Mit dem Mut der Verzweiflung

Diese Geschichte beginnt mit einer Glückszahl. Am 7.7.1977 geben sich Klaus und Hannelore Kirchner auf dem Standesamt von Gierstädt im Landkreis Gotha das Jawort. Beide sind 23 Jahre alt – man heiratet jung in der DDR. Kinder kommen zur Welt, Klaus Kirchner arbeitet sich in einem Kombinat für Gabelstapler nach oben, seine Frau wird nach dem Studium Hochbauingenieurin. Die Welt ist überschaubar, der Lebensweg vorgeplant.

Aber Klaus Kirchner ist unzufrieden. Er will mehr: eigener Herr sein, mutig etwas aufbauen, Unternehmer werden. Am 1. November 1989, knapp zwei Monate nach Beginn der Montagsdemonstrationen in Leipzig und eine Woche vor dem Fall der Mauer, hält er eine lang ersehnte Gewerbeerlaubnis in den Händen. In der Garage des kleinen Gierstädter Häuschens richtet er eine Werkstatt ein. Seine Frau Hannelore muss auch mit ran. Sie erinnert sich:

„Wer zu DDR-Zeiten selbstständig war, der war ja begehrt. Es gab praktisch kein Risiko, in Konkurs zu gehen. Und kaum machen die in Berlin die Mauer auf, witterte mein Mann die großen Chancen. Er sagte: ,Du machst die Buchhaltung und die Finanzen. Ich kümmere mich um den Rest.‘“

Kurz darauf fahren die Eheleute im Trabi nach Nürnberg zum Marktführer für Gabelstapler, der Firma Linde. Ein leitender Mitarbeiter hört sich die Pläne der beiden Thüringer interessiert an und gibt ihnen drei wichtige Ratschläge mit auf den Weg: 1. Wachsen. 2. Konkurrenzfähige Produkte anbieten. 3. Nieder­lassungen nah am Kunden aufbauen.

„Innerhalb von zwei Stunden wussten wir, was zu tun ist. Und dann haben wir flott losgelegt. Leute eingestellt, eine Niederlassung eröffnet, eine Halle angemietet, in Fahrzeuge und Werkzeug investiert. Und ich dabei im Innendienst: Versicherungen, Löhne, Buchhaltung, Genehmigungen. Von einem Tag auf den anderen. Ich hatte von nüscht ’ne Ahnung, nicht einmal, was ein Buchungsjournal ist.“

Der Laden brummt, die Kirchners sammeln 100.000 Ost-Mark Startkapital an. Sie ahnen nicht, was in den kommenden Jahren auf sie zukommen wird. Währungsunion. Wiedervereinigung. Zusammenbruch der ostdeutschen und osteuropäischen Märkte. Abwicklung der DDR-Wirtschaft durch die Treuhandanstalt.

Einerseits geht es mit der Firma Kirchner ständig bergauf. Sie haben sogar mit dem Weltmarktführer Toyota BT einen Vertrag über den Generalvertrieb für das Gebiet westlich von Leipzig aushandeln können. Die Auftragsbücher sind voll. Andererseits: Die Zahlungsmoral in der dahinsiechenden ostdeutschen Wirtschaft ist schlecht. Überweisungen von Kunden bleiben aus oder ziehen sich hin. Überbrückungskredite müssen her. Wohl oder übel nehmen die Ehepartner eine Grundschuld auf ihr kleines Häuschen auf. Das Unternehmen ist permanent klamm, ein Leben auf der Rasierklinge.

„Darunter haben dann auch unsere Ehe und unser Familienleben stark gelitten. Wir saßen am Frühstückstisch zusammen, und ich habe vor Angst gezittert. Ich konnte nicht mehr schlafen. Mein Mann hat mir sonst was für Geschichten erzählt, bloß damit ich mal wieder schlafen konnte. ‚Mach dir keine Sorgen, es kommt wieder Geld‘, hat er immer gesagt. Es war eine permanente Existenzangst.“

Jahrelang betreiben Klaus und Hannelore Kirchner Krisenmanagement. Aus Gründermut wird Getriebensein. Die Konkurrenz schläft nicht. Um überleben zu können, muss das Unternehmen weiter wachsen, Marktanteile absichern, neue Niederlassungen gründen, investieren, Leute einstellen, mit Banken verhandeln – es fühlt sich an wie im Hamsterrad. Mitte der 1990er-Jahre muss erneut ein Kredit her – fast eine Million DM. Das Konzept zum Umbau der Firma steht. Jetzt fehlt nur noch das Okay der Sparkasse.

