Kolumne

Digitale Erleuchtung

Geht es Ihnen auch manchmal so, dass das Wort „Digitalisierung“ ein Gefühl flauer Übelkeit hinterlässt? Dass Sie das D-Wort einfach nicht mehr hören können, wie es im Maschinengewehrtakt auf jeder Businesskonferenz, jeder gehypten Messe, in jedem Standard-Powerpoint-Business-Vortrag und inzwischen sogar auf Parteitagen benutzt wird? Immer kommt es mit dem großen MUSS daher: Die Digitalisierung MUSS rasend voranschreiten, wir MÜSSEN den Breitbandausbau vorantreiben, künstliche Intelligenz MUSS demnächst ...

Wenn dauernd etwas gemusst werden muss, ist längst etwas faul. Ähnlich wie in einer Partnerschaft, in der man sich dauernd gegenseitig aufs Kitschigste die Liebe beschwören muss, GLAUBEN wir eigentlich nicht wirklich daran. Irgendwann wird etwas, was allzu allgemeingültig erscheint, zu einer Fassade, einem Hohlsprech, einer ermüdenden Selbst-Propaganda. 

Was bedeutet genau „Digitalisierung“? Das Wort starrt auf seltsame Weise zurück, wenn man es genauer anschaut. Es suggeriert, dass a) sich alles in Daten auflöst und dabei b) das Reale verschwindet. Die Wirklichkeit. Das, worauf unser Leben basiert, die sinnliche, anfassbare, konkrete, zeitliche Welt. 

„Künstliche Intelligenz ist genau das: Wir verwechseln das Künstliche mit der Intelligenz.“

Im Tunnel des Kategorienirrtums

Wenn man „Digitalisierung“ in den Browser eingibt und auf „Bilder“ klickt, kommen immer die gleichen Ansichten heraus. Blau. Tunnel aus Nullen und Einsen, in die Personen hineingesogen werden. Männer mit Aktentaschen, die auf Charts und aufwärtsstrebende Kurven zeigen. Gesichter, auf die Schaltkreise aufgedruckt sind. Muskulöse Männer, die sehr schnell rennen, wobei sie eine Wolke von Zahlen hinter sich ziehen. Und Hirne, die aus Chip-Schaltkreisen bestehen.

Künstliche Intelligenz eben. Auch das ist so ein Wort. Jeder glaubt, die Dringlichkeit dieses Begriffes zu spüren, die unbedingte Logik, die damit verbunden ist, dass „Computer immer intelligenter werden“. Demnächst werden Computer so intelligent sein, dass sie alles für uns erledigen. Sie machen uns superklug, sexy, rasend erfolgreich, sie lösen die Umweltprobleme, sie machen uns gesund und irgendwann unsterblich. Ist doch logisch, oder?

Niklas Luhmann, der schrullige Systemphilosoph aus dem vergangenen Jahrhundert, sprach einmal vom sogenannten „Kategorienirrtum“. Ein Kategorienirrtum entsteht, wenn wir zwei Betrachtungsebenen miteinander kombinieren, die eigentlich keine Verbindung haben. Als Beispiel nannte Luhmann einen Bauern, der Pellkartoffeln anbauen will. 

MATTHIAS HORX ist einer der einflussreichsten Trend- und Zukunftsforscher im deutschsprachigen Raum.  Mehr lesen »

MATTHIAS HORX ist einer der einflussreichsten Trend- und Zukunftsforscher im deutschsprachigen Raum. Der ehemalige Journalist gründete zur Jahrtausendwende das „Zukunftsinstitut“, das heute zahlreiche Unternehmen und Institutionen international zu Trendfragen berät. Horx ist Autor mehrerer einflussreicher Bücher: „Anleitung zum Zukunftsoptimismus“ oder „Das Buch des Wandels“ wurden Bestseller. Seit 2007 lehrt er Prognostik und Früherkennung als Dozent an der Zeppelin Universität in Friedrichshafen. Weniger lesen »

Enthüllte Nacktheiten

Künstliche Intelligenz ist genau das: Wir verwechseln das Künstliche mit der Intelligenz. Intelligenz, so wie wir Menschen sie auf die Welt gebracht haben, besteht immer auch aus Gefühlen, Instinkten, Körperlichkeiten. Intelligenz ist immer etwas GANZHEITLICHES, etwas, das das Bewusstsein mit dem Körper, die Welt mit Bedeutung, das Sein mit dem anderen verbindet. Computer können das niemals haben, es sei denn, sie wären keine Computer mehr. Im künstlichen Begriff der künstlichen Intelligenz wird aber das genaue Gegenteil suggeriert. Wir verstehen nur noch Pellkartoffel.

Wohin geht die Digitalisierung wirklich? Was ist ihr wahres Anliegen? Das Leben komfortabel zu machen, darum soll es ja gehen. Und so brachte unlängst ein unglaublich aufgeregter Sundar Pichai, Chef von Google, die neuesten digitalen Wunder des Weltkonzerns auf eine Bühne in Kalifornien. „Smart Compose“ zum Beispiel, eine Software, die jeden Satz, den man anfängt, automatisch vervollständigt, inklusive Liebesbriefe und Beschimpfungen. Oder die neue Sprachsoftware DUPLEX, die menschlich klingende Konversationen bewerkstelligt und es auf der Bühne fertigbrachte, einen Termin mit einem Friseursalon abzuschließen.

