Interview

„Die entscheidende Frage lautet: Wollen die Menschen das?“

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Die künstliche Intelligenz wird in den kommenden Jahren viele Branchen verändern.
Davon bin ich fest überzeugt. Wir haben jüngst auf europäischer Ebene eine große Studie zu dem Thema veröffentlicht. Sie zeigt, dass der großflächige Einsatz von künstlicher Intelligenz (KI) in der Medizin in den nächsten Jahren dazu führen könnte, schwere Krankheiten wesentlich früher zu erkennen und Millionen von Menschen besser zu therapieren.

Gibt es bereits konkrete Beispiele?
Erste klinische Studien deuten bereits das enorme Potenzial an, das in KI-basierten Diagnose- und Therapieverfahren liegt. Ein Beispiel sind Demenzerkrankungen. Hier zeigt eine Pilot-studie aus den Niederlanden, dass sich Künstliche-Intelligenz-Verfahren sehr sinnvoll mit herkömmlichen Diagnosemethoden wie der Magnetresonanztomografie (MRT) kombinieren lassen. Auf diese Weise wurden Alzheimer-Erkrankungen in einem sehr frühen Stadium mit einer Genauigkeit von 82 bis 90 Prozent festgestellt. Wenn sich dieses Ergebnis bestätigen sollte, wäre das ein gewaltiger Fortschritt bei der Früherkennung von Demenz.

Was ist mit den Kosten? Die neuen Verfahren gehen vermutlich mit weiter steigenden Gesundheitsausgaben einher …
Nein, eben nicht. Unsere Erwartung ist, dass neue Technologien wie künstliche Intelligenz, Big Data oder Machine Learning die Medizin nicht nur besser, sondern auch wieder bezahlbar machen. Denn: Teure Fehldiagnosen dürften seltener werden, genauso wie Behandlungsfehler oder fehlgeschlagene Therapien. Zudem werden Computer und Roboter den Ärzten viele Aufgaben abnehmen – dadurch ergeben sich Skaleneffekte, wie sie in anderen Branchen vollkommen üblich sind. Unsere Studie kam dementsprechend zu dem Schluss, dass die Gesundheitskosten in der EU durch den Einsatz künstlicher Intelligenz binnen zehn Jahren zusammengerechnet um eine dreistellige Milliardensumme gesenkt werden könnten.

Was sind die Voraussetzungen dafür?
Wir stehen vor einem extrem komplexen Prozess, denn die technische Dimension ist nur das eine. Hinzu kommen rechtliche Fragen: Was ist mit dem Datenschutz? Wie muss sich die Regulatorik anpassen? Außerdem kommen finanzielle Gesichtspunkte ins Spiel. Schließlich sind die prognostizierten Einsparungen zunächst einmal an beträchtliche Investitionen geknüpft, etwa für den Aufbau der notwendigen Datenbanken. Und dann haben wir die vierte und vielleicht wichtigste Komponente: die psychologische Dimension. Die entscheidende Frage lautet: Wollen die Menschen das? Künstliche Intelligenz wird in Verbindung mit anderen technologischen Entwicklungen zu völlig neuen Therapieverfahren führen. Noch ist unklar, wie weit die Patienten bereit sind, sich darauf einzulassen.

Gibt es auch hierzu schon Erkenntnisse?
Ja. Für eine weitere Studie haben wir rund 11.000 Menschen weltweit – darunter gut 2.000 aus Deutschland – mit pro­vokanten Fragen konfrontiert wie „Wären Sie bereit, sich von einem Roboter operieren zu lassen?“. Dabei zeigte sich, dass viele Menschen trotz der bewusst zugespitzten Szenarien bemerkenswert offen für das Thema sind. So können sich 41 Prozent der Deutschen vorstellen, eines Tages im Krankheitsfall anstelle des menschlichen Arztes einen „Robo-Doktor“ zu konsultieren.

Wenn solche Szenarien eines Tages realistisch werden – dürfte die Zustimmung dann eher steigen oder sinken?
Ich vermute, sie wird steigen. Bei unserer Umfrage haben wir gemerkt, dass die Zustimmungswerte immer dann besonders hoch ausfielen, wenn wir in unsere Fragen konkrete Anwendungsfälle einbezogen haben. Und was ebenfalls auffiel: In den ostdeutschen Bundesländern waren die Zustimmungswerte durchweg etwas höher als im Westen, besonders in Mecklenburg-Vorpommern. Das dürfte damit zusammenhängen, dass dort der Zugang zu medizinischen Leistungen aufgrund der geringen Bevölkerungsdichte erschwert ist. Unser Eindruck ist: Wenn die Menschen den technologischen Fortschritt mit konkreten Erleichterungen für sich selber ver­binden, steigt die Akzeptanz ganz automatisch.

Bildnachweis: PWC

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