Am Anfang steht eine grundsätzliche Frage: Was ist eigentlich Mut? Ist es wirklich mutig, nur mit einem elastischen Gummiband gesichert, aus 100 Metern kopfüber in die Tiefe zu springen? Oder ist es eher lebensmüde, sich „just for fun“ einem solchen Risiko auszusetzen?

Eine objektive Antwort auf diese Frage gibt es nicht. Mut ist keine wertfreie Eigenschaft, sondern ein soziales Konstrukt, das mit den Lebenszusammenhängen jedes einzelnen Menschen verbunden ist. In einem Verbrechermilieu gilt Tankstellenraub als mutige Tat. Viele Jugendliche finden es mutig, sich bei illegalen nächtlichen Autorennen zu übertrumpfen. Auch ein Geisterfahrer, der absichtlich mit 200 km/h in falscher Richtung über die Autobahn rast, überwindet seine Ängste. Aber mutig im Sinne allgemeiner Bewunderung ist so jemand nicht. Man würde ihn als durchgeknallt und kriminell, im mildesten Fall noch als lebensmüde bezeichnen.

Mut ist in erster Linie an den Wunsch nach größtmöglicher Anerkennung geknüpft – und an die Sehnsucht, sich durch eine individuelle Leistung von anderen Menschen positiv abzuheben. Wer den Bungee-Sprung in die Tiefe wagt, tut das in der Regel nicht für sich allein, sondern will sich damit Ansehen in der eigenen Peer Group verschaffen. Davon zeugen Millionen fragwürdiger Mutproben auf der Videoplattform YouTube.

Daher spielen beim Bungee Jump die Vor- und Nachbereitung innerhalb des Freundes- oder Familienkreises eine große Rolle. Wer sich auf die Absprungstelle wagt, weiß: Jetzt sind viele Augen auf mich gerichtet. Es geht um „mutig“ oder „feige“. Und plötzlich gibt es auch kein Zurück mehr. Als Belohnung warten entweder Lob und Bewunderung – oder ein mitleidiges Auf-die-Schulter-Klopfen. Allerdings, auch das ist gesellschaftlicher Konsens: Manchmal gilt es auch als mutig, mal kein Risiko einzugehen. Wie oft bei konkreten Entscheidungen – es kommt auf die individuelle Situation an.

Je näher der Augenblick des Mutes heranrückt, umso stärker agiert und reagiert der Körper. Der Erregungspegel steigt kontinuierlich an, daher werden unter anderem die Nerven auf der Haut empfindlich. Sie signalisieren: Achtung, du verlässt jetzt deine Komfortzone und nimmst einen Kontrollverlust in Kauf. Jetzt kann wirklich ALLES passieren – Tod inklusive. Die Wissenschaft spricht von kognitiver Dissonanz. Die Sehnsucht nach Sicherheit kontrastiert scharf mit der Angst vor dem Tod. Der Blick in den gähnenden Abgrund, die Mut machenden Stimmen im Kopf – all das vermischt sich zu einer Kakophonie von Gefühlen und Gedanken.

Im Hypothalamus wird jetzt das sympathische Nervensystem aktiviert. Klingt harmonisch, bedeutet aber Kampfbereitschaft und Fokussierung. Atmung und Puls beschleunigen, der Blutdruck steigt, die Herzfrequenz nimmt zu, das Blut transportiert mehr Sauerstoff, die Blutzuckerproduktion läuft auf Hochtouren. In Sekundenbruchteilen schüttet das Nebennierenmark einen wichtigen hormonellen Botenstoff aus – Adrenalin.

Adrenalin kann Menschen in die Lage versetzen, Höchstleistungen zu erbringen. Allerdings kann es auch zu unerwünschten Überreaktionen kommen. Weil der Körper oben in luftiger Höhe vor dem Absprung zur Passivität verdammt ist, fangen die Hände und Knie an zu zittern, der Mund wird trocken, die Beine fühlen sich an wie Pudding. Die vom Körper bereitgestellte Energie kann in diesem Moment nicht abgerufen werden, es kommt zu den typischen Angstsymptomen, die Sportler, Schauspieler und Manager vor einem öffentlichen Auftritt auch als „Lampenfieber“ erleben.

Dann endlich: der erlösende Sprung in die Tiefe.

Nach kurzem freiem Fall erlebt der Körper das ganze Drama von Sterben und Auferstehung. Das Gummi federt den Sturz ab und zieht den Springer erneut in die Höhe. Ich habe überlebt! Wider Erwarten überlebt! Die Gefahr ist vorbei! Innerhalb von Sekundenbruchteilen übernimmt im Gehirn die sogenannte Belohnungsachse die Regie, die Teil des Mittelhirns ist. Neurowissenschaftler sprechen hier vom mesocortikolimbischen System, bei dem es sich um eine Reihe von Arealen und Nervenverbindungen handelt.

Wer nach dem Bungee-Sprung langsam auspendelt und dann vom Seil genommen wird, ist eigentlich voll auf Droge. Landläufig wird auch vom Dopamin-Rausch gesprochen. Streng genommen ist das falsch. Denn Dopamin ist nur der Botenstoff, der eine nur linsengroße Region im Gehirn, den Nucleus accumbens, zu erhöhter Aktivität anregt. Es ist unerheblich, wie viel Dopamin in diesem Areal ankommt. Wichtig ist nur, dass der Dopaminspiegel relativ ansteigt und die Rezeptoren im Gehirn das Signal aufgreifen können.

Was im Einzelnen wie genau wirkt, ist dem Bungee-Springer egal. Er könnte in diesem Moment die ganze Welt umarmen, empfindet das Leben als besonders intensiv und würde vor lauter Euphorie am liebsten gleich wieder von der Plattform in die Tiefe springen. Aber: Die Wirkung des Dopamins lässt schnell nach. Und es gibt noch einen Haken: Mit dem zweiten, dritten oder gar zehnten Bungee-Sprung schwächt sich das Glücksgefühl langsam ab, eine neue Herausforderung müsste her.

Das Schema des Bungee-Sprungs lässt sich auf viele, weniger spektakuläre alltägliche Lebenssituationen übertragen. Der Antrieb für mutiges – manchmal leider auch übermütiges oder leichtsinniges – Handeln ist die Aussicht auf eine von Dopamin hervorgerufene emotionale Belohnung plus Sehnsucht nach gesellschaftlicher Anerkennung. Beides zusammen ist der Motor für Fortschritt und Veränderung.

Henning Beck (33) hat Biochemie studiert und an der Graduate School of Cellular & Molecular Neuroscience in Tübingen promoviert. Statt sich ausschließlich einer wissenschaftlichen Karriere zu widmen, hat er sich auch der populären Wissensvermittlung zum Thema „Hirnforschung“ verschrieben. Seit 2011 ist er als Science Slammer in Deutschland unterwegs, hält Vorträge und schreibt Kolumnen und Bücher. Im Februar erschien sein aktuelles Buch „Irren ist nützlich. Warum die Schwächen des Gehirns unsere Stärken sind“.