Interview

„Wurschtigkeit gibt Kraft“

Wodurch zeichnen sich nach Ihrer Forschungs- und Beraterpraxis Menschen aus, die über lange Zeitstrecken Spitzenleistungen erbringen?
Es sind zunächst einmal Menschen mit Gestaltungswillen, mit einem hohen Grad an Selbstbestimmung. Sie haben eine Vision, die sie verwirklichen wollen. Es sind erfolgreiche Unternehmer, Manager, Politiker, Künstler, Sportler, ihre Erfolge nähren weiteren Erfolg, verleihen Kraft und Energie. Sie ziehen dadurch Unterstützer an, die zusätzlich stärken. Aber natürlich spielen auch Disziplin, Stärke, Durchsetzungskraft, nicht zuletzt Eitelkeit eine ganz zentrale Rolle. Dazu ist Resilienz ganz wichtig. Das heißt, dass Niederlagen oder Misserfolge nicht als Scheitern erlebt werden, sondern als Chance, daran zu wachsen.

Abbildung articles/der-lange-atem/teaser-interview-dieter-frey.jpg

Stichwort „Unterstützer“: Damit meinen Sie sicher nicht jene Claqueure, die sich oft im Umfeld der Mächtigen tummeln?
Nein, sicher nicht – Claqueure sind da absolut kontraproduktiv. Man ist nur so gut wie sein Team, wie die Leute, die auch warnen und vorbauen, wenn sich Feinde, Neider, Intriganten zusammentun. Wer lange an der Macht bleibt, braucht dauernd Helfershelfer, Koalitionen und auch einen guten Instinkt, Gegner auszuschalten.

Letzteres kann man ja an Angela Merkel gut studieren, die seit Übernahme des Parteivorsitzes ganze Scharen von CDU-Granden aus dem Feld geschlagen hat.
Genau! Sonst hätte sie vielleicht politisch nicht überlebt! Jenseits solcher politisch-strategischen Absicherung braucht es aber doch auch körperliche und mentale Ressourcen, um solch außerordentliche Belastungen dauerhaft zu schultern. Aber sicher. Entscheidend ist, dass man abends abschalten kann, ruhig schlafen und damit auch eine gewisse Gelassenheit und Wurschtigkeit entwickeln kann. Das gibt Kraft. Das zeigen auch unsere eigenen Untersuchungen: Die Fähigkeit abzuschalten ist essenziell. Dabei muss jeder für sich schauen, bei welchen Kraftquellen er regelmäßig auftankt – Familie, Freunde, Sport, die schönen Künste oder was auch immer. Außerdem haben nach unseren Beobachtungen viele der Spitzenleister von Haus aus eine gute genetische Konstitution, sie sind sowohl emotional als auch körperlich ziemlich belastungsfähig.

Und wenn sie das, auch mal nur vorübergehend, nicht sind? So wie Hillary Clinton, die im US-Präsidentschaftswahlkampf öffentlich ins Straucheln geriet?
Schwäche in der Öffentlichkeit zu zeigen, ist durchaus problematisch, weil es überall Konkurrenten, Gegner oder Feinde gibt, die die nur darauf lauern, das auszuschlachten. Im kleinen Kreis darf und muss man schon Schwächen zeigen. Das steigert dann sogar die Autorität. Es ist ja nun genau das Problem von öffentlichen Personen, dass sie sich sehr schnell ein negatives öffentliches Image einhandeln können.

Nehmen wir mal Konrad Adenauer und Helmut Kohl oder auch Michael Frenzel und Wendelin Wiedeking. Kanzler und Konzernchefs, die sich über eineinhalb Jahrzehnte und mehr an der Spitze hielten, dann aber auf eher ruppige Art im übertragenen Sinne vom Hof gejagt wurden. Wie passiert so etwas?
Spitzenpositionen sind oft mit zwei Extremen verbunden, wie die Machtforschung zeigt. Im positiven Verlauf möchte der Machtinhaber die Zukunft gestalten, verliert dabei nie den Kontakt zur Basis und verändert seine Persönlichkeit nicht. Er bleibt sich selbst treu. Oft verändern sich aber Menschen, je länger sie an der Macht sind. Ins Negative kann Macht münden, wenn sich die machtausübende Person – Stichwort Claqueure – von potenziellen Nutznießern blenden lässt, den Kontakt zur Basis verliert und, teilweise einem gewissen Größenwahn verfallen, auch ihre Persönlichkeit bis hin zur Überzeugung der eigenen Unersetzlichkeit verändert. Letzteres kommt, wie das Ende vieler langjähriger Karrieren zeigt, gar nicht so selten vor.

Über Dieter Frey:
Dieter Frey (70) ist Professor für Psychologie und leitet das Center for Leadership and People Management an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Seit Jahrzehnten forscht und lehrt er über die Themen Führung, Motivation und Teamarbeit. Und er weiß aus eigenen Forschungs- und Beratungsprojekten, wie und warum sich Spitzenkräfte dauerhaft an der Spitze halten.

Bildnachweis: Dubber/Ullstein, Ute Grabowsky/GettyImages, David Hume Kennerly/GettyImages, Peter Bischoff/GettyImages(2), John MAcdougall/GettyImages, Gisela Schober/GettyImages, Unkel/Ullstein, Carsten Koall/GettyImages, Ulrich Baumgarten/GettyImages, Bloomberg/GettyImages, Steve Mack/GettyImages, snapshot-photography/Ullstein, Sunset Boulevard/GettyImages, Intertopics/ddp, Dieter Nagl/GettyImages, J.Countess/GettyImages, Frank Hoensch/GettyImages, Brill/Ullstein, Phil Inglis/GettyImages, Luciano Rossi/GettyImages, Dean Mouhtaropoulos/GettyImages, ASCS(4), ATP/Picture-Alliance, PR(2)

Newsletter abonnieren

Mit dem Newsletter verpassen Sie keine Ausgabe der next: Das Magazin für Vorausdenker

Anmelden
Feedback

Sie möchten uns Feedback zu diesem Beitrag geben? Wir freuen uns auf Ihre Rückmeldung.

Feedback
Diesen Beitrag teilen

Hier können Sie den Beitrag über soziale Medien teilen.

Teilen