Vorher überlegen macht nachher überlegen

Wer Weltmeister werden will, muss an vielen Schrauben drehen. Der Schlüssel zum Erfolg liegt nicht nur bei den handelnden Personen, sondern bei einem durchgängigen, schwer kopierbaren Konzept mit klaren Vorteilen gegenüber der Konkurrenz. Das Setzen ehrgeiziger und begeisternder Ziele, intensive Beobachtung und Analyse der Gegner, der Fokus auf eigene Stärken und das Formen eines schlagkräftigen Teams gehören genauso dazu. Und nicht zuletzt das Entwickeln einer Siegermentalität und das Vorbild von Führungsstärke und Leidenschaft auf und neben dem Spielfeld.

In der Fußballsprache heißt es: „Da steht eine Einheit auf dem Platz, ein Rädchen greift ins andere, und man erkennt die Handschrift des Trainers.“ Bei Unternehmen spricht man von Konzentration auf Kernkompetenzen, klarem Profil, Stärkung des Markenkernes oder dem Erzeugen von nachhaltigen Wettbewerbsvorteilen. Als Lohn für die entsprechenden Mühen winken dann in beiden Lebenswelten begeisterte und treue Fans (nicht nur bloße „Kunden“), welche die Basis für nachhaltigen Erfolg bilden und gleichzeitig beste Referenzen sind.

Gerade am Beispiel „unserer Weltmeister“ von 2014 sind die Erfolgsfaktoren für eine wirkungsvolle Strategie-Entwicklung und für die begeisternde Führung von Mannschaften einfach nachvollziehbar. Die Bausteine und Vorgehensweise, um sich am Schluss gegen harten Wettbewerb durchzusetzen, folgen dem Motto: „Vorher überlegen macht am Ende überlegen!“

1. „Wir wollen Weltmeister werden!“

Dies war die klare Zielsetzung von Jogi Löw und seinem Team beim Aufbruch zur Mission Brasilien 2014. Jeder Spieler wusste das, jeder hatte das im Kopf. Da spielte es auch keine Rolle, dass die Vorbereitungsspiele wenig Grund zur Hoffnung gaben, viele Leistungsträger mit Verletzungen zu kämpfen hatten oder sogar ganz ausfielen. Denn „La Mannschaft“, wie die Medien das deutsche Fußball-Nationalteam respektvoll nannten, bewies, wovon auch Verantwortliche, die sich mit der Weltelite messen wollen, lernen können: Je klarer die Mission, je begeisterter die Mitarbeiter/innen, desto außergewöhnlicher sind Einsatz sowie Zusammenhalt und Zusammenspiel innerhalb der verschiedenen Abteilungen – desto wahrscheinlicher ist der Erfolg.

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ERNST HOLZMANN – Der Dozent für Sportökonomie und Strategisches Marketing schlägt die Brücke zwischen den beiden Lebenswelten Leistungssport und Wirtschaft. Er verbindet dabei seine beruflichen Erfahrungen als Experte in Strategieentwicklung und Strategieumsetzung mit denen aus seiner zweiten Leidenschaft, dem Fußball. Auf seinen beruflichen Stationen war er unter anderem als Vice President für Geschäftsstrategie und Corporate Marketing bei der Siemens Nixdorf Informationssysteme AG, als Geschäftsführer Vertrieb und Marketing für Zentral-Europa bei der NEC-Mitsubishi Electronics Display Europe GmbH sowie als Vice President für Geschäftsstrategie und Marketing bei der Francotyp-Postalia AG verantwortlich. Er war langjähriger Spieler, Trainer (DFB-Lizenz), Sportlicher Leiter und Vorstand in verschiedenen Vereinen und ist Autor des Lehr-Videos: „Motivierende Mannschaftsführung im Fußball“. Weniger lesen »

2. „Weiter, immer weiter!“

Die legendäre Weisheit von Ex-Nationaltorwart Oliver Kahn reicht womöglich nicht, um am Ende mit dem Pokal in den Händen dazustehen. Wichtiger ist es, die wirklichen Stärken der Schlüsselspieler im Team zu kennen und diese entsprechend einzusetzen. „Neue Besen kehren gut. Aber die alten kennen die Ecken!“ Dies wusste schon der deutsche Unternehmer Klaus Steilmann. Jeder schlaue Coach weiß zudem, dass ein „Mittelstürmer“ nicht bis an das Ende seiner Tage einem jüngeren Gegenspieler weglaufen kann. Aber dieser Mittelstürmer kennt nicht nur die besten Wege zum Ziel, sondern kann oft auf einer anderen Position sein wertvolles Wissen und seine Erfahrungen für das Team und seine jüngeren Mitspieler einbringen. Aber ohne experimentierfreudige „Youngsters“, die neue und innovative Methoden einbringen, verharrt ein Team oft im Gewohnten und versandet im Mittelmaß. Aufgabe der Führungskräfte, des „Teams hinter dem Team“, ist es, herauszufinden, welche Fähigkeiten die verfügbaren „Spieler“ haben, für welche Aufgaben sie am besten bei der Umsetzung der gewählten Strategie geeignet sind, und auch, wer ein Teamplayer ist und wer nicht.

