Der inspirierende Hofnarr

John Cohn beweist bei IBM Watson IoT, dass sich für Unternehmen der Mut auszahlt, auch das Spielerische zuzulassen. Von Sonny Klawitter

John Cohn entspricht nicht nur dem optischen Klischee eines verrückten Professors oder erinnert an die Magier aus Terry Pratchetts Scheibenwelt. Er ist Unruhestifter mit einem Freibrief von IBM zum Experimentieren – mit Rauschebart, ab­stehenden Haaren und manchmal auch blinkenden Leuchtdioden um das Haupt und einem gebatikten Kittel als Arbeitskleidung inklusive.

Spielen ist seine Leidenschaft, sein Antrieb und seine Weltan­schauung. Als wissenschaftlicher Leiter des IBM Watson IoT Lab in München bringt er den Spaßfaktor in das cool designte Glasgebäude. Das Watson IoT Headquarter wird jeden Tag beim Internet der Dinge Richtung Zukunft gelenkt, dank John und seines Teams. Cohns spielerischer Ansatz zur Problemlösung und seine wissenschaftliche Forschung funktionieren immer dann am besten, wenn man es am wenigsten vermuten würde: wenn John mal wieder im Flieger über dem Atlantik sitzt (er bringt es jedes Jahr auf stolze 250.000 Meilen) oder wenn er eigentlich gezielt an langweiligem Papierkram sitzen sollte. Dann schaltet sein Hirn in den Play-Modus, denn es erträgt keine öde Routine, sondern kreiert ein Antistress-Programm.

IBM steht ja eher für ein gediegenes Unternehmen mit ernsthaften Strukturen, dunkelblauen Anzügen und Hightech-Lösungen wie dem Cognitive Computing System Watson. Ein „Hofnarr“, wie John Cohn sich selbst gerne beschreibt, erscheint da wie ein ungewöhnlicher wie mutiger Luxus am Technikhof. Mehr als 70 Patente in den Bereichen Designautomatisierung, Methodik, Schaltungen und intelligente Systeme, die Mitwirkung an vielen Büchern und unzähligen wissenschaftlichen Schriften belegen: Der Wahnsinn hat Methode!

Wer ist der Mann, der zusammen mit seiner Familie auf 80 Jahre IBM-Erfahrung kommt? „Ich bin ein wahrer Nerd und ich habe den nerdigsten Job auf dem gesamten Planeten.“ (mehr dazu im Video)

IBM Fellow im Club der wilden Köpfe

John Cohn ist IBM Fellow, die höchste Stufe der technischen Ingenieure bei IBM, ein Club der wilden Köpfe mit brillanten Ideen. 36 Jahre hat er für das Unternehmen gehirnt, gewerkelt und ist nicht selten angeeckt – weil er sich über Firmenetikette so gar keine Gedanken macht, wenn er gerade im Flow ist und sich wieder eine brillante Lösung für ein technisches Problem in Design Automation, für Watson IoT oder früher auch einen Chip einfallen lässt. Obwohl oder gerade weil der Herr der Dinge bei seiner Arbeit den Fokus auf die physische Infrastruktur für Open Data, Internet of Things, Kommunikation und Echtzeitdatenanalyse legt. „Für alle, die noch nicht die Gelegenheit hatten, von John zu lernen: Seine Intelligenz und sein Charisma reichen weit über seine Karriere hinaus“, würdigte ihn IBM auf seinem Internet oft Things Blog zu dessen 35-jährigem Firmenjubliläum 2016.

„Kreativität braucht Freiraum!“ lautet Johns Mantra. „Wenn man den Freiraum nicht hat, muss man eben welchen schaffen – besonders dann, wenn man total mit Arbeit zugeschaufelt ist, die man nicht komplett fertigbekommen kann!“ Sein Motto lautet: „Play“, für ihn gleichbedeutend mit Kreativität, sich inspirieren lassen, technische Werkzeuge und Teile zum Bauen zu haben. Und mit anderen „Spielkameraden“ zusammen im Watson IoT Lab etwas Neues zusammenbauen oder einfach alleine über sinnvolle Weiterentwicklungen zu sinnieren. Auch zu Hause kann er nächtelang in seiner Garage werkeln, überlegen, zusammensetzen, wieder auseinandernehmen, nochmals von vorne anfangen, scheitern und weitermachen. Motoren, Kontrollen, Dioden, Chips und Software werden auf die Spitze getrieben. Das klappt besonders gut, wenn er eine Deadline hat und die eigentliche Arbeit aufschiebt. Denn er ist auch an allen Datenvisualisierungsinstallationen in der Firmen-Lobby, dem Sound auf der Skybridge und dem Mood Light Display in der Lobby beteiligt, das über die verschiedenen Farbschattierungen kommuniziert, wie lang gerade die Schlange an der Kaffeebar ist.

