Interview

„Andere Länder sind wesentlich weiter“

Zur Person Prof. Dr. Philipp Sandner

Prof. Dr. Philipp Sandner leitet das im Februar dieses Jahres ins Leben gerufene Frankfurt School Blockchain Center an der Frankfurt School of Finance & Management. Das Institut ist deutschlandweit Vorreiter bei der Analyse der Auswirkungen der Blockchain-Technologie für Unternehmen und Wirtschaft und sieht sich als Plattform zum Wissensaustausch für Ent­scheidungsträger, Start-ups, Technologie- und Indus­trie­experten. Der promovierte Betriebswirt Sandner ist Mitglied im FinTechRat des Bundesministeriums der Finanzen.

Wie disruptiv wirkt die Blockchain für etablierte Unternehmen?
Blockchain hat ein revolutionäres Potenzial, um Geschäfts­prozesse und ganze Geschäftsmodelle zu verändern. Gefühlt ist dabei die Finanzbranche am weitesten, aber auch Unternehmen in anderen Sektoren sind sehr aktiv. Spannend wird es zum Beispiel in der Mobilität, wenn es um Blockchain-Anwendungen beim autonomen Fahren oder um den Einsatz von Drohnen geht, etwa um automatische Zahlungsprozesse abzuwickeln. Ein weites Feld bieten auch das Internet der Dinge und die Digitalisierung der Industrieproduktion, ebenso Energieversorgung und mit einiger Verspätung die Gesundheitsversorgung und die öffentliche Verwaltung. Die Blockchain-Technologie erlaubt hier auch die Koordination von Akteuren – Mensch und Maschine – auf eine bisher unbekannte dezentrale Weise.

An welche konkreten Beispiele denken Sie dabei?
In der Energieversorgung ist Blockchain in der Lage, die Struk­turen in lokalen Verbrauchermärkten abzubilden. In einem Häuserblock sind das die Anzahl der Produzenten von Solar- und Windstrom mit ihren Kapazitäten. Wird auf politischer Seite in Zukunft der Strompreis pro Kilowattstunde flexibilisiert, kann die Blockchain-Technologie sicherstellen, dass sich aus Angebot und Nachfrage ein angepasster Strompreis entwickelt. Oder nehmen wir die Autoindustrie. Hier entwickelt unser Blockchain Center gerade zusammen mit einem Zulieferer einen Prototyp, bei dem das Auto über ein eigenes Budget gesteuert und per Smart Contract über das Smartphone freigeschaltet wird. Genau zu diesem Zeitpunkt werden die Rechte zum Zugriff auf das Auto und damit auch Zahlungen transferiert – und möglicherweise auch Versicherungen.

Wo steht Deutschland bei der Blockchain im internationalen Vergleich?
Wichtig ist, dass Blockchain-Architekturen international standardisiert werden. Ansonsten funktionieren internationale Zahlungen schon heute günstiger und schneller mittels der Kryptowährung Bitcoin mit ihren transparenten Strukturen. Mit dem entsprechenden Willen von der Politik lassen sich in der öffentlichen Verwaltung vereinheitlichte Prozesse sehr gut über die Blockchain abbilden. Andere Länder sind wesentlich weiter als Deutschland, was die regulatorischen und politischen Rahmenbedingungen, aber auch finanzielle Förderung von Blockchain-Technologien angeht, zum Beispiel Schweden, die Schweiz oder die Vereinigten Arabischen Emirate. In Dubai wird die öffentliche Verwaltung auf Blockchain umgestellt, und in der Schweiz schafft die Politik Anreize für die Ansiedlung von Blockchain-Start-ups. Hierzulande setze ich darauf, dass der im Juni gegründete Bundesverband Blockchain als Sprachrohr und Plattform das Bewusstsein für Neuerungen besser verankern wird.

Bildnachweis: PR

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