3. „Ihr müsst so viel leisten wie noch nie, und dann werdet ihr bekommen, was ihr noch nie hattet!“

Mit dieser klaren Ansage inspirierte und motivierte Jogi Löw seine Jungs vor dem Endspiel gegen Argentinien. Dass es bei dem Lohn für besondere Anstrengungen weniger um monetäre Anreize geht, belegt auch die Aussage von Philipp Lahm bezüglich seiner persönlichen Motivation: „Ich wollte nicht schon wieder von unten zusehen, wie andere oben den Pokal hoch halten.“ Auch Menschen im Büro arbeiten zwar für Geld, aber nicht ausschließlich. Die Sehnsucht nach etwas Außergewöhnlichem, Teil eines „ganz Großen“ zu sein, Beachtung zu finden, gemeinsam mit Kollegen/innen etwas zu erreichen, treibt Menschen oft mehr an als nur das normale Monatsgehalt. Nur wie schaffen Unternehmen es, Visionen in die Köpfe ihrer Mitarbeiter zu bekommen?

4. Verwirrung beim Gegner durch die „falsche Neun“

Jogi Löw verwandelte konsequent die Stärken seiner Spieler mit einem entsprechenden Spielsystem zu Wettbewerbsvorteilen, egal, ob Torwart Neuer dabei „Manni, den Libero“ gab oder ob der Gegner unsere ständig rotierenden Offensiv-Spieler nicht zu fassen bekam und am Schluss sogar mit Mario Götze kein klassischer Mittelstürmer, sondern eine „falsche Neun“ das goldene Tor erzielte.

Die Kunst bei einer nachhaltigen Strategie-Entwicklung ist es, nicht nur seine eigenen Kernkompetenzen und Stärken – auch im Vergleich zu relevanten Gegnern – klar zu erkennen und in den Mittelpunkt der eigenen Aktivitäten zu stellen. Oft verfallen Unternehmen dem Fehler, sich ausschließlich auf das originäre Produkt-Angebot zu konzentrieren, ohne auch die anderen „P“s (Pricing, Promotion, Point of Sale, Prozesse) des Marketing-Mix zu durchleuchten und hier Chancen für Innovationen und für wirksame Differenzierung zu suchen. Die beste Strategie kann zum anderen nur erfolgreich sein, wenn sie auf den Fähigkeiten und der Erfahrung der beteiligten „Spieler“ beruht, die von der Führung genügend Freiraum bekommen, ihre Rolle und Aufgabe ihren Fähigkeiten gemäß zu nutzen.

5. „Kampf-Schweinsteiger“ vs. Dribbelkönig

Die Argentinier wussten genau, dass die deutsche Mannschaft mit ihrem eigentlichen Leader, Bastian Schweinsteiger, im wahrsten Sinne des Wortes „steht oder fällt“. Gott sei Dank stand dieser aber öfter auf, als er „hingefallen wurde“, ließ sich auch von einem blutenden Cut nicht aufhalten und führte die deutsche Mannschaft mit seiner Leidenschaft und seinem Siegeswillen zum Titel.

Albert Schweitzer hätte dazu gesagt: „Ein Beispiel zu geben ist nicht die wichtigste Art, wie man andere beeinflusst. Es ist die einzige.“ Und dies betrifft nicht nur die Mannschaft im Spiel oder die Mitarbeiter/innen im Unternehmen, sondern ganz besonders die jeweiligen Führungskräfte im Team.

6. Schön oder erfolgreich? Reagieren erwünscht!

„Wat wolln se denn: Eine erfolgreiche WM, oder solln wir wieder ausscheiden und haben schön gespielt?! Ich leg mich jetzt erst mal drei Tage in die Eistonne!“ Diese Aussagen eines nach dem mühsamen 2:1-Sieg gegen Algerien sichtlich „angefressenen“ Per Mertesacker sind nicht nur authentisch und einfach nachzuvollziehen, sondern stehen symbolhaft für die generelle Frage, mit der auch Unternehmen anstrengende Phasen überstehen: Hauptsache, gewonnen, egal wie, oder lieber nüchtern Ergebnis von Leistung und Einflussfaktoren trennen und bezüglich Aufstellung, System und Taktik eventuell reagieren?

Oft scheitern die besten Strategien einfach an den Mühen des Tagesgeschäftes, kurzfristigen Rückschlägen, unvorhergesehen Einflüssen und dem Rückfall der Beteiligten in alte Verhaltensmuster. Auf dem Weg zum gesteckten Ziel gehört deswegen Durchhaltevermögen genauso dazu, wie bei Abweichungen vom Kurs schnell und entschlossen zu handeln. Reagieren erwünscht.

Bildnachweis: Harold M. Lambert/GettyImages, PR

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