Warum brauchen Führungskräfte den Mut zum Spielen? „Der Grund, warum ich überhaupt ein IBM Fellow bin, ist der: Ich habe Spielen immer als Teil meines Jobs angesehen.“ (mehr dazu im Video)

„Burning Man“ und Reality-TV

Das jährliche „Burning Man“-Festival in der Black-Rock-Wüste von Nevada bietet eine zusätzliche Möglichkeit zum Rebooten für Professor Play. Über seine Faszination für den „Burning Man“ schreibt er voller Leidenschaft in seinem Blog „Cohn-zone“: „Es ist ein unbeschreibliches Gefühl hier inmitten von ungefähr 70.000 der wunderbarsten Elektronik-Freaks, Künstler, Techies, Hippies und aller anderen Arten von Leuten, die sich der Klassifizierung entziehen.“

Riesigen Spaß beim Spielen hatte John auch als Teilnehmer der Reality-TV-Serie „The Colony“ in Jahr 2009 in einer stillgelegten Stahlfabrik: ein kontrolliertes Überlebensexperiment unter extremen Umständen. In zehn Wochen sollten zehn Teilnehmer in einem Endzeitszenario ohne echte Ressourcen eine Minigesellschaft aufbauen. Mit dem Ziel, zu überleben. Die Bedingungen waren so hart, dass es kein sauberes Wasser, nicht genug zu essen, keine Kommunikation und keine Sicherheit gab. Das Beste, was den Teilnehmern passieren konnte, war ein spielerisch kreativer Geist mit MIT- und Carnegie-Mellon-Ausbildung und einer Leidenschaft für Zusammenfummeln, Elektrik, Elektronik, Feuer, Schweißen und Mechanik. In den ersten paar Tagen wollte John zwar aufgeben, aber sobald seine Expertise gefragt war, gab es kein Halten mehr: Globaler Killervirus und kein sauberes Wasser? Kein Problem, wenn man einen Wasserfilter bauen, einen alternativen Lkw aus Schrott und Verteidigungssystemen bauen kann, keinen Schlaf und kein Essen braucht. Und alles vor sechs Millionen Zuschauern.

Nackte Tatsachen

Johns Arbeitgeber IBM war begeistert – noch bevor die Folgen ausgestrahlt wurden. Und John Cohn war stolz darauf, am Expe­riment teilgenommen zu haben, und hinterher kaum vom Set wegzukriegen. Und doch wurde er etwas nervös beim Meeting mit dem IBM Head of Communications, der ihm zu seinem Engagement gratulierte – mit der einzigen Einschränkung, dass er alles super finde, solange John nicht nackt vor der Kamera erscheine. „Da war es schon zu spät, weil ich den Regen zum Duschen genutzt habe, vor laufender Kamera“, lacht John. „Beim Spielen sieht man nicht immer gut aus, weil man eben nicht über das Ergebnis oder den tatsächlichen Vorgang nachdenkt. Das unterbricht den Prozess!“ Sich durch seine Art immer wieder in Schwierigkeiten zu bringen, hat dem „Crazy Guy“, wie ihn seine Kollegen auch nennen, offenbar nicht geschadet. Im Gegenteil, IBM hat ihn längst zum Chief Agitator (führender Unruhestifter) ernannt.

Was sind die Konsequenzen, wenn man nicht spielerisch führt?„Ohne zu spielen wird man gelangweilt, und das vermindert die Kreativität, auch als Führungskraft.“ (mehr dazu im Video)

Die Unterstützung des verrückten Professors basiert vor allem auf IBMs „Wild Duck“-Historie. Thomas Watson Sr., legendärer IBM-CEO, war Anhänger von Sören Kierkegaards „The Wild Goose“ – daraus wurde „Wild Duck“: anders zu denken, Selbständigkeit zu bewahren und nicht bei allem kompromissbereit zu sein. Dieser Offenheit hat John seinen Status mit vielen Freiheiten und der Lizenz zum Spielen bei IBM zu verdanken: „Es gibt mehr Videos von John Cohn als von Madonna. Gerade ist eine tolle Zeit, um ein Nerd zu sein“, sagt auch anerkennend Harriet Green, Vice President und General Manager IBM Watson IoT, Handel und Bildung.

Die wissenschaftliche Arbeit bei IBM scheint John Cohn aber noch lange nicht auszufüllen, denn er findet auch immer noch Zeit für heimliche Projekte, die zu so erfolgreichen Unternehmungen wie „Jolts and Volts“ (eine Show über Elektrizität zum Mitmachen für Kids) und „Inventors like You“ (Programm zur Inspiration von Nachwuchserfindern) wurden. Genauso wie Johns Markenzeichen, die blinkende LED-Brille, die bei seinen Vorträgen und Workshops mit wissenschaftsbegeisterten Kids zum Einsatz kommt. Er empfiehlt allen, dass jeder die „Wild Duck“ in sein Arbeitsleben integrieren sollte, sich nicht alles sagen lassen sollte, mehr Freiraum für das Experimentieren schaffen sollte. „Mit mehr Spaß lassen sich eben auch Deadlines besser ertragen, und die Leute verzeihen einem eher, wenn man nicht alle Teller in der Luft halten kann“, sagt er. Das Leben ist zu kurz, als dass man den spielerischen Geist unterdrückt und unglücklich ist.

Wie kommt das Spielerische in Gang – auch ohne verrückte Spielzeuge? „Notwendigkeit ist die Mutter der Erfindung – und Spielen ihr schrulliger Onkel.“(mehr dazu im Video)