Den Augenblick erschaffen

Der Mensch ist nur die Individuation, die er wagt. Wenn er außerhalb dieses Wagnisses bleibt, verliert er den Zugang zu seiner eigenen Menschlichkeit. Sich selbst zu erkennen, ist vor allem eine Frage des richtigen Zeitpunkts. Von Cynthia Fleury

Der Mut ist das erste Werkzeug zum Schutz des Individuums. Sich schützen, sich selbst bewahren, anstatt zu befehlen. Auf kollektiver Ebene ist die Definition des Mutes noch gewöhnlicher: nicht sich auszeichnen, um zu leiten, sondern das Bewusstsein und die Beherrschung der gemeinsamen – nicht notwendigerweise konsensuellen –, guten Regierungsweise vertiefen. Der Dissens ist auch ein Moment des Gemeinschaftlichen. Der Mut wird somit zu einem der großen Werkzeuge der demokratischen Regulierung, das die parrhesia ebenso wie die common decency begründet. Sein erster Akt ist die ganz stille Forderung der Unersetzbarkeit des Subjekts. Wir sind nicht ersetzbar. Der Rechts­staat ist nichts ohne die Unersetzbarkeit der Individuen. Es gilt hier zu verstehen, wie das Individuum, so verschrien es auch sei, die Demokratie vor ihrem entropischen Abgleiten bewahrt.

Es muss jedoch noch verstanden werden, was „Individuum“ bedeutet. Die Formel des delphischen Orakels, „Erkenne dich selbst“, kann man in einer vielleicht noch dynamischeren Version verstehen, insofern es sich der Singularität des Vergegenwärtigungsakts hier und jetzt aussetzt. „Verpassen Sie nicht Ihren einzigen Frühlingsmorgen“, schreibt Vladimir Jankélévitch, die Formel von Pittakos aufgreifend: „Erkenne den rechten Zeitpunkt“ (kairon gnōthi). Es bezeichnet den Pakt, den die Philosophie mit dem Leben, mehr noch als mit der Erkenntnis, geschlossen hat. Der zu ergreifende Augenblick ist die ethische Verpflichtung des Engagements für den Menschen. Es genügt nicht, ihn zu erhoffen.

Man muss ihn erschaffen. Der Augenblick fehlt von Natur aus. Er wiederholt unsere anfängliche Geschichte des „Erkenne dich selbst“, die unser Ungenügen besiegelt. Die Gelegenheit liegt am Wegrand.

Erkennen erfordert den Durchgang durch die pronominale Form, um als solches zu geschehen. Es gibt keinen Zugang zur Erkenntnis für denjenigen, der nicht bereit ist für die Innenschau und also für die Veränderung. Was Pittakos’ Maxime direkter noch als die delphische Maxime lehrt, ist die Erfahrung der Zeit. Der Anteil des Realen, den der zweite Spruch theoretischer macht, ist die Begegnung mit dem Begriff der Zeit und mit ihrer Unerbittlichkeit. „Die Zeit ist in derselben Weise unumkehrbar, wie der Mensch frei ist.“

Anders gesagt, die Zeit öffnet sich gerade auf die Notwendigkeit der Individuation. Die Zeit wird ihren Sinn nur demjenigen preisgeben, der die Arbeit der Individuation verfolgt. Diese Arbeit macht seine ganze Freiheit aus. Während der Raum die Illusion geben kann, wahrhafte Freiheit zu bieten hinsichtlich der Frage, „wie“ das Individuum leben will, hier oder da, liefert die Zeit, insofern sie unumkehrbar ist, keine solche Illusion. Die Zeit geht immer richtig, selbst wenn sie umgekehrt ist, wenn das Werden gegen die Zeit rückwärts zu gehen scheint.

Eine Freiheit, die den rechten Zeitpunkt nicht ergreift, ist eine verschwundene, letztlich fehlende Freiheit. Andere Gelegenheiten werden sich zwar anbieten, doch niemals ähnliche. Die Unumkehr­barkeit der Zeit verleiht der Individuation des Menschen somit ihre Dimension der Unumkehrbarkeit. Nicht den rechten Zeitpunkt ergreifen, um sich auf den Weg zu sich selbst zu machen, nicht das „Erkenne den rechten Zeitpunkt“ mit dem „Erkenne dich selbst“* zu verbinden, bedeutet, die Möglichkeit der Individuation zu verpassen, sie für eine noch unwahrscheinlichere aufzuschieben.

