Interview

„Leiten ohne Korsett“

Bei den Berliner Philharmonikern spielen 128 Musiker. Was ist der Antrieb für sie, musikalische Spitzenleistungen für das Ensemble zu erbringen?
Diese Musiker spielen für einen Mythos und das vielleicht beste Orchester der Welt. Eine Motivation von außen ist bei diesen Künstlern nicht mehr notwendig. Sie haben in ihrer DNA verankert: Dort, wo ich jetzt bin, ist das Beste, und ich will meinen Teil zum Besten beitragen. Und an der Spitze steht eine Führungskraft, die ja von diesem Orchester selbst gewählt wird. Wir haben mit Simon Rattle einen Chefdirigenten, der eine natürliche Autorität hat wegen seiner grandiosen Musikalität, wegen seiner phänomenalen Repertoirebreite und wegen seiner präzisen Auffassung davon, was gespielt und wie es umgesetzt werden soll.

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Wie schafft man es, bei so einer Ansammlung von Einzel-Exzellenzen immer noch ein Stück besser zu werden, jede Interpretation eines Stücks neu zu gestalten, ihm Individualität und Großartigkeit zu verleihen?
Bei der gegenseitigen Verabredung zur Qualität ist die Kritikfähigkeit ein ganz wichtiges Kriterium. Wenn etwas schiefgeht, wird sofort darauf hingewiesen und korrigiert. Wer mit Kritik nicht umgehen kann, hat keinen Platz in einem Orchester, schon gar nicht in so einem. Aber hier dient die Kritik immer der Sache, der Musik, dem Klang. Und der Dirigent hat die große Aufgabe, einerseits ganz eindeutig zu führen, aber gleichzeitig loszulassen und jedem dieser hervorragenden Musiker den eigenen Raum zu lassen. Leiten ohne Korsett, Leiten in Freiheit und Bestimmtheit. Das ist ganz große Kunst und davon kann man viel lernen, auch in anderen Bereichen.

Sie selbst haben zuvor Management-Funktionen in der Unterhaltungsindustrie gehabt. Gibt es Parallelen zu ihrer heutigen Welt?
Ja und Nein. Hier sind wir ganz oben, bei SAT.1 waren wir es nicht. Wir wollten damals zum Marktführer aufschließen, Zuschaueranteile gewinnen, gutes Programm machen. Um so etwas zu erreichen, müssen sie ein Klima schaffen, in dem die Ziele persönlich vermittelt werden. Und man muss die Bedingungen schaffen, dass die Mitarbeiter bereit sind, diese Ziele auch zu ihren eigenen Zielen zu machen. Das schaffen Sie nicht über eine Leitbilddiskussion. Das hat mit offener Unternehmenskultur zu tun, mit Zuhören, mit Kritikfähigkeit und mit Stringenz in der Kommunikation. Die Ziele sind in jedem Unternehmen anders, aber für den Erfolg braucht man eine gemeinsame Verabredung, sonst funktioniert es nicht.

Bildnachweis: Alamy/Mauritius, Stefanie Herbst/Bild, Florian Bolk, Amin Akhtar

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