Interview

„Nicht an alten Modellen festhalten“

Was halten Sie von der Einrichtung der „Fuck Up Nights“?
Sich mit Fehlern konstruktiv auseinanderzusetzen, ist enorm wichtig. Es geht ja dabei nicht nur darum, Fehler aufzuzeigen, sondern zu lernen, wie man diese vermeiden kann, oder auch darum, Lernprozesse möglichst früh in der Wertschöpfung zu ermöglichen. In Deutschland haben wir immer noch diese Kultur, die Fehler bestraft und das fehlerfreie Arbeiten belohnt. Das verhindert Lernen. Die „Fuck Up Nights“ verändern das Paradigma ein wenig. Wir müssen lernen, dass es okay ist, Fehler zu machen. Der spielerische Umgang mit dieser Thematik bei den „Fuck Up Nights“ ist ein innovativer und sehr konstruktiver Ansatz.

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Warum wird die Fehlerkultur in den USA anders aufgenommen als in Deutschland?
Vielleicht hängt das immer noch ein wenig mit der Prangerkultur zusammen, die sich in Deutschland im Mittelalter verfestigt hat. Wir fühlen uns gut dabei, wenn wir, sobald etwas schiefläuft, erst mal klären können, wer Schuld hat. Dazu kommt diese Mentalität, überhaupt keine Fehler zu machen, deren Ursprung ich vor allem im starken Ingenieurwesen sehe. Der US-Ansatz ist da eher experimentell. Die fangen erst einmal an und fixen die Fehler dann auf dem Weg. Der deutsche Unternehmer plant eher im Vorfeld genau im Detail durch und legt dann los.

Wo liegen die Vor- und Nachteile beider Ansätze?
Beide Ansätze haben Vor- und Nachteile. Wichtig ist: Innovationszyklen werden immer kleiner, Planungsphasen verkürzen sich. Das spricht für eine Fehlerkultur, wie sie in den USA praktiziert wird. Ich muss flexibler werden, wenn ich neue Produkte und Dienstleistungen entwickle, auf Änderungen in Gesellschaft und Technologie schneller reagieren können, mir Fehler schneller eingestehen. Ansonsten laufe ich zu lange in die falsche Richtung. Wenn ich hingegen ein Atomkraftwerk bauen will, dann kann ein gründlicherer ‚deutscher Ansatz‘ auch mal ratsamer sein. Zu hohe Agilität führt da schnell zu Fehlinvestitionen. Das ist vielleicht auch ein Grund, warum das deutsche Ingenieurwesen noch heute in der ganzen Welt bestens angesehen ist.

Sind amerikanische Unternehmer lockerer im Umgang mit Niederlagen?
Ich glaube schon. In Deutschland gibt es immer noch den Analyse-Reflex. Wir schauen auf die Vergangenheit, analysieren, was gut und was schlecht war, und nutzen diese Kenntnis, um in die Zukunft zu blicken. Das hilft bei den technischen Innovationen, die gerade die Welt verändern, allerdings nicht. Die Amerikaner kennen diesen Analyse-Reflex nicht. Das liegt auch daran, dass die Unternehmenskultur oftmals wesentlich kurzlebiger ist als bei uns.

Wie amerikanisch sind deutsche Unternehmen heute im Hinblick auf die Fehlerkultur?
Die Grundströmungen kommen auch heute noch aus den USA, insbesondere das Silicon Valley ist hier ein starker Einflussfaktor. Der Umgang mit Innovation, der immer auch mit einem größeren Risiko verbunden ist, hat aber auch schon Einzug in die deutsche Unternehmenskultur erhalten.

Inwieweit beeinflusst die Digitalisierung der Wirtschaft auch die Unternehmens- und somit Fehlerkultur?
Es wird immer deutlicher, nicht zuletzt durch neue Business-Konzepte wie Uber und Airbnb, dass alte Erfolgsmodelle durch den Einsatz von Technologie bedroht werden. Die gesamte Wirtschaft ist von der Digitalisierung betroffen. Banken fragen sich, was sie heute noch für ihre Kunden tun können, in der Autoindustrie verändern sich auf der einen Seite die Kaufkraft der neuen jüngeren Klientel enorm, gleichzeitig aber auch die Bedeutung eines eigenen Autos in der Gesellschaft. Und selbstverständlich scheint die Technologie-Industrie durch Innovation immer wieder neu angetrieben zu werden. Fehler sind hier ein Teil der Kultur.

Können Konzepte wie die „Fuck Up Nights“ also auch unser gesamtes Sozialgefüge in Bezug auf Unternehmen verändern?
Die altgediente Stabilität im Job gibt es heute kaum noch. Die Amerikaner leben schon länger in einer flexibleren Arbeitswelt. In Deutschland merken wir allmählich, dass sich auch hier das Gefüge des „lebenslangen Arbeitsplatzes“ verändert. Vor allem junge Arbeitnehmer haben aber heute auch andere Ansprüche an ihre Arbeit. Attribute wie Flexibilität, Einklang von Beruf und Familie sind heute wichtiger. Ebenso eher sinngetriebene Faktoren, wie der Wunsch, einen Unterschied durch das jeweilige Tun auszumachen, müssen heute mit in Betracht gezogen werden, wenn es um neue Unternehmenskulturen geht.

Ist das ein Vorteil für die Wirtschaft?
Das kann es durchaus sein. Wir entfernen uns von dem Prinzip der Unkündbarkeit in Deutschland. Und das schon seit geraumer Zeit. Die lange Jahre gescholtene „Hire and Fire“-Mentalität der Amerikaner kann aber auch Vorteile mit sich bringen. Du bist flexibler, du hast nicht mehr die Ansprüche der ewigen Anstellung, und du findest schneller einen neuen Job, weil du merkst, dass Veränderung heute ganz normal ist. Deshalb halte ich die „Fuck Up Nights“ auch für eine gute Einrichtung. Durch sie lernen wir, dass wir nicht ständig an alten Modellen festhalten müssen.

Bildnachweis: Imgorthand/GettyImages, Johner Images/Walstrom Susanne/GettyImages, Johner Images/ Kindler Andreas/GettyImages, Roelf Bos/GettyImages, Creatas Video/GettyImages, Jeffrey Coolidge/GettyImages, PR

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