Interview

Stilvoll dank Bauch

Ein Geistesblitz ist ein außergewöhnliches Erlebnis. Plötzlich passt alles zusammen, so als würde man ein Puzzle nicht Stück für Stück lösen, sondern alle Teile auf einmal legen. Passiert dabei im Gehirn auch Außergewöhnliches?
Ja und nein. Chemisch ändert sich in diesen Momenten nichts, es gibt keinen speziellen Geistesblitz-Botenstoff. Und es gibt auch keine spezielle Kreativitätsregion im Gehirn, die dann besonders intensiv arbeitet. Was es hingegen gibt, ist eine andere Intensität der Kommunikation im Gehirn. Kurz vor einem Geistesblitz oder Aha-Effekt nimmt das Gehirn einen besonderen Erregungszustand an, der Austausch zwischen den Nervenzellen nimmt an Intensität und Frequenz deutlich zu, es wird sozusagen hyperaktiv.

Henning Beck: Irren ist nützlich. Warum die Schwächen des Gehirns unsere Stärken sind; Hanser, 2017. Der Autor erklärt seit 2011 als Science Slammer mit seinem Vortrag „Wie das Gehirn Geistesblitze beschleunigt“ komplexe Wissenschaft unterhaltsam und verständlich.

Henning Beck: Irren ist nützlich. Warum die Schwächen des Gehirns unsere Stärken sind; Hanser, 2017. Der Autor erklärt seit 2011 als Science Slammer mit seinem Vortrag „Wie das Gehirn Geistesblitze beschleunigt“ komplexe Wissenschaft unterhaltsam und verständlich.

Das Gehirn weiß also schon, dass ich gleich einen Geistesblitz haben werde, nur ich noch nicht?
Da bewegen wir uns im Sekundenbereich vor einem Geistesblitz, eher noch kürzer. In der Regel werden dabei Informationen, die wir zu einem Problem angehäuft haben, mit etwas aus einem ganz anderen Bereich kombiniert. Das Gehirn versucht ständig, Muster zu erkennen; und wenn sich Muster aus verschiedenen Bereichen übereinanderlegen und damit eine Problemlösung verbunden ist, geht es sozusagen viral.

Wie bei einem Witz? Das Gehirn erkennt erst die Pointe und lässt uns dann lachen?
Der Witz ist ein guter Vergleich. Er zeichnet sich ja dadurch aus, dass die Pointe eine Erwartung bricht. Das macht das Gehirn neugierig, es wird angefixt. Und das Brechen von Erwartetem, von Eingefahrenem ist ein typisches Merkmal von Kreativität.

Sind wir Menschen eigentlich die einzigen Lebewesen, die Geistesblitze erleben?
Schwer zu sagen. Kreativität lässt sich nicht mit einer Skala messen und schon gar nicht zwischen verschiedenen Lebewesen vergleichen. Wenn ein Schimpanse auf die Idee kommt, ein neues Werkzeug zu verwenden, wissen wir nicht, ob in seinem Gehirn das Gleiche passiert wie bei uns. Allerdings fehlt es bei ihm an der Lust am Regelbruch, die menschliche Kreativität so besonders macht.

Können wir Geistesblitze fördern? Mit einer Pille oder einem Stromstoß zum Beispiel?
Ich würde Ihnen da lieber harmlosere Möglichkeiten vorschlagen. Man kann Ideen nicht produzieren – aber man kann sie anlocken. Dafür gibt es drei Mittel. Erstens: Ideen kommen, wenn das Problem gut erfasst ist. Oft wird versucht, gleich die Antwort, die Lösung zu finden – das Gehirn arbeitet aber viel besser, wenn vorher die Frage richtig gestellt wird. Zweitens: Bei Personen, die besonders viele gute Ideen haben, beobachtet man oft einen Wechsel von Anspannung zu Entspannung. Die Pause ist extrem wichtig für den kreativen Prozess: eine Runde um den Block drehen, Sport machen, duschen, Geschirr spülen.

Die Idee kommt nicht am Schreibtisch?
Fast nie. Deshalb sollten Sie sich angewöhnen, die Pause als Teil der Arbeitszeit zu sehen. Solche Rhythmen zwischen Anspannung und Entspannung zeichnen erfolgreiche und innovative Unternehmen aus. Und drittens gilt: sich in andere Perspektiven versetzen. Für Geistesblitze ist es wichtig, sich auch einmal aus seiner Filterblase herauszubewegen.

Und wo bekommen Sie Ihre Geistesblitze?
Auf dem Rennrad. Erst schaufle ich mir Informationen ein, und dann raus aufs Rad. Klappt hervorragend – probieren Sie’s doch auch mal!

Bildnachweis: PR(2)

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