Die Begegnungen mit sich selbst sind selten. Sie sind keineswegs von der Art eines Startschusses. Den rechten Zeitpunkt zu erkennen, heißt, die Notwendigkeit der Begegnung mit dem eigenen Begehren, das den Gipfeln fremd ist, zur Kenntnis zu nehmen. Es gibt keinen Zeitpunkt, den man ergreifen muss oder verpassen kann, sondern es gilt, die Bedeutungsschwere dessen zu begreifen, was der Augenblick enthält, nämlich die Dynamik der Individuation.

Der Mensch ist gänzlich Werden und nur das; und da das Werden selbst gänzlich Unumkehrbarkeit ist, folgt daraus, dass der ganze Mensch gänzlich Unumkehrbarkeit ist. Der Mensch ist nur die Individuation, die er wagt. Wenn er außerhalb dieses Wagnisses bleibt, verliert er den Zugang zu seiner eigenen Menschlichkeit. Das „Erkenne den rechten Zeitpunkt“ bildet die empirische, vorausschauende Wahrheit des „Erkenne dich selbst“. So, als handelte es sich darum, sich voraus zu sein, um die Erkenntnis herbeizuführen, und nicht in passiver Erwartung zu verharren; das Empfangen ist ferner eine aktive Erwartung der Erkenntnis.

Doch der andere Name der Individuation ist der Einsatz, das Handeln aus persönlicher Einbindung. Man versteht das Wesen der Zeit, wenn man einen Schritt zur Individuation hin macht, indem man zur Kenntnis nimmt, welche Gegenwart das Individuum der Welt schuldig ist. Diese Gegenwart hat nichts Außergewöhnliches. „Vorausgehen“, das könnte die Lebensweisheit sein, nicht im Sinne der Verneinung der Vergangenheit, sondern im Sinne einer Entfaltung des Werdens, das man unabänderlich ist.

Nicht den Individuationsprozess bremsen; die Handlungsmaxime scheint fast tautologisch: nicht das Unmögliche tun, sondern „das zu tun wagen, was man tatsächlich tun kann“. Diese einfache Handlung erfordert den Mut der Individuation, einen Mut, der sie nicht zu einem bloß rhetorischen Projekt macht. Das wahrhafte Handeln verleiht der Zeit Bestimmung, die sie für den Menschen haben muss, einer Zeit, die einen Teil der Individuation geschehen lässt. In dieser Herausforderung liegt nichts Außergewöhnliches.

Und doch ist dieser Kampf um das Geschehen dieser Zeit nicht von vornherein gewonnen. Diese Zeit, in der das Eigene des Menschen sich bestimmt, ist keineswegs an sich selten. Doch sie ist Gegenstand der Macht schlechthin, sie wird von der Herrschaft in Beschlag genommen, um gerade die Möglichkeitsbedingung einer Individuation, die diesen Namen verdient, für sich zu beanspruchen. Seneca empfiehlt uns, unsere Tage zu zählen, um den Wert der Unumkehrbarkeit und ihrer Anregung zu persönlichem Einsatz zu verstehen. Diese ganze Zeit müsste man für die Dekonstruktion der Macht aufwenden und dadurch für das Geschehen dieser Arbeit, die die Freiheit ist. Diese Zeit ist die Zeit der „scholé“, jene unschätzbare Zeit der Muße zum Studieren. Der unschätzbare Preis dieser Zeit macht den ganzen Wert und die Begehrlichkeit jener aus, die der Illusion unterliegen, mächtig zu sein, und diese Illusion gerade durch die Erschleichung der Zeit aufrechterhalten möchten. Die Zeit, der Sitz des Unumkehrbaren, enthält die Keime der Unersetzbarkeit. Ihre Möglichkeit zu verleugnen, bedeutet, den Individuationsprozess zu bremsen, das Individuum selbst zu spalten, es irregehen zu lassen, bevor man versucht, es zu einer von keiner Irrfahrt gestörten Maschine zu machen.

Über die AutorinDie Philosophin und Psychoanalytikerin Cynthia Fleury, geboren 1974, lehrt als Associate Professor Politische Philosophie an der American University of Paris. Ihr aktuelles Buch „Die Unersetzbaren“ (Passagen Verlag) steht in der Reihe ihrer Arbeiten über die Unersetzbarkeit des Individuums in der demokratischen Regulierung, einer Arbeit, die am Kreuzungspunkt zwischen politischer Philosophie und Psychoanalyse steht und immer das Individuum mit dem Kollektiv verbindet.