Bitte recht magisch

Jede hinreichend fortschrittliche Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden“, postulierte der Science-Fiction-Autor Arthur C. Clarke („2001 – Odyssee im Weltraum“) im Jahr 1973. In der Tat: Das gesamte Wissen der Welt in der Hosentasche (Smartphone), Fotos aus dem Inneren des Körpers (Tomografie) oder das Öffnen der Tür von jedem beliebigen Punkt der Welt (Smart Home) sind Dinge, die noch vor zwei Generationen schlicht für unmöglich gehalten worden wären – und die auch kein Analyst oder Prognostiker jener Zeit vorhergesagt hatte.

Im rationalen Geschäftsalltag hat Magie keinen Platz. So sinnvoll es im Regelfall auch ist, sich der Zukunft durch Fortschreibung der aktuellen Trends zu nähern: Es verstellt den Blick auf die großen Strukturbrüche, die durch disruptive Entwicklungen entstehen können. Und es behindert das Vorstellungsvermögen, wenn es um die Potenziale geht, die neue Technologien entfalten können.

Deshalb werden die Bilder für zukünftige Technologien gerne aus den Fantasien der Geschichtenerzähler entlehnt. Von Science-Fiction-Schriftstellern wie Clarke oder aus Märchen. Sie müssen sich nicht an den Realitäten der Gegenwart orientieren, sondern sind frei, sich vorzustellen, was immer sie möchten. Und manchmal passt es dann so genau, als hätten die Autoren vor Jahrhunderten schon den heutigen Stand unserer Technik gekannt. „Die Bilder für das Internet der Dinge sind sprechende Spiegel wie bei ,Schneewittchen‘, Zauberbesen wie bei Goethes Hexenmeister oder auf den Konsumenten einflüsternde Waren wie in ,Minority Report‘“, konstatiert der Zukunftsliteratur-Experte Philipp Theisohn, Professor für Literaturwissenschaft an der Universität Zürich. Und die Vorstellungen vieler Cryptocurrency-Fans von der Funktionsweise der Geldschöpfung scheinen weitgehend der Goldesel-Technologie der Gebrüder Grimm zu entsprechen.

In jüngster Zeit, so Theisohn, hätten zudem Marvel-Superhelden-Comics einen Aufschwung erlebt. Ihn erinnerten etwa Inszenierungen von Paralympics-Athleten an X-Men-Filme: „Ursprünglich durch einen Schicksalsschlag ausgeschlossen, wachsen sie jetzt im Zusammenwirken mit der Maschine über sich hinaus, sodass sie uns allen überlegen sind.“

Als einflussreichste Zukunfts-Erzählung aller Zeiten kann allerdings ein modernes Märchen gelten: „Star Trek“. Gene Roddenberrys Kult-Fernsehserie aus den späten 1960er-Jahren hat Heerscharen technik- und zukunftsbegeisterter Anhänger geprägt, wie beispielsweise den Apple-Mitgründer Steve Wozniak. Die Ausstattung, mit der die Besatzung des Raumschiffs Enterprise durch ferne Galaxien reist, gab Dingen, die uns noch nicht möglich waren, ein Bild und einen Begriff. Und damit den Forschungen an Zukunftstechnologien eine Richtung. Weil es faszinierend war, etwas zu entwickeln, mit dem Captain Kirk und Erster Offizier Spock durchs All flogen – und weil man Vorgesetzte und Kapitalgeber besser überzeugen kann, wenn man mit Bildern operiert, die diese ebenfalls kennen. 

„Die positiven Schilderungen, die eigentlichen Utopien, sind durchweg superlangweilig.“

Zukunftsliteratur-Experte Philipp Theisohn

Teleportation heißt „Beamen“, Überlichtgeschwindigkeit heißt „Warp“, mit virtuellen Wesen interagiert man auf dem „Holodeck“, und aus den heutigen 3D-Druckern kann eines Tages so etwas werden wie der „Replikator“ an Bord der Enterprise, der jedes beliebige Produkt auf Knopfdruck erschaffen kann – nein, natürlich nicht auf Knopfdruck, sondern mit Sprachsteuerung, so wie sie heute bei Alexa zum Einsatz kommt. 

