Die Geheimniskrämer und der Schimmelpilz

Seine Produkte werden – laut Unternehmensangaben – in mehr als tausend Konsumgütern eingesetzt: in Fertiggerichten wie Quick-Lunch, Dr. Oetkers Rahm-Tortellini, Knorrs Hühnersuppe, Alete-Brei, in Brot, Rama-Margarine, Coca-Cola, Fanta und zahlreichen anderen Marken und Süßgetränken. Täglich konsumieren Millionen von Verbrauchern in mehr als 130 Ländern weltweit die Ingredienzien des Biotechnologie-Unternehmens in Lebensmitteln, Getränken, Reinigungsmitteln und Körperpflegeprodukten. Doch der Hersteller, die Schweizer Jungbunzlauer AG, dürfte den wenigsten ein Begriff sein. Wie auch? Das Unternehmen gehört zwar zu den weltweit führenden Herstellern von biologisch abbaubaren natürlichen Inhaltsstoffen, aber auch zu den verschwiegensten Firmen überhaupt. „Mehr als 700 Millionen Euro Umsatz mit 1.050 Mitarbeitern“ und „850 Millionen Euro Investitionen seit 2008“ in seinen Produktionsanlagen in Deutschland, Frankreich, Kanada und Österreich ist das Äußerste, was die Geheimniskrämer an wirtschaftlichen Daten kundtun.

Dabei ist das 1867 von Ignaz Lederer im böhmischen Jungbunzlau als Melasseproduzent gegründete Unternehmen schon 150 Jahre alt. Heute hat es sich auf die Herstellung von Zitronensäure, Xanthan, Gluconaten, Milchsäure, Mineralsalzen sowie Spezialitäten und Süßungsmittel spezialisiert. Die Produkte aus diesem breiten Portfolio werden in Lebensmitteln und Getränken eingesetzt, in der Pharma-, Kosmetik- und Waschmittelherstellung sowie in industriellen Anwendungen verwendet.

Die Zitronensäure gewinnt Jungbunzlauer aus einem speziell dressierten Pilz, dem „Aspergillus niger“. Den kennen viele Konsumenten eher aus der Dusche, er macht dort schwarze Schimmelflecken. Er ist hässlich, ungesund und eigentlich nutzlos. Dank Jungbunzlauer macht er sich aber nützlich und produziert in dessen Werken mehrere 100.000 Tonnen Zitronensäure im Jahr.

Der österreichische Multi-Unternehmer Karl Kahane hatte Jungbunzlauer im Jahr 1967 gekauft. Kahane war wirtschaftspolitischer Berater und enger Freund des langjährigen österreichischen Bundeskanzlers Bruno Kreisky. Sein inzwischen 61-jähriger Sohn Emil Alexander Kahane fungiert heute als Verwaltungsratschef einer Schweizer Holding, zu der unter anderem die Jungbunzlauer AG gehört, und ist Aufsichtsratsvorsitzender der Privatbank Gutmann am Wiener Schwarzenbergplatz, die auf Vermögensverwaltung für