation zusteuern, um mit den Maschinen Schritt zu halten: Die Menschen werden sich aufmodifizieren und aufbessern müssen, um am Arbeitsmarkt mitzuhalten – und das ist schon in der Pipeline. Es gibt bereits Prototypen eines prothetischen Gedächtnisses, das an der University of Southern California von Theodore Berger und seinem Wissenschaftsteam kreiert wurde. Elon Musk nennt es „the lace“ (die Spitze) bei seiner Firma Neuralink. Das ist ein kleines Geflecht als Hirnimplantat für die Wifi-Verknüpfung zur Kommunikation mit Maschinen – ein Hirn-Maschinen-Interface. Charles Lieber hat zudem an der Harvard-Universität schon vor drei Jahren ein ähnliches Interface mit seinem Team konzipiert. Wenn man jetzt beides zusammenbringt – ein mittels Wifi aufgerüstetes Hirn mit einem prothetischen Zusatzspeicher auf einem Chip –, dann kann der Mensch mittels Hirnkraft Informationen runterladen. Er kann sich klüger und schneller machen, und er ist sogar bereit für neue Berufe, etwa den Maschinen-Interface-Manager. Dann kann ein einziger Mensch in einer Fabrik voller Maschinen stehen und ohne einen Knopfdruck die Maschinen überwachen. Nur mit der Verbindung Hirn-zu-Computer.

„Die Menschen werden sich aufmodifizieren und aufbessern müssen, um am Arbeitsmarkt mitzuhalten.“

Aber was passiert mit den vielen Menschen, deren Blue-Collar-Job trotzdem wegfällt?
Das ist eine soziale und eine politische Frage. Die gesellschaftlichen Möglichkeiten wären, dass wir irgendeine Form von allgemeinem Basiseinkommen bereitstellen müssten, das bereits jetzt in Europa, etwa in Finnland – inklusive einiger kleiner Orte in Deutschland –, aber auch in Oakland, Kalifornien getestet wird. Wir werden die Daten von diesen Experimenten auswerten, um herauszufinden, ob wir damit tatsächlich eine Lösung gefunden haben. 

Die gesellschaftliche und soziale Seite sind das eine. Aber worauf müssen Unternehmen sich einstellen?
Letztendlich lautet meine Vorhersage, dass Maschinen andere Maschinen programmieren werden, also der Job des Programmierers wegfällt. Damit kommen wir in ein neues Maschinenzeitalter. Gleichzeitig wird es Management Skills auf höherem Niveau geben, die in den Vordergrund rücken, kreative Fähigkeiten und andere Dinge, die Maschinen nicht beherrschen. Durch Modifikationen wie ein Wifi-verbundenes Gehirn und prothetische Zusatzspeicher werden Jobs ohne direkte zusätzliche Bildung geschaffen. Die prothetische Technologie ersetzt die Zusatzbildung. Das ist meine sehr risikofreudige Vorhersage, was in 30 Jahren passieren könnte. Es könnte tatsächlich so schnell gehen, weil es ja beide Innovationen schon als Prototypen gibt. Sie sind noch nicht an menschlichen Versuchsteilnehmern getestet worden, funktionieren aber bisher in Tierversuchen ohne Nebenwirkungen. Wenn das „Lace“ sich im Hirn entfaltet – es ist nur einen Micron dick –, kann man ohne Zusatzkabel kommunizieren. Momentan wird es in einer kleinen Nische für medizinische Zwecke als Hirnschrittmacher für Epileptiker getestet. Spätestens in zehn Jahren sollten diese Speicher klein genug sein, um sie mit einer Spritze in die Nackenarterie zu injizieren, wo sie in das Hirn wandern, um sich dort selbst zu entfalten. 

Wie revolutionär betrifft die Veränderung Branchen und Industrien? Wie können Unternehmen der Angst vor Veränderung entgegenwirken?
Künstliche Intelligenzen zu designen, die gesamtheitlich sind, ist nicht nur ein hochgestochenes Ziel, sondern ein Muss für die Businesswelt. Wenn KIs konzipiert werden, um auch unterrepräsentierte Gruppen einzubeziehen, dann erhält man den größtmöglichen wirtschaftlichen Wert und die besten Chancen als Entrepreneur. Extreme Reaktionen in Belegschaft und Gesellschaft dagegen sind ein unvermeidliches Symptom des rapiden Wandels. Wenn Sie sich ansehen, was in der Gesellschaft zwischen 1900 und den 1920er-Jahren passiert ist, besonders in den USA, dann sind das Aufstände und Gewalt. Nur ausgelöst durch die Automatisierung und die Angst der Menschen vor der Veränderung ihrer Lebensumstände. Auch heute fühlen sich die Menschen in ihrer Lebensweise bedroht. Das erklärt die aktuellen extremen, radikaleren politischen Veränderungen und Konflikte. Ich sehe das als eine natürliche Begleiterscheinung des extrem schnellen technischen und wirtschaftlichen Wandels. Wie gut auch Unternehmen diesen Wandel handhaben, dürfte maßgeblich beeinflussen, wie extrem die Konflikte noch werden.

Gibt es Hoffnung für den Fortbestand unserer Gesellschaft?
Ja! Das Weltuntergangsszenario, das die Menschen gerne heraufbeschwören, hat sich überholt – aber Magazine und Boulevardpresse verkaufen sich besser, wenn sie Schlagzeilen bringen wie „Wir werden alle durch AIs sterben!“. Die Realität wird anders aussehen: Dinge ändern sich, aber vieles wird gleichbleiben. Fakt ist: Der technologische Wandel wird für die Gesellschaft ein wenig zu schnell sein, und als Resultat werden wir eine massive Disruption innerhalb der nächsten 20 Jahre erleben. Ich hoffe nicht, dass die Disruption zu plötzlich kommt, sondern dass die Veränderung schrittweise stattfindet, sodass wir uns besser anpassen können.

Bildnachweis: Alexander Wittmann/Actionpress, youtube/Charly Chaplin official, PR

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