Interview

„Transformation ist mehr als Change“

Die Welt verändert sich, kommen Unternehmen da überhaupt noch mit?
Die aktuelle Veränderungsgeschwindigkeit ist in der Tat enorm hoch. Zahlreiche Unternehmen haben intern noch nicht die Kapazitäten aufgebaut, um sich mit den Veränderungen und neuen Technologien so auseinanderzusetzen, wie es erforderlich wäre. Eine Reise ins Silicon Valley reicht da nicht, sondern es braucht als Erstes die Aufmerksamkeit des Vorstandes sowie ein entsprechendes Budget und den Blick dafür, welche Technologie sich wie auf das Geschäftsmodell auswirken kann. Diejenigen Firmen, die das Tempo mitgehen, richten oft ein neues Ressort dafür ein, wie den Chief Digital Officer, der sich damit gezielt auseinandersetzt. Werden diese Kapazitäten nicht geschaffen, ist das ein Indiz dafür, dass die Unternehmen bald den Anschluss verlieren werden.

Wie viel Radikalität verträgt ein Unternehmen?
Was gerade passiert, ist nicht mehr inkrementell, das ist schon eine Revolution. Gerade wenn ein Unternehmen heute marktführend ist, muss es in der Lage sein, sich und sein Geschäftsmodell infrage zu stellen. Unternehmen, die eine ausgeprägte Innovationskultur haben, tun sich da leichter. Veränderungsprozesse anzustoßen, ist hier das wesentliche Moment. Bei kleineren Unternehmen vollzieht sich die Radikalität am deutlichsten, die sind agiler. Wichtig ist, zu erkennen: Transformation ist mehr als Change und erfordert eine gelebte Kultur des Ausprobierens. Statt Risikoscheu braucht es Mut. Das heißt auch, dass Unternehmen intern sehr früh kommunizieren, dass sich etwas ändern wird. Davon ist abhängig, wie das Unternehmen die Transformation meistert.

Brauchen Unternehmen für diesen Weg andere Manager?
In Zeiten der digitalen Transformation gilt ein Grundsatz mehr denn je: Ein Unternehmer muss radikal denken, sonst wird er sich nicht durchsetzen. Und in den Teams vom Vorstand bis in die einzelnen Bereiche benötigt es künftig noch mehr mutige Typen. Wer Technologieverständnis mitbringt, ist im Vorteil. Der Wille, etwas auszuprobieren und lange Zyklen zu verlassen, mit Kunden gemeinsam Dinge zu entwickeln, steht im Vordergrund. Man muss sich heute mit dem Kunden eng vernetzen.

Wie können Unternehmen rechtzeitig erkennen, dass sich Kundengewohnheiten ändern?
Das ist eigentlich kein Hexenwerk, die Technologien dafür stehen zur Verfügung. Es beginnt mit der Auswertung der Kundendaten, die in großer Menge vorliegen. Und wie gesagt, die Kunden intensiv einbinden in die Entwicklung, in Tests. Diese sind meist sehr gerne bereit dazu. Das erfordert aber neben dem Umdenken in der Entwicklungsabteilung ein mutiges und offenes Vorgehen, auch herkömmliche Arbeitsweisen und Prozesse zu hinterfragen, und eben den regelmäßigen Austausch mit den Kunden. Unternehmen müssen lernen, sich in jeder Phase der Entwicklung selbst infrage zu stellen und sogar Zwischenergebnisse mit den Kunden zu diskutieren. Direkt eine hundertprozentige Lösung zu präsentieren, wie es beim deutschen Ingenieur früher üblich war, ist nicht mehr angesagt.

Welchen Vorteil bietet Unternehmensgröße heute noch in Bezug auf die Transformation von Geschäftsmodellen?
Kleine Unternehmen sind schon superschnell – wer 50–100 Mitarbeiter hat und nur ein Thema verfolgt, ist von Haus aus agil. Aber auch große Unternehmen haben dazu genügend Möglichkeiten. Sie können Kapazitäten einsetzen, um neue Entwicklungen anzustoßen. Je größer Unternehmen sind, desto besser sind die Optionen, sich mit zahlreichen Themen der Veränderung und neuen Technologien auseinanderzusetzen und auch ein Technologie-Scouting zu betreiben. Problematisch sind die großen Unternehmen, die sich nur en passant mit der Digitalisierung befassen. Die werden überrascht werden von der Entwicklung. Das betrifft leider noch immer einen großen Teil des Mittelstandes, der sich nur neben dem Tagesgeschäft damit befasst und intern keine Treiber aufgebaut hat, die die Umsetzung auch organisatorisch umsetzen.

Durch das Aufkommen von Kommunikations- und Computer­technologie haben sich strategische Vorteile verschoben. Wie können Unternehmen das für sich nutzen?
Anders als früher ist Technologie für fast alle verwendbar, und vieles ist als Open Source verfügbar. Dadurch sinken in vielen Branchen die Eintrittsbarrieren für neue Player. Aber die Unternehmen müssen sich auch mit den Möglichkeiten der neuen Technologien auseinandersetzen. Da müssen sehr schnell Experten an Bord geholt werden, die sich zum Beispiel mit Algorithmen auskennen, ein digitales Ökosystem aufbauen und den Vertrieb revolutionieren.

Wie können Unternehmen den Netzwerkeffekt für sich nutzen, der durch Plattformunternehmen wie Google, Apple und Facebook entstanden ist?
Unternehmen sind durch die neuen Plattformen in der Lage, ihre Geschäftsmodelle sehr schnell zu skalieren. Dazu braucht es gezielten Aufbau und Entwicklung von Partnerschaften, um insbesondere deren Plattformen beispielsweise für den Vertrieb zu nutzen. Der Aufbau eines Partnernetzwerks ist eine arbeitsintensive Anforderung. Es reicht nicht aus, ein solches Ökosystem aufzubauen, es muss auch aktiv gemanagt und weiterentwickelt werden.

Gibt es „Tipping Points“, Wendepunkte, nach denen eine Veränderung nur mit Schwierigkeiten oder Verlusten möglich ist?
Wir erleben ja bereits, dass ganze Branchen aus dem Markt gedrückt werden, etwa im Handel. Da sehen wir jede Woche Insolvenzen von Unternehmen, die gestandene Geschäftsmodelle ungerührt weiterführen, statt sich rechtzeitig mutig infrage zu stellen. Die haben den Punkt verpasst und verschwinden für immer.

Wie verändert die Digitalisierung das Beratungsgeschäft?
Unsere Kunden hinterfragen das Thema Mehrwert in der Beratung im Moment brutal. Die Radikalität der Veränderung ist schon beeindruckend. Unsere Kunden wollen von uns wissen, wie sie ihre Daten intelligent nutzen können, wie neue Technologien, wie etwa künstliche Intelligenz, sich auf ihre Geschäftsmodelle und Strategien auswirken. Sie erwarten, dass wir sie bei der Umsetzung unterstützen. Die Anforderung an uns lautet: „Show, don’t tell“. Wer dies nicht liefern kann, verliert an Relevanz am Markt.

Bildnachweis: PwC

Newsletter abonnieren

Mit dem Newsletter verpassen Sie keine Ausgabe der next: Das Magazin für Vorausdenker

Anmelden
Experten kontaktieren

Sie haben Fragen oder möchten mit einem unserer Experten zu diesem Thema sprechen? Melden Sie sich gerne bei uns.

Kontaktieren
Diesen Beitrag teilen

Hier können Sie den Beitrag über soziale Medien teilen.

Teilen