Interview

„Nur Prinzipien führen zum Erfolg“

Zur Person Ottmar Hitzfeld

Mit Bayern und Dortmund gewann Ottmar Hitzfeld die Champions League, die Schweiz führte er von der Mittelmäßigkeit zur Weltspitze. Wie das geht? Mit klaren Führungsprinzipien – die ihm die Auszeichnung zum „Welt-Trainer des Jahres“ einbrachten. Im Interview erklärt der Meister-Macher, was neben der Menschenführung bei allen wichtigen Entscheidungen ganz nach oben führt – im Trainer-Job wie im Berufsleben.

Herr Hitzfeld, 2004 lag der deutsche Fußball am Boden. Deutschland schied bei der EM in der Vorrunde aus. Deshalb flehte Gerhard Mayer-Vorfelder, der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), Sie an, Trainer der deutschen Nationalmannschaft zu werden. Sie lehnten ab. Warum?
Die Offerte war das Angebot meines Lebens. Die deutsche Nationalmannschaft zu trainieren, war schon immer mein Traum. Allerdings konnte der Zeitpunkt nicht schlechter sein. Ich habe nur wenige Wochen zuvor den FC Bayern wegen körperlicher und seelischer Erschöpfung verlassen müssen. Mein Akku war leer. Komplett leer. Aus meiner Sicht hätte es jedoch übermenschliche Kräfte gebraucht, um das Team um Michael Ballack erfolgreich durch die Heim-WM 2006 zu führen. Und diese Kräfte hatte ich zu dem Zeitpunkt einfach nicht. Ich war schon froh, wenn ich alleine Brötchen holen konnte.

Sie hatten ein klassisches Burn-out.
Nach sechs Jahren als Trainer des FC Bayern München ist das nicht verwunderlich. Das ist vergleichbar mit Hundejahren.

Wie meinen Sie das?
Ein Jahr Trainer des Rekordmeisters zu sein, ist in etwa so anstrengend wie sieben Jahre bei einem anderen Verein. Die boulevardeske Medienlandschaft, der hohe Erwartungsdruck des Vorstands, das ständige Unbedingt-gewinnen-Müssen, das setzt einem schon ganz schön zu.

Was gehört zu den wichtigsten Fähigkeiten eines guten Trainers?

Wie hat sich das bei Ihnen bemerkbar gemacht?
Ich hatte tagelang fürchterliche Rückenschmerzen. Nachts habe ich oft kaum geschlafen, meist mich nur von der einen auf die andere Seite gewälzt. Als ich dann morgens aufstehen musste, um an die Säbener Straße zu fahren, kam es mir oft vor, als hätte ich die ganze Nacht kein Auge zugemacht. Ich bin dann völlig übermüdet und völlig fertig zum Training gestartet. Am Schluss war es sogar so schlimm, dass ich meinen Trainer-Job ohne Medikamente gar nicht mehr ausüben konnte. Das war für mich ein klares Alarmzeichen: „Ottmar, du musst jetzt unbedingt die Reißleine ziehen!“, dachte ich mir. Und ich zog sie, indem ich Uli Hoeneß mitteilte, dass ich mich umbringen würde, wenn ich so weitermachen würde. Die Trennung war für mich dann wie eine Erlösung.

Sie zogen sich komplett aus dem Geschäft zurück, in Ihre Berge, in Ihr geliebtes Engelberg.
Ich wollte einfach wieder mein altes Leben zurück. Die Sonne genießen, das Leben genießen, Spaß haben. Das war zu dem Zeitpunkt undenkbar.

Wie lange haben Sie gebraucht, um aus Ihrem Seelentief zu kommen?
Fast zwei Jahre. Während dieser Zeit habe ich mir gesagt, dass ich mir diesen Stress nie wieder antun, nie wieder auf die Trainerbank zurückkehren wollen würde. Als ich dann eineinhalb Jahre später bei dem einen oder anderen tollen Job-Angebot doch ins Grübeln kam, wurde mir bewusst, dass ich von der „Droge Fußball“ doch noch nicht losgekommen bin.

Kein Wunder. Sie waren unglaublich erfolgreich, sind zwei Mal zum „Welt-Trainer des Jahres“ gewählt worden. Im Nachhinein verdanken Sie Ihre Karriere aber eigentlich dem Schulamt Freiburg.
Einerseits bin ich den Beamten bis heute dankbar. Andererseits empfinde ich es bis heute als Frechheit, dass sie 1983 – wohlgemerkt, zehn Jahre nach meinem Staatsexamen – noch eine Nachprüfung von mir verlangten. Das habe ich nicht eingesehen. Mehr noch: Ich war stinksauer! Deswegen wurde ich Trainer, obwohl es eigentlich mein Wunsch war, Lehrer zu werden.

Eine mutige Entscheidung. Es hätte auch schiefgehen können.
Ich habe mich bewusst für ein Leben auf dem Schleudersitz entschieden. Schließlich läuft man als junger und unerfahrener Fußballtrainer die Gefahr, dass die Karriere beendet sein kann, bevor sie losgegangen ist.

