Nicht von dieser Welt

Er trägt seine Haarpracht wie sein großes Vorbild Albert Einstein. Zwar sind seine Erkenntnisse nicht immer so fundiert wie dessen Theoreme. Dafür versucht er regelmäßig, mit seinen Thesen den Altmeister der Physik zu überflügeln. Gerade hat er mit seinen Vorhersagen wieder einen Coup gelandet – in Form seines jüngsten „New York Times“-Bestsellers „The future of humanity“.

In dem Buch stellt er seine Thesen für das Leben am Ende des 21. Jahrhunderts vor. Seine Zukunftsvision für die Menschen dreht sich um Terraforming, interstellare Reisen, Unsterblichkeit und unser Schicksal über die Erde hinaus. 

„Die Zukunft der Menschheit wird außergewöhnlich“, behauptet Michio Kaku und spricht dabei von der entfernteren Zukunft, die ihn schon als Kind fasziniert hat – ebenso wie Einstein. „Wenn wir unsere Enkel am Ende des 21. Jahrhunderts noch erleben könnten, würden sie uns wie griechische Götter vorkommen“, sagt der 71-jährige Professor für Theoretische Physik am City College in New York. 

„Die Zukunft der Menschheit wird außergewöhnlich.“

Michio Kaku

Michio Kaku ist ein Typ von Wissenschaftler, den es in Deutschland so nicht gibt – abgesehen vielleicht von Harald Lesch. Ein redegewandter Professor auf der Suche nach der Weltformel. Mit-Erfinder der String-Theorie, Bestsellerautor, Technik-Optimist, Futurologe und ständiger Gast in Sendungen wie „Good Morning America“, „CNN News“ und zahlreichen populären Talkshows. Mit 17 Jahren hatte Kaku einen kühlschrankgroßen Teilchenbeschleuniger gebaut, der ihm ein Harvard-Stipendium einbrachte. Das hatte ihm Edward Teller verschafft, der als Vater der Wasserstoffbombe gilt und der sein Mentor wurde.

Kaku ist überzeugt: Sämtliche Fähigkeiten und Wissen, die wir bisher erforscht haben, sind nur rudimentär. Von Weltraumreisen über Gentechnik bis hin zu Begegnungen mit fortgeschrittenen außerirdischen Zivilisationen sieht er in Wissenschaft und Technologie nur wenige Grenzen, die uns einschränken können oder sollten.

Stattdessen könnten radikal neue Versionen der Menschheit selbst der Preis sein, den die Sterne dereinst verlangen. Die Gentechnik könnte es uns ermöglichen, das vorprogrammierte Absterben in jeder Zelle zu korrigieren. Für möglich hält er auch „transhumanistische“ Träume von der Befreiung des Bewusstseins vom biologischen Körper des Menschen. 

Möglicherweise Thesen, die Kritiker für nicht von dieser Welt halten. Aber in einer Ära des „New Space“, angeführt von Elon Musk, Jeff Bezos und anderen visionären Unternehmern, die die Kosten für das Erreichen des Weltraums bereits radikal senken, vielleicht doch nicht so abwegig.

Auf dem Weg dahin erwartet er jeden Tag neue Revolutionen in der Entwicklung von künstlicher Intelligenz (KI), Raumfahrt und Genomics. In rasanter Geschwindigkeit vorangetrieben durch Wissenschaft und Technologie, beschreibt er schon für die nächsten Dekaden eine wunderbare, wenn nicht gar wundersame Zukunftswelt: von Proteine analysierenden Toiletten bis zu Wänden, die mit uns sprechen. 

MICHIO KAKU ist einer der bekanntesten US-Physiker und Professor für Theoretische Physik am City College in New York Mehr lesen »

MICHIO KAKU ist einer der bekanntesten US-Physiker und Professor für Theoretische Physik am City College in New York, Bestseller-Autor und Futurist. Der Wissenschaftler ist Mitinitiator der String-Field-Theorie und setzt Einsteins Suche der Vereinigung der fundamentalen Kräfte der Natur in der vereinheitlichten Feldtheorie fort. Weniger lesen »

Earth 4.0

Die gesamte Welt sieht er zu einem einzigen Internet oft things zusammenwachsen, quasi eine „Earth 4.0“. „Wir werden den Computer an sich loswerden, aber auch das Wort ,Computer‘ wird als Begriff verschwinden“, sagt Kaku. „Alles wird zum Computer werden, von unseren Körpern bis zu unseren Straßen. Es wird nichts mehr geben, was nicht ein Computer ist.“

Vom 3D-Druck etwa erwartet er schon bald die Personalisierung alltäglicher Gegenstände, der unsere Lebensstrukturen zusätzlich verändern werde. „Wir sprechen über eine komplett neue Welt, in der sich alles kreieren lässt, was vorstellbar ist“, sagt er. In dieser Welt wird sich jeder seine Bekleidung, Schmuck oder Spielzeug einfach im Wohnzimmer ausdrucken können. Das Zuhause werde ohnehin ein Werkzeug in sich sein, mit sprechenden Tapeten und intelligentem Papier, das Computerbildschirme ersetzt. „Und wir werden nicht nur einfach zu den Wänden sprechen, sie werden antworten. Die gesamte Architektur unserer Wohnräume wird transformiert werden: Unsere Wände werden zu Smartphones, Laptops und Fernsehschirmen.“ 

„Es wird nichts mehr geben, was nicht ein Computer ist.“

Michio Kaku

„Gleichzeitig werden wir in der Lage sein, uns mit Menschen in jeder Sprache zu unterhalten, weil unsere Kontaktlinsen während des Sprechens übersetzen“, sagt Kaku wie ein neuzeitliches Orakel voraus.