Der 6. November 1996 ist ein neblig-grauer Mittwoch. Klaus Kirchner schaut kurz bei seiner Frau im Büro rein und sagt, er fahre mal eben schnell zum Fleischer nach Bad Langensalza und hole eine Wurst. Die Straße ist nass und rutschig. Es ist eine schöne Allee. Irgendwie kommt Klaus Kirchner von der Straße ab und prallt seitlich gegen einen Baum. Ein paar Stunden später bringt ein Polizist Hannelore Kirchner den Ausweis ihres Mannes vorbei. Klaus Kirchner wurde nur 42 Jahre alt.

„Dann ist erst einmal Funkstille. Dein Leben kommt dir vor, als würdest du es im Film anschauen. Ich habe die Kinder aus dem Bett geholt und ihnen mitgeteilt, dass ihr Vater tot ist. Mein Sohn war damals 17 Jahre alt, die Tochter 13. Meine Ärztin kam und hat mir eine Spritze gegeben. Und sie hat auf mich eingeredet: ‚Hannelore, du schaffst es auch alleine!‘“

Nur Mut: Nach dem Tod ihres Mannes führt Hannelore Kirchner das gemeinsam gegründete Unternehmen zum Erfolg.

Nur Mut: Nach dem Tod ihres Mannes führt Hannelore Kirchner das gemeinsam gegründete Unternehmen zum Erfolg.

Zwei Tage verbringt Hannelore Kirchner in Schockstarre. Dann erwacht der Kampfgeist in ihr. Sie traut sich zu, von der Buchhalterin zur Geschäftsführerin zu werden. Eine folgenreiche Entscheidung. Am Montag nach dem Unfall versammelt sie in der Firma die leitenden Mitarbeiter um sich. Unter Tränen bittet sie um deren Unterstützung. Und sie will von jedem Einzelnen wissen, wer ihr und dem Unternehmen weiterhin die Treue hält. Alle stehen zu ihr.

Mit dem Mut der Verzweiflung nimmt die neue Chefin die vor ihr liegenden Aufgaben an. Immerhin hat sie ein Auftragsvolumen von zwei Millionen DM im Rücken. Damit kann sie den skeptischen örtlichen Sparkassendirektor und eine Bürgschaftsbank überzeugen – endlich wird die lang ersehnte Kreditlinie gewährt.

„In dieser Zeit habe ich nur zwischen Angst und Hoffnung gelebt. Wenn ich morgens zur Arbeit gefahren bin, habe ich die ganze Strecke über geheult. Auf dem Parkplatz die Tränen abgewischt, hoch ins Büro und mir nichts anmerken lassen. Ich habe Sonntagabend nicht geschlafen, Montagabend nicht geschlafen, am Dienstag dann doch – aus Erschöpfung.“

Es dauert noch weitere zwei Jahre, bis Hannelore Kirchner erstmals durch­atmen kann. Bei einem Banktermin geleitet man sie in den obersten Stock. Diesmal gibt es sogar Kaffee und Kuchen. Der Bankdirektor sagt: „Wissen Sie, damals hätte ich keinen Pfifferling auf Sie gewettet.“ Dann lobt er die Gewinne und schwärmt davon, die Verlustvorträge auf Jahre hinaus steuerlich geltend machen zu können.

Von nun an geht’s bergauf. 2003 folgt die Umwandlung von Kirchner Gabel­stapler in eine GmbH. Die Unternehmensgruppe wächst heute mit 20 Pro­zent pro Jahr. Der Online-Handel und die damit verbundene Logistik sind eine große Chance. Gabelstapler sind die Lastesel des 21. Jahrhunderts. Heute beschäftigt Hannelore Kirchner mehr als 80 Stapler-Monteure, Verwaltungs­mitarbeiter und Kundenberater in der Zentrale in Bad Langensalza, in fünf Niederlassungen und in weiteren fünf Service-Stützpunkten. Ihre Firma verkauft, vermietet und wartet neue und gebrauchte Gabelstapler in einem Bereitschaftsdienst rund um die Uhr.

„Ich hab mich von der Unternehmerin wider Willen zur Unternehmerin aus Leidenschaft verwandelt. Früher hatte ich immer den Worst Case vor Augen und war eigentlich vorsichtig. Für das Risiko war immer mein Mann zuständig. Heute kann ich Situationen viel besser abschätzen. Im Laufe der Jahre wurde ich mit den Erfolgen wesentlich mutiger.“

Nach der Arbeit fährt Hannelore Kirchner zurück in ihr kleines Häuschen in Gierstädt. Erhobenen Hauptes und stolz über das Erreichte kann sie durch den kleinen Ort flanieren, der ihre Heimat ist.

Bildnachweis: Alexander Volkmann/Thüringer Allgemeine (2), sihuo0860371/Getty Images

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