Wie viel Psychologie gehört zum Umgang mit einem Team?

Was war auf der anderen Seite der glücklichste Moment in Ihrer Karriere?
Der kam, als Patrick Anderson 2001 am letzten Spieltag der Bundesliga-Saison in der letzten Minute in Hamburg den Ausgleich erzielte und wir Deutscher Meister wurden. In diesem Moment bin ich innerlich fast explodiert. Der Sieg war so unfassbar wichtig, weil wir vier Tage später das Champions-League-Finale gegen Valencia hatten. Der Sieg hat uns für das Endspiel viel Kraft gegeben.

Aufgrund Ihrer Menschenführung und strategischen Fähigkeiten verliehen Ihnen die Medien auch den Beinamen „General“. Was sind Ihre Führungsprinzipien?
Loyalität, Integrität, Solidarität, Empathie, Respekt. Ohne die geht sowohl in der Wirtschaft als auch bei der Führung eines 25 Mann starken Kaders eines Vereins oder einer Nationalmannschaft gar nichts. Nur diese Prinzipien führen dauerhaft zum Erfolg. Und den brauchen Sie, wenn Sie an einer langfristigen Karriere im Fußball interessiert sind.

Haben Sie diese Eigenschaften wirklich jeden Tag eingehalten?
Wenn ich auf etwas wirklich stolz in meinem Leben bin, dann ist es die Tatsache, dass ich meinen Grundsätzen über Jahrzehnte hinweg treu geblieben bin. Von 1984 bis 2014. Jeden Tag, jede Woche, jeden Monat.

Was war dabei Ihre oberste Maxime?
Führe die Mannschaft genauso, wie du selbst geführt werden willst.

Was unterscheidet einen Toptrainer von einem normalen Trainer?
Ein guter Trainer zeichnet sich vor allem bei der Menschenführung aus. Technisch und taktisch sind heutzutage doch alle Trainer, die einen Top-Club oder eine Nationalmannschaft führen, auf Weltklasse-Niveau. Den Druck aber von der Mannschaft zu nehmen, Konflikte innerhalb des Teams zu lösen und einem Spieler ehrlich die Meinung zu sagen, auch wenn sie vielleicht hart für ihn ist, das zeichnet einen wirklich guten Trainer aus. Vor allem müssen Sie ehrlich sein. Ich kann einem Ersatzspieler nicht nur aus Gefälligkeit Hoffnungen machen und sagen: „Junge, wenn du gut trainierst, spielst du beim nächsten Spiel.“

Worauf kommt es denn an bei der Kommunikation mit einem Team – insbesondere mit denen, die gerade nicht das Vertrauen für die erste Elf besitzen?
Man muss seinen Spielern immer ehrlich und fair gegenübertreten. Jeder Spieler sollte jeden Tag genau wissen, woran er ist. Nichts ist schlimmer als die Ungewissheit, wie es mit einem weitergeht. Das ist bei einem Fußballer so – wie auch bei jedem Arbeiter am Band, jeder Sekretärin oder jedem Angestellten. Jeder will wissen, was sein Chef von ihm denkt und wie es beruflich weitergeht.

Wie richtet man ein Team nach einer bitteren Niederlage wieder auf, wie etwa 1999 nach dem legendären 1:2 mit dem FC Bayern München gegen Manchester United?

Von Felix Magath war bekannt, dass er fast nie mit seinen Spielern gesprochen hat. Wie haben Sie es gemacht?
Mindestens eine Stunde am Tag habe ich mit den Spielern gesprochen. Länger gingen meist nur die Gespräche mit Spielern, denen ich sagte, dass sie spielen werden. Die anderen haben meist schnell die Köpfe hängen lassen. Verständlich. Und wenn ich einem Kicker sagte, dass er auf die Tribüne muss, wusste ich: So, jetzt hasst er mich! Das hört sich vielleicht jetzt hart an, aber: Der Leistungssport ist so, nicht jeder kann gewinnen. Nichtsdestotrotz haben mich die negativen Übermittlungs-Botschaften immer belastet. Ich bin ein harmoniebedürftiger Mensch. Jemanden zu verletzen, indem ich ihm sage, dass er nicht spielen wird, hat mir immer wehgetan.

Welche Rolle spielt die eigene Haltung gegenüber dem Team?
Wichtig ist, dass ein Trainer, egal, was passiert, authentisch bleibt und ein Vorbild für sein Team und den Verein ist. Wer das nicht vorlebt, hat bei den Spielern keine Chance, auf Dauer Vertrauen zu gewinnen. Darüber hinaus war es für mich immer wichtig, sich mit der Mannschaft zu identifizieren. Man kann auf die eigene Mannschaft nach einer Niederlage eindreschen, das ist eine Möglichkeit. Die andere ist, sich vor sie zu stellen und mit allem, was man hat, zu verteidigen. Das habe ich immer gemacht. Wir gewinnen zusammen, also verlieren wir auch zusammen. Intern war das eine andere Sache. Selbstverständlich habe ich mich auch nach einer Niederlage hinterfragt, was ich hätte besser machen können. Selbstverständlich habe ich auch die Dinge, die die Mannschaft falsch gemacht hat, sachlich angesprochen. Dabei aber stets Schuldzuweisungen vermieden.

