Interview

„Der Rückzug ins Nationale nimmt zu“

Der „PwC Global CEO Survey“ wird traditionell beim Weltwirtschaftsforum in Davos präsentiert. Welche Eindrücke haben Sie dieses Jahr von dort mitgebracht?
Die beherrschenden Themen in Davos waren in diesem Jahr der Amtsantritt von Donald Trump, der Brexit und Chinas künftige Rolle in der Weltwirtschaft. Denn mit ihnen könnten Umbrüche in den internationalen Beziehungen einhergehen. Dementsprechend war die Sorge der Vorstandschefs über geopolitische Unsicherheiten, Protektionismus und die Zukunft der Eurozone deutlich zu spüren und spiegelt sich auch in den Ergebnissen des diesjährigen PwC Global CEO Survey wider. Insbesondere die deutschen Firmenlenker zeigen sich bei der Beurteilung der eigenen wirtschaftlichen Lage deutlich pessimistischer als ihre Kollegen weltweit. Dennoch empfehle ich Gelassenheit. Aus Sicht der Wirtschaft hat die Geschichte gezeigt, dass sich Unternehmen schnell auf große Herausforderungen einstellen können und innovativ sind, wenn es darum geht, neue Wege zu finden und entstehende Möglichkeiten zu nutzen.

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Während „Globalisierungskritiker“ früher vor allem auf Demonstrationen auftraten, sitzen sie heute in Parlamenten und Regierungen. Geht der jahrzehntelange Megatrend der Globalisierung zu Ende?
Durch die Globalisierung sind in den vergangenen zwei Jahrzehnten weltweit etwa 1 Milliarde Menschen aus tiefster Armut befreit worden. Die globalen Handelsströme haben sich vervierfacht, Kapitalströme verfünffacht. Dass freier Handel, und damit die internationale Arbeitsteilung, Wohlstand steigert, so wie es einst der Ökonom Adam Smith beschrieben hat, gilt auch heute noch. Richtig ist aber auch, dass die Globalisierung nicht in ausreichendem Maß zur Lösung fundamentaler gesellschaftlicher Probleme beigetragen hat. Weltweit sehen Firmenlenker die vermeintlich positiven Auswirkungen der Globalisierung auf die Schließung der Lücke zwischen Arm und Reich, die Fairness globalen Steuerwettbewerbs und die Bekämpfung von Klimawandel und Ressourcenknappheit zunehmend kritisch. In jüngster Zeit nimmt der Rückzug ins Nationale zu. Aus dem CEO Survey geht hervor, dass deutlich über die Hälfte der Befragten der These zustimmen, dass es schwerer wird, die richtige Balance zwischen freiem und offenem globalem Handel einerseits und zunehmender nationaler Abschottung andererseits zu finden.

Als der erste Global PwC CEO Survey vor 20 Jahren erschienen ist, gab es nicht einmal ein Smartphone. Mittlerweile treibt der technische Fortschritt einen rasanten Strukturwandel voran. Was würden Sie Menschen antworten, die befürchten, dass die Digitalisierung mehr Arbeitsplätze kostet als neue schafft?
Dass die Digitalisierung per se nicht zu mehr Arbeitslosigkeit führen wird. Das zeigt die aktuelle Demografie-Studie, die PwC zusammen mit dem Darmstädter Wirtschaftsinstitut WifOR veröffentlicht hat. Denn um herauszufinden, ob in der Arbeitswelt der Zukunft noch Platz für den Menschen sein wird, muss man den demografischen Wandel unbedingt berücksichtigen. Unserem Arbeitsmarkt werden 2030 rund 3,5 Millionen Menschen weniger zur Verfügung stehen als heute. Der digitale Wandel und die damit verbundenen Produktivitätssteigerungen reichen nicht aus, um die Lücke zwischen Arbeitskräftenachfrage und -angebot zu schließen: Nur zwei von potenziell vier Millionen fehlenden Arbeitskräften könnten so kompensiert werden. Aber die Kenntnisse, die am Markt nachgefragt werden, werden dann schwerpunktmäßig höherwertige Tätigkeiten im Bereich der Naturwissenschaften sein. Diese Entwicklung müssen wir antizipieren und attraktive Ausbildungsangebote schaffen – das sehe ich durchaus als Aufgabe der Wirtschaft und der Politik in den kommenden Jahren.

Bildnachweis: Photolibrary Video/GettyImages, New York Times Co. /GettyImages, Creatas Video/GettyImages, The Lighthouse Film Company/GettyImages, Brian Jackson/alamy, PR

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