Transhumanismus

Selbst auf die finale Frage „Was wird mit uns passieren?“ wagt der Physik-Professor eine Antwort: „Erweiterte künstliche Intelligenz wird uns etwas geben, was selbst die Könige und Königinnen einst nie zwingen konnten: den Alterungsprozess zu beeinflussen. Sobald wir in der Lage sind, KI dazu zu nutzen, Millionen und Abermillionen von Genomen zu vergleichen, werden wir exakt bestimmen können, wo beziehungsweise wie lange der Alterungsprozess stattfindet – um den Prozess dann zu stoppen.“ 

Schön heute isolieren Forscher die Gene, die den Alterungsprozess kontrollieren, und haben sogar Enzyme gefunden, sogenannte „Telomerase“, die Zellen unsterblich machen. Unsere Enkel sollen demnach die Option haben, ihr Alter für viele Jahrzehnte anzuhalten. Eine nicht unwesentliche Einschränkung macht er dann doch: „Das ist ein wundervolles Bild, aber die Frage ist, wie bald das zutreffen wird. Das müssen wir in zwanzig Jahren noch einmal überprüfen“, sagt Kaku.

Terraforming Mars

Unsere Spezies sieht Kaku bereits auf dem Weg zur „Multiplanetaren Menschheit“: „Wir haben auf der Erde durch die globale Erwärmung schon ein gewisses Terraforming gestartet. Auch wenn das unbeabsichtigt passiert ist, können wir davon lernen und den Mars mit ähnlichen Methoden bewohnbar machen. Gleichzeitig hat ein neues Zeitalter der Raumfahrt begonnen, kontrolliert durch ambitionierte Entrepreneure wie Elon Musk und Richard Branson oder Jeff Bezos. Sie haben Milliarden von Dollar zur Verfügung, die sie in Kombination mit engagierten Pionieren nutzen, weil sie ihren Kindheitstraum erfüllen wollen: die Reise zum Mars.“

„Wir können den Mars mit Terraforming bewohnbar machen.“

Dank KI, Nano- und Biotechnologie werde die Errichtung einer Mondbasis und die anschließende Besiedlung des Mars in absehbarer Zeit möglich. Schrittweise erfolge dazu das Terraforming auf dem roten Planeten. „Wir werden Lavaröhren als Schutzunterkünfte nutzen und das Eis abbauen. Damit bekommen wir das nötige Trinkwasser, den Sauerstoff zum Atmen und Wasserstoff als Raketentreibstoff. Genetisch gegen Kälte modifizierte Pflanzen werden in der Landwirtschaft angebaut“, so Kakus Vision.

Fortschrittliche Zivilisationen

Falls die Menschen bei der Eroberung des Weltalls auf intelligente Arten treffen, müsse festgestellt werden, ob sie einer Typ-I-, Typ-II- oder Typ-III- Zivilisation angehören. „Eine Typ-I-Zivilisation ist unserer Hunderte Jahre voraus. Sie sind planetar und können zum Beispiel das Wetter kontrollieren. Typ II ist stellar, wie in ,Star Trek‘. Sie können die Sterne nutzen und sind uns einige Tausend Jahre voraus. Sollten sie Typ III angehören, dann sind sie auf dem gleichen Niveau wie die Zivilisationen in ,Star Wars‘ und sind eine galaktische Spezies. Sie durchstreifen die galaktischen Weltraumbahnen, kontrollieren schwarze Löcher und sind möglicherweise Hunderttausende Jahre weiterentwickelt als wir. Wir sind noch Typ O, und wenn die Aliens mit uns Kontakt aufnehmen, ist es wie für uns, wenn wir Eichhörnchen im Wald treffen. Auch wenn man zuerst mit den Eichhörnchen spricht, wird es schnell langweilig, weil sie nicht antworten“, meint Michio Kaku. 

Eine alternative Version der Unsterblichkeit

Sogar der Tod kann laut Kaku überwunden oder zumindest sehr viel länger hinausgezögert werden. Möglich mache das das „Connectome-Projekt“, bei dem das menschliche Hirn komplett kartografiert werde – und zwar noch vor dem Ende dieses Jahrhunderts. Kaku glaubt nämlich, dass wir alle auf Muster von verbundenen Neuronen in unseren Gehirnen reduzierbar sind. Sobald es möglich sei, diese „Connectome“ vollständig zu digitalisieren, könnte eine Reise in glänzenden Raumschiffen überflüssig werden. Durch die Kodierung unserer Connectome in Laserlicht könnten Menschen direkt von einem Sternsystem auf das andere übertragen werden. Sobald es empfangen wurde, würde unser verschlüsseltes Bewusstsein in verschiedenen Maschinen- oder vielleicht biologischen Körpern an jedem neuen Ort heruntergeladen werden können.

20 min.

zum Mars, in acht Stunden auf dem Pluto, in vier Jahren kann unser Bewusstsein den nächsten Stern erreichen. (Dr. Michio Kaku)

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„In zwanzig Minuten werden wir auf dem Mars sein, in acht Stunden auf dem Pluto, in vier Jahren kann unser Bewusstsein den nächsten Stern erreichen. Ich persönlich glaube, dass diese Technologie schon existiert. Sollten Aliens bereits Typ I und Typ II erreicht haben, dann haben sie ihr Bewusstsein durch die Galaxien mit solchen Lasern bewegt. Sie benutzen keine Ufos, denn fliegende Untertassen sind unsere menschliche Technologie – Typ O.“ Wer weiß, vielleicht hat ihn ein Teil dieses Bewusstseins bereits gestreift.

Bildnachweis: The Image Bank/GettyImages (2), Lokilech/wikipedia.org, Bettmann Archive/GettyImages, akg-images/Ernst Josephson, akg-images/J.Sesseny, sasanpix, Toluaye/wikipedia

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