Interview

Die vierte Dimension

Für alle Unternehmen vom kleinen Start-up bis zum Mittelständler und großen Multinationals stellt sich die eine entscheidende Frage: Was hält die Zukunft der digitalisierten Welt an adaptiven und smarten Technologien für uns bereit? In der prätechnologischen Zeit hatte einst das Orakel von Delphi den Menschen mit einem Blick in die Zukunft Orientierung gegeben.

Anders als die dortige Weissagerin Pyhtia, die kultischen Dämpfen ausgesetzt war, hat der britische Futurist Richard Watson für seine Vorhersagen über die künftige Entwicklung von 100 Zukunftstechnologien sich des Know-hows des Imperial College of Science, Technology and Medicine in London bedient. Sein „Table of Disruptive Technologies“ ist gedanklich angelehnt an eine chemische Elementetabelle. Die dort aufgeführten disruptiven Technologien sind nach Zeit und ihrem Disruptionspotenzial sortiert und danach, ob sie jetzt schon real sind, in der nahen Zukunft (10 bis 20 Jahre), der entfernteren Zukunft (20 Jahre plus) existieren werden, und nach Grenztechnologien, die im Bereich des Möglichen liegen.

Die Bandbreite des Ergebnisses ist erstaunlich: von intelligenten Windeln in der Altenpflege bis zu vierdimensionaler druckbarer Materie, selbstgruppierenden modularen Robotern bis zu künstlichem Bewusstsein. Sie betreffen alle Lebensbereiche, insbesondere aber die technische Entwicklung der Arbeit und die Auswirkung auf Wirtschaft, Unternehmen und Gesellschaft. Exklusiv für next: erklärt er, wie seine Technologie-Tafel funktioniert.

Wie haben Sie die Vorhersagen erstellen können, welche 20 Branchen in den kommenden 50 Jahren relevant sein werden?
Spezifische Zeiten zuzuordnen, ist fast unmöglich, weil alles im Fluss ist. Die 99 Technologien haben wir durch Recherche und Befragungen erhalten.
Eigentlich sollte ich einen Blog schreiben über das Versagen von Technologien. Dann kam mir die Idee, das Disruptionspotenzial von Technologien der Zeit gegenüberzustellen. Zusammen mit Researchern vom Imperial College haben wir intensiv recherchiert und beschlossen, keine langweilige Branchenübersicht zu erstellen, sondern eine andere Form der Visualisierung gewählt. 

Das Periodensystem disruptiver Technologien

Per Klick in die interaktive Tabelle navigieren Sie sich zu den unterschiedlichen Zukunftstechnologien, Zeithorizonten und Themen.

Potenzielle Disruption
Zeithorizonte
Gegenwart

Heute (Ausführung)

Nahe Zukunft

10–20 Jahre (Experiment)

Ferne Zukunft

20+ Jahre (Erkundung)

Phantom-Technologien

Randbereiche der Wissenschaft und Technologie. Definiert als höchst unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich.
(Beachtenswert)

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Themen

Jede der 100 Technologien wurde subjektiv nach fünf großen Themen kategorisiert:

Daten-Ökosysteme

Intelligenter Planet

Extreme Automatisierung

Mensch 2.0

Mensch-Maschine-Interaktionen

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Zeit
Quelle: R. Watson, Anna Cupani; Imperial Tech Foresight

Welche Technologien oder Branchen halten Sie für besonders außergewöhnlich? 
Die interessantesten sind die „Geistertechnologien“, die graue äußere Kante des Table of Disruptive Technologies. Das ist sehr science-fictionartig. Das sind extrem unwahrscheinliche Szenarien, aber nicht komplett unwahrscheinlich. Telepathie zwischen zwei Menschen erscheint unmöglich, aber wir haben bereits herausgefunden, wie man Maschinen mit unseren Gedanken kontrolliert. Also kann es auch machbar sein, dass wir Telepathie nutzen ... und dann wird es Anti-Telepathie-Technologie geben. Wie ein menschlicher digitaler Schild direkt aus „Philip K. Dick’s Electric Dreams“: „The Hood Maker“. Die wirklich große Veränderung wird durch künstliches Bewusstsein (Nr. 99) hervorgerufen – sobald diese Realität wird, wird sich die ganze Welt ändern – das gilt für alle disruptiven Technologien, aber besonders für diese! Einige Firmen im Silicon Valley versuchen, sie zu kreieren, aber ich glaube, es ist unmöglich. 

Wenn es klappt, sprechen wir dann von einem Terminator-Szenario?
Das hängt davon ab, was wir mit künstlicher Intelligenz und künstlichem Bewusstsein anstellen wollen – das Szenario könnte genauso positiv wie schrecklich sein. Wer weiß? 