Dass sich damit des Kaisers digitale Kleider endgültig als Nacktheiten enthüllten, fiel in der allgemeinen Euphorie nicht auf. Zumal Pichai hinzufügte, dass man den Assistenten selbstverständlich als Maschinenstimme AUSWEISEN würde – schon aus Datenschutzgründen. Warum aber konstruiert man dann Stimmen, die „Äähs“ und „Oohs“ simulieren, um sie gleich danach wieder als Roboterstimmen auszuweisen? Das zeigt, in welche Paradoxie sich das Digitale heute verstrickt hat. 

Digitale Technik ins menschliche Maß zurückführen

Jede neue Technologie erzeugt in unseren Synapsen – besonders in männlichen Hirnen – eine Dopamin-Euphorie, die etwas mit Weltbewältigung, Macht und Kontrolle zu tun hat. Technik-Euphorie ist das ewige Jungs-Spiel der Menschheit. Ohne diese Eigenschaft säßen wir heute noch in Höhlen. Ohne die nachfolgende abwägende Vernunft (die nicht selten weiblich ist) aber auch. Jede Technologie seit dem Faustkeil erzeugt früher oder später Nebenwirkungen, Überformungen und Probleme, die in der nächsten Welle korrigiert und integriert werden müssen. Genau an diesem Punkt sind wir heute: Es entsteht eine Schleife, eine Rekursion, in der wir die digitale Technik in die menschliche Kultur, ins menschliche Maß, zurückführen müssen. 

Die Zukunft wird REAL-Digital: Der kanadische Autor David Sax hat in seinem Buch „Die Rache des Analogen“ beschrieben, wie unbemerkt und geradezu hinterrücks die analogen Dinge und Techniken zurückkehren: Vinyl-Schallplatten boomen, Polaroid-Fotos erleben eine Renaissance. Füllfederhalter und raues Papier, Bibliotheken und Bücher sterben nicht aus, sondern kommen auf neue Weise wieder. Das Handwerk findet neue Wege, die Vorteile des Unikats und der stofflichen Sinnlichkeit mit besseren Absatzmöglichkeiten zu kombinieren. Nicht die Abstraktion der Daten bringt die Dinge voran, sondern die kluge RE-Kombination des Dinglichen mit dem Digitalen.

Die Zukunft wird HUMAN-Digital: Gerade aus dem Silicon Valley selbst kommen heute die Radikalkritiken an der digitalen Erlösungsillusion. Es sind die Gründer von Facebook, Google und Co., die vehement ihre eigenen Schöpfungen als unmenschlich kritisieren. Jaron Lanier, der wichtigste Begründer der VR (Virtual Reality), fordert inzwischen auf, seine Social-Media-Accounts zu kündigen und die Konzerne zu neuen ethischen Entscheidungen zu zwingen. Eine Welle des heilsamen digitalen Skeptizismus breitet sich aus, unter der Devise: Wir können es auch besser!

Das Unnötige und Perverse des Digitalen verstehen

Wir lernen, ONLINE zu sein: Jeder von uns ist irgendwann einmal durch jenes Tal aus Verwirrung und Überfütterung gegangen, in dem die Übermacht des Digitalen uns in ständig abgelenkte Reiz-Reaktions-Maschinen verwandelt. Jeder von uns kennt heute Menschen, die langsam lernen, ihre persönliche Welt aus Beziehungen und Medien zu ordnen und in ein Gleichgewicht zu bringen. Wir lernen allmählich, die digitalen Suchtmittel zu beherrschen. OMline eben – Achtsamkeit im Umgang mit Aufmerksamkeiten. 

„Soziale Medien funktionieren dann, wenn sie auf realen menschlichen Beziehungen basieren – nicht auf Klick- und Like-Illusionen.“

Im Grunde ist es einfach: Digitale Technik ermöglicht neue VERBINDUNGSFORMEN von Prozessen, Informationen – und Menschen. Das führt in der industriellen Produktion zu einer VERDICHTUNG von Arbeitsprozessen, in der Produktivität und Differenzierung auf neue Weise gesteigert werden können, ohne dabei Menschen als Teile maschineller Prozesse zu funktionalisieren. Das ist eine Befreiung, ein emanzipatorisches Potenzial! Illusionär aber ist es, menschliche Beziehungen durch Digitalität ERSETZEN zu wollen. Das führt zu parasitären Strategien, zu Ausbeutungs- und Manipulations-Formen, die früher oder später Schiffbruch erleiden müssen. 

Soziale Medien funktionieren dann, wenn sie auf realen menschlichen Beziehungen basieren – nicht auf Klick- und Like-Illusionen. Digitale Strategien in den Unternehmen funktionieren dann, wenn sie neue Zugänge und Verbindungen ermöglichen. Den Kunden, den Mitarbeitern, neue Tools in die Hand zu geben, sie zu EMPOWERN, ist etwas anderes, als Kontakte und Kommunikationen durch automatisierte Funktionen zu ersetzen. Das ist die wahre Zukunfts-Kunst: das Unnötige und Perverse des Digitalen zu verstehen, um das Erhabene und Erleuchtete an der digitalen Revolution zu realisieren. 

Bildnachweis: ersen_cira/GettyImages, Creatas Video/GettyImages, PR

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