Sie mussten Spieler auf die Tribüne setzen, sich Kritik der Medien gefallen lassen und die ambitionierten Erwartungen eines ganzen Landes erfüllen. Ein unfassbarer Druck für einen einzelnen Menschen. Haben Sie jemals Gespräche mit einem Psychologen gesucht?
Ich habe mich auf mein Bauchgefühl und meinen Verstand verlassen. Diese beiden Dinge und eine große Portion Empathie haben mir immer tolle Dienste erwiesen. Ich habe mir immer vorgestellt, wie es für den anderen wäre, wenn ich ihm das nun sage. Und das ist ja gerade das Schwierige: Ich wollte gerecht sein, konnte es aber unmöglich allen recht machen.

Was gehört dazu, aus einem Team von Talenten eine Einheit zu formen, die es – wie die Schweizer Nationalmannschaft – spielerisch unter die Top Ten der Welt schafft?

Wie lange dauert es, ein Team nach einer entscheidenden Niederlage mental wieder aufzubauen?
1999, nach der Niederlage im Champions-League-Endspiel gegen Manchester United, war mir erst mal nur wichtig, dass die Mannschaft nicht auseinanderfällt. In der Kabine habe ich gleich gesagt, dass ich öffentlich nichts von Schuldzuweisungen hören will. Vielmehr waren von uns Loyalität, Integrität, Solidarität, Respekt und vor allem Teamgeist verlangt. Das habe ich meinen Spielern gesagt. Mein Credo war: „Wir halten jetzt erst recht zusammen!“ Und das haben wir gemacht. Dennoch dauerte es fast ein Jahr, bis wir die Niederlage so richtig verdaut hatten. Belohnt haben wir uns letztlich mit dem Champions-League-Finale-Sieg zwei Jahre später gegen Valencia.

Sie haben mit den Bayern die Champions League gewonnen und aus einer Schweizer Nationalmannschaft mit „Rumpelfüßlern“ eine Weltklasse-Truppe geformt. Sie preschten bis auf Platz 6 der FIFA-Weltrangliste vor – noch vor Frankreich, Italien und England. Welchen Anteil hatte dabei der Führungsaspekt?
Wie bei einem Maschinenbaukonzern oder einem Konsumgüterhersteller haben wir gemeinsam einen Personalplan gemacht, uns auf alle Eventualitäten vorbereitet und damit die Grundlage für Top-Leistungen geschaffen. Ich habe meine Führungsprinzipien mit meinem Führungsstab und meinen Führungsstil angewandt. Mehr nicht. Darüber hinaus habe ich meinen Spielern erklärt, dass es eine Ehre ist, für ihr Land zu spielen.

Was war für Sie im Job eines Spitzentrainers die größte Herausforderung?

In Kürze startet die Fußball-WM in Russland. Welche Tipps können Sie Bundestrainer Jogi Löw für seine Titelverteidigung mitgeben?
Der deutsche Bundestrainer braucht keine Tipps von mir. Wenn einer weiß, wie man Weltmeister wird, dann Jogi Löw. Der Mann bringt alles mit, was man haben muss, um den Titel in Russland zu verteidigen. Er plant mit seinem Team um Oliver Bierhoff und Thomas Schneider alles von langer Hand. Jogi weiß schon heute, wie sein Kader aussehen wird, wie er spielen wird, was sein Matchplan sein wird. Dann hat er noch ein herausragendes Bauchgefühl und wie alle erfolgreichen Trainer ganz ganz viel Empathie. Er weiß, wie er das letzte Prozent aus seinen Spielern herauskitzelt.  „So, und jetzt zeig der Welt, dass du besser bist als Messi“, sagte er zu Mario Götze bei seiner Einwechslung im WM-Finale gegen Argentinien. Und Götze zeigte an dem Abend, dass er besser als Messi ist, und schoss Deutschland zum Weltmeister. Und genau das meine ich: Jogi Löw geht wie ich immer offen und ehrlich mit jedem Spieler um. Erst recht mit den Ersatzspielern.

Was kann die deutsche Nationalmannschaft vom Titelgewinn 2014 nach Russland mitnehmen?
Am meisten beeindruckte mich damals der menschliche Umgang. Statt nach dem gewonnenen Finale nur in die Fan-Kurve zu rennen und sich feiern zu lassen, trösteten Spieler wie Bastian Schweinsteiger und seine Kameraden erst mal die argentinischen Gegner. Die deutsche Nationalmannschaft ist geerdet und bodenständig und zugleich taktisch und technisch auf Weltmeister-Niveau. Ich weiß nicht, wer sie in Russland stoppen soll.

Ottmar Hitzfeld: der Mann mit dem Spitznamen „der General“ und der Auszeichnung zum „Welt-Trainer des Jahres“ im Interview.

Ottmar Hitzfeld: der Mann mit dem Spitznamen „der General“ und der Auszeichnung zum „Welt-Trainer des Jahres“ im Interview.

Bildnachweis: Baschi Bender

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