„Die ,Geistertechnologien‘ sind die Interessantesten.“

Was denken Sie, ist jetzt besonders wichtig für Unternehmen, um sich für die nächsten 10 bis 20 Jahre zu rüsten? 
Dazu müssen wir den roten Bereich heranziehen. Es hängt von der Branche ab, welche Entwicklungen Einfluss haben – von (Distributed Ledger) Blockchain und autonomen Fahrzeugen bis zur Interaktion zwischen Mensch und KI, die Mensch-KI-Ökologie. Der Fokus sollte darauf liegen, wie wir am effizientesten miteinander arbeiten. Ich denke, es geht in den meisten Fällen nicht darum, Menschen zu verdrängen, sondern um die Gelegenheit, mit KI zu arbeiten und die besten Möglichkeiten zu finden. 

Eine Beobachtung ist, dass die marktdominierenden Unternehmen aus den USA sind. Wir müssen also wachsam sein, mit einigen Unternehmen insbesondere. Es wird extreme Gegenreaktionen aus Europa gegen sie geben. Als Erstes gegen die digitalen Netzwerkunternehmen, die jetzt in Richtung Monopol oder Oligopol steuern. Sie werden immer mehr reguliert und gesetzlich beschränkt werden.

Was bedeutet die technische Disruption für den Arbeitsmarkt allgemein?
Für Unternehmen bedeutet es, dass Angestellte auf niedrigster Stufe überflüssig werden. Wenn es Ihre Aufgabe ist, Informationen in eine Maschine einzugeben, dann wird Ihr Job verschwinden. Der Fokus wird darauf liegen, worin Menschen exzellent sind: menschlicher Erfindungsreichtum, Kreativität, Interaktion, Empathie bis hin zu Moral und Fairness.  

Was denken Sie über KI und Technologie, die ohne Menschen auskommt?
Es gibt einen psychologischen Aspekt, z. B. bei autonomen Passagier-Flugzeugen oder Passagier-Drohnen (Nr. 36). Möchten Sie wirklich ein Fluggerät nutzen, das überhaupt nicht von einem Menschen überwacht wird? Ich bin mir nicht so sicher, dass ich das möchte. Es kann also durchaus sein, dass wir einige technologische Errungenschaften aus unlogischen emotionalen Gründen ablehnen. Autonome Fahrzeuge sind der Klassiker – werden wir uns an sie gewöhnen oder werden wir sie ablehnen? Ich denke, sie werden viele Probleme haben und möglicherweise nicht so schnell kommen, wie die Leute sich das wünschen. Viel automatisierte Technologie hat mit der alternden Bevölkerung zu tun, das schließt autonome Fahrzeuge ein, um die persönliche Mobilität zu ermöglichen. Ich war überrascht zu sehen, dass Festo (Nr. 50) selbstgruppierende Roboter produziert! Das sind tatsächlich Transformers – so wie viele Technologien in Filmen sind. Momentan befinden sie sich aber noch auf einem einfachen Niveau. In meiner Aufstellung sind einige deutsche Unternehmen, wenn auch nicht viele. 

100

Zukunftstechnologien hat Futurist Richard Watson zusammengetragen.

Gibt es Technologien, von denen Sie vorher noch nie gehört haben? 
Ja, sicher gab es einiges, was ich erst durch Recherche kennengelernt habe. Vierdimensionales Material, das darauf programmiert ist, seinen Zustand im Laufe der Zeit zu verändern. Das ist wirklich cool! Und dann können Sie einen 4D-Drucker anstelle eines 3D-Druckers haben (Nr. 39). „Distributed autonomous corporations“ (Nr. 95) ist etwas, was wir selber erfunden haben, aber was durchaus eine Möglichkeit ist. Eine Distributed Autonomous Corporation ist eine Firma, die von einer KI geführt wird, aber keine Angestellten hat, kein Bord und keinen CEO. Es gibt nur eine KI und Shareholders. Das ist alles. Eine komplett autonome Firma. Ich gehe nicht davon aus, dass alles wirklich so stattfindet, wie wir jetzt spekulieren. Darum geht es auch nicht, sondern darum, aufmerksam zu sein und die technischen Veränderungen im Auge zu behalten und die „Einflüsse der Logik“ auf unsere Gesellschaft zu verstehen – von Regierungsentscheidungen bis hin zur menschlichen Psychologie.

Meine Aufstellung der Disruptive Technologies ist moralisch neutral – ich urteile nicht, ob irgendetwas gut oder schlecht ist oder ob es genutzt oder nicht genutzt wird oder werden sollte. Ich denke, die Gesellschaft muss sich selber eine Perspektive schaffen, ob irgendetwas eine gute Idee ist. Einiges davon wird sicher Stoff zum moralischen Diskurs liefern: so etwas wie ein menschliches Kopftransplantat (Nr. 93), humanoide Sexroboter (Nr. 65) oder sogar Distributed Autonomous Corporations (Nr. 95). Die Gesellschaft muss entscheiden, ob wir so etwas wirklich wollen. Auf jeden Fall können sich die Leser schon einen ersten Überblick verschaffen, wie unglaublich spannend die Zukunft sein wird und was sie für neue Möglichkeiten für sie und ihre Unternehmen bereithält. 

Bildnachweis: Steve Black/REX/Shutterstock

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