Interview

„Kontinuierlich an Verbesserungen arbeiten“

Deutsche Unternehmen investieren seit einigen Jahren massiv in Forschung und Entwicklung – warum eigentlich?
Aktueller Treiber ist die Digitalisierung. Sie ermöglicht neue Produkteigenschaften und Entwicklungsprozesse. Innovationszyklen werden kürzer, Modeerscheinungen müssen schneller aufgegriffen werden. Und Kunden, deren Präferenzen sich immer stärker ausdifferenzieren, werden heute viel früher bei der Optimierung der Produkteigenschaften und Spezifikationen eingebunden. Auf diese sehr dynamische Umgebung reagieren Unternehmen nicht zuletzt mit ihren F+E-Budgets.

Abbildung articles/forschung-for-future/teaser-interview-nils-naujok.jpg

Das meiste Geld nimmt nach wie vor die Automobilindustrie in die Hand. Woran liegt das?
Zum einen wird die Fertigung modularisierter und integrierter über die gesamte Lieferkette und Unternehmensgrenzen hinweg. Entwicklungsprozesse müssen heute auch immer stärker berücksichtigen, wie der Kunde mit einem Produkt umgeht, an welcher Stelle eine Software in der Bedienung noch zu optimieren ist. Auch die Integration von Social Media wird wichtiger. Der Hersteller muss heute wissen, wie der Kunde sein Produkt nutzt und was er darüber postet. Hinzu kommen die zunehmende Vernetzung der Autos, der Weg zum autonomen Fahren, intelligente Mobilitätskonzepte wie beispielsweise Carsharing – all das wird häufig in Allianzen mit anderen Anbietern bearbeitet und kostet Geld.

Woran forscht denn die Stahlindustrie – eigentlich eine Vertreterin der Old Economy – so emsig?
Stahl ist immer noch der wichtigste Werkstoff der Automobil­industrie, und diese ist die anspruchsvollste Branche für die Stahlproduzenten. Die zentrale Herausforderung ist, Stahl einerseits fester und gleichzeitig leichter formbar zu machen. Um diesen Widerspruch in der Materialentwicklung aufzulösen – also über entsprechende Legierungen Werkstoffeigenschaften zu verändern – müssen sich Stahlhersteller etwas einfallen lassen. Sie können heute nicht nur ihren Stahl verkaufen, sondern müssen im engen Dialog mit den Autoherstellern für bestimmte Kon­struktionsteile sogar ihre Produktionsprozesse anpassen – für ein optimales Schweißen und Umformen bis zum Beschichten beim Kunden. Da die europäischen Stahlhersteller noch einen tech­nologischen Vorsprung von rund fünf Jahren haben, können sie bis zu einem gewissen Grad auch den Druck durch Billig­importe abfedern. Aber der Werkstoff entwickelt sich weiter, und die Branche ist gut beraten, kontinuierlich an Verbesserungen zu arbeiten.

Was treibt Forscher und Entwickler in der Chemieindustrie in erster Linie um?
Die Unternehmen haben verstanden, dass sie nicht nur einfach ihre Chemikalien und Basisprodukte verkaufen können. Sie stecken beispielsweise viel Geld und Gehirnschmalz in die Frage, wie sich Kunststoff mit Stahl, Aluminium oder Glasfasern kombinieren lässt. Denn ihre Kunden – etwa in der Automobilindustrie – arbeiten immer häufiger mit Verbundwerkstoffen. Der Maschinenbau ist ebenfalls stark vom Export abhängig und muss sein Angebot schon deshalb up to date halten. Für Maschinenbauer spielen die Trends im Zusammenhang mit Industrie 4.0 und der Vernetzung mehrerer Anlagen eine wesentliche Rolle. Hier reicht es auch längst nicht mehr, nur die Anlage zu verkaufen. Abnehmer erwarten, dass der Hersteller den Zustand der Anlage kontinuierlich überwacht, also deren Instandhaltung mit übernimmt – und bei Bedarf schnell mit Ersatzteilen zur Hand ist.

Warum halten es viele Unternehmen für besonders charmant, F+E-Aufträge nicht inhouse zu erledigen, sondern an externe Dienstleister wie etwa Forschungseinrichtungen zu vergeben?
Das kann unter dem Aspekt der Ressourceneffizienz die richtige Entscheidung sein. Eine Entwicklungspartnerschaft geht ein Unternehmen für ein bestimmtes Projekt ein und kann sie auch wieder beenden – ohne auf den laufenden Kosten für einen großen F+E-Stab zu sitzen. Mit der Einbindung von Partnern entsteht häufig auch ein produktiveres Ökosystem. Man ist weniger betriebsblind und nutzt externe Technologiekompetenz. Das kann gerade bei disruptiven Trends – wie sie im Zuge der Digitalisierung zu beobachten sind – entscheidend für den Erfolg sein.

Großunternehmen haben die fetteren F+E-Etats. Hinkt der Mittelstand hinterher?
Es kommt weniger auf die absolute Höhe der F+E-Ausgaben an. Sie ist bei Großunternehmen naturgemäß höher als bei kleinen und mittleren Unternehmen. Entscheidend ist die Intensität, mit der geforscht und entwickelt wird. Dafür kommt es eher auf die F+E-Ausgaben in Prozent des Umsatzes an. Da fallen die Unterschiede nicht so gewaltig aus. Zentral ist, dass das Geld sinnvoll investiert wird. F+E-Themen müssen deshalb in den Unternehmen möglichst weit oben aufgehängt werden – beim CEO oder beim gesamten Vorstand beziehungsweise der Geschäftsführung.

Bildnachweis: BASF/PR, ADIDAS/PR, BAYER/PR, Julian Stratenschulte/Picture-Alliance, Herrenknecht/PR, Swelll/GettyImages, PR

Newsletter abonnieren

Mit dem Newsletter verpassen Sie keine Ausgabe der next: Das Magazin für Vorausdenker

Anmelden
Experten kontaktieren

Sie haben Fragen oder möchten mit einem unserer Experten zu diesem Thema sprechen? Melden Sie sich gerne bei uns.

Kontaktieren
Diesen Beitrag teilen

Hier können Sie den Beitrag über soziale Medien teilen.

Teilen