Der Spielwitz entscheidet

Wie besteht man selbst gegen übermächtig erscheinende Gegner? Und nicht nur das. Wie erobert man tatsächlich die Weltspitze? Schlag nach bei Joseph „Sepp“ Herberger, dem Vater des „Wunders von Bern“, dem Trainer der deutschen Weltmeistermannschaft von 1954: „Auch in der Wirtschaft gilt: Träume werden selten von Träumern verwirklicht“, notierte er einst in sein Tagebuch. Um selber kein Träumer zu bleiben, befasste er sich wie kein anderer mit dem Thema Taktik. Um darin einzutauchen, las er Bücher von Mao Tse-tung und Machiavelli, von Buddha und von Platon.

„Was versteht man unter Taktik?“, hatte Herberger in seinem Konzeptpapier für die WM schon ein Jahr vor dem Turnier gefragt und sich selber geantwortet: „Clausewitz. Also: wirkungsvolle, erfolgreiche Ausnutzung der Situation unter Ausspielung der eigenen Stärken!“ Herberger strebte „eigenständiges Denken“ seiner Spieler an und versuchte, ihnen so viel individuelle Freiheit wie möglich zu geben. Er wollte Spielfreude, ließ mit dem Ball trainieren, und in seiner Elf sollten immer „elf Mann im Angriff, elf Mann in der Abwehr sein“. Und er kam zu dem Schluss: „Wer Taktik ablehnt und sie ‚faulen Zauber‘ nennt, hat sie am meisten nötig.“

Tatsächlich haben Fußball und Wirtschaft viele Gemeinsamkeiten – im Zeitalter der Digitalisierung mit seinen schnellen Veränderungen, Umbrüchen und Disruptionen vor allem im Bereich Wissensmanagement, also dem Spielverständnis: Jeder im Team solle wissen, was der andere kann und tut. Sogar der legendäre Management-Professor Peter F. Drucker bemühte in seinem Buch „Die postkapitalistische Gesellschaft“ den Fußball als Metapher, um Unterschiede in der Zusammenarbeit von Teams aus dem Blickwinkel des Wissensmanagements zu beleuchten. Auch in Unternehmen gehe es um Gewinnen, Verlieren, Abwägen, Gestalten und Entscheiden, also um das „Spiel“. Denn gerade in Teams wirken verschiedene geistige Kräfte und Bewegungen zusammen, die ihrer eigenen Spielweise folgen und dabei immer auch Handlungsräume aufzeigen, die neben und zwischen den unterschiedlichen Bereichen existieren.

Ob ein Unternehmen als Weltmarktführer oder Mitläufer, Branchen-Schlusslicht oder Nischenkönig dasteht, ist demnach alles eine Frage der Taktik: auf unkonventionellen Wegen Wettbewerbsvorteile erzielen, Freiheiten für die Mitarbeiter gewähren und flexibel auf Marktveränderungen regieren.

Für die Entwicklung der Taktik kommt der Unternehmensleitung eine ähnliche Rolle zu wie dem Fußballtrainer und seinem Betreuerstab. Sie muss eine klare Idee davon haben, welche Herausforderungen mit welcher Finte gemeistert werden und wer in der Firma dabei welche Aufgaben übernimmt. Zu diesem Ergebnis kommt die Studie „How leadership accelerates transformation success“ von Strategy&, der globalen Strategieberatung von PwC. „Gerade in einem disruptiven Geschäftsumfeld müssen Unternehmen die Fähigkeit entwickeln, ihre Ausrichtung zu überdenken“, erläutern die Autoren der Studie.

„Wer Taktik ablehnt und sie ,faulen Zauber‘ nennt, hat sie am meisten nötig.“

Joseph „Sepp“ Herberger, Fußball-Legende und Trainer der deutschen Weltmeistermannschaft von 1954

Sie warnen davor, neue firmeninterne Strategien als einmalige Projekte für Führungskräfte abzuhandeln: „Die Fähigkeit, sich taktisch neuen Situationen zu stellen, muss innerhalb der gesamten Firma vorhanden sein, wann immer dafür die Notwendigkeit besteht.“ In einem sich schnell verändernden, oft disruptiven Geschäftsumfeld brauche jedes Unternehmen die Fähigkeit, die Strategie zu überdenken und durch taktische Maßnahmen den Kurs zu ändern, ohne seinen Weg zu verlieren.

Den einzelnen „Mannschaftsteilen“ kommt dann die Aufgabe zu, das Spiel zu entscheiden. Auf Unternehmen übertragen, bedeutet das: Sie müssen mit neuen Produkten Volltreffer landen, mit der richtigen Taktik neue Märkte aufrollen oder einen reibungslosen Umbau der Konzernstrukturen umsetzen. Dabei machen häufig einzelne Abteilungen als Akteure mit ihrer individuellen Klasse in entscheidenden Situationen den feinen Unterschied aus. Spielentscheidend ist dabei die taktische Finesse – im Fußballerjargon Spielintelligenz genannt.

„Die Fähigkeit, sich taktisch neuen Situationen zu stellen, muss innerhalb der gesamten Firma vorhanden sein.“

Studie „How leadership accelerates transformation success“ von Strategy&

Dieser Spielwitz zeigt sich bei Unternehmen, denen es gelingt, eine funktionsübergreifende, mehrjährige Unternehmenstransformation über Organisationsstrukturen, Prozesse, Informationstechnologien hin zu neuen attraktiven Portfolios und Produkten zu gestalten. Auf den Platz bringen muss die Leistung die gesamte Mannschaft durch ihren „Teamspirit“, sagt die Expertin für Management Change Sevgi Ates, die an der Schnittstelle von Fußball und Wirtschaft auch Bundesligavereine dabei berät, wirtschaftlich erfolgreiche Strukturen aufzubauen: „Ungeachtet der Umbrüche, die etwa durch die Digitalisierung auf die Firmen einwirken, kann eine Firma nur als Gemeinschaft erfolgreich sein, in der alle Beteiligten mit Freude an der Gestaltung bei der Sache sind.“ Oder wie Fußball-Kommentator Johannes B. Kerner es einmal ausdrückte: „Was nützt die schönste Viererkette, wenn sie anderweitig unterwegs ist?“

Und wie sieht eine solche Unternehmens-Taktik in der Praxis aus? Drei Firmenchefs haben sich für next: an die Taktiktafel gestellt und ihren Weg zum Tor aufgezeichnet: Felix Zimmermann, der Vorstandsvorsitzende von Takkt, dem Weltmarktführer für Büroeinrichtungen, beschreibt seine „Digitale Offensive“. Martin Gräfer, einer der beiden Vorstandschefs der Versicherungsgruppe „die Bayerische“, beschreibt seinen Torriecher für den Erfolg in der Nische. Und Klaus Emler, Geschäftsführer von Sortimo, Weltmarktführer für Fahrzeugeinrichtungen, zeichnet auf, wie er mit kontrolliertem Spielaufbau das Unternehmen an der Spitze hält.

Bildnachweis: IkonImages/GettyImages, imago/WEREK, Die Bayrische/PR, TAKKT/PR, Sortimo/PR

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