Die Elektroschock-Waffe Taser hingegen leitet sich nicht von den „Phaser“-Strahlenpistolen der Enterprise-Crew ab, sondern aus einem Kinderbuch von 1911: „Tom Swift and His Electric Rifle“. Der Taser-Erfinder Jack Cover hatte das Buch als Kind gelesen und später versucht, dieses Elektrogewehr nachzubauen. Der Name der Waffe konserviert diese Quelle bis heute – er ist die Abkürzung für „Thomas A. Swift’s Electric Rifle“.

Aber auch im Negativen prägen uns die Bilder des Science-Fiction-Genres. In Diskussionen um staatliche Überwachungssysteme taucht unweigerlich George Orwells „1984“ auf, zur Gentechnik wird oft auf Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“ zurückgegriffen, und für die Gefahren künstlicher Intelligenz muss immer wieder HAL herhalten – der Bordcomputer aus „2001 – Odyssee im Weltraum“, der ein Besatzungsmitglied nach dem anderen umbringt, um seine Herrschaft zu sichern. Leider viel weniger Beachtung findet der von Stanislaw Lem erdachte pazifistische Supercomputer „Golem“, der jeden Versuch von Staaten unterbindet, gegeneinander Krieg zu führen, weil es sich dabei um ein irrationales Verhalten handle.

„Jede hinreichend fortschrittliche Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden.“

Science-Fiction-Autor Arthur C. Clarke

Generell entfalten gerade die positiven, konstruktiven Utopien einer besseren Gesellschaft eher geringere Prägekraft. „Die positiven Schilderungen, die eigentlichen Utopien, sind durchweg superlangweilig“, sagt Zukunftsliteratur-Experte Philipp Theisohn. Das beginnt schon bei „Utopia“ selbst, dem idealen Staat, den Thomas Morus 1516 entwarf: ein geradezu steril anmutendes Paradies, in dem keine Konflikte mehr auftauchen – und es keinen Wandel mehr gibt. 

Auch die ökonomischste unter den großen Utopien teilt dieses Schicksal. Der US-Autor Edward Bellamy beschrieb 1888 eine ideale sozialistische Gesellschaft, ohne Geld, ohne Krieg, ohne Zwang. Und ohne Spannung. Dennoch übte sein „Rückblick aus dem Jahr 2000“ großen Einfluss auf die Sozialisten seiner Zeit aus. Den bleibendsten Eindruck hingegen hinterließ Bellamy ironischerweise in der Finanzindustrie – in seinem Roman beschrieb er erstmals die Funktionsweise einer Kreditkarte.

Die nachhaltigste Wirkung aller positiven Utopien hatte der 1902 veröffentlichte Roman „Altneuland“. Er bildete den Keim einer neuen Gesellschaft, die wiederum seit nunmehr 70 Jahren geradezu zum Inbegriff für Konflikt und Wandel geworden ist. Schon sieben Jahre nach der Veröffentlichung erhielt eine neu gegründete Stadt den Namen des Romans – in der hebräischen Übersetzung: Tel Aviv. Der Roman-Autor, Theodor Herzl, war der Erfinder und Motor der zionistischen Bewegung, aus der 1948 der Staat Israel entstehen sollte. 

Bildnachweis: Photo 12/Alamy Stock Photo, Émile-Antoine Bayard und Alphonse de Neuville, KD/lwc/GettyImages, Paramount Pictures/AP Photo/Picture-Alliance, akg-images, akg-images/Album/Amblin/Un, NurPhoto via ZUMA Press/Actionpress, LEEMAGE/FOTOFINDER.COM, akg-images/bilwissedition, ZUMA Wire/Zuma Press/actionpress, imago/ZUMA Press, amazon, 20th Century Fox/DreamWorks Pictures, cryteria/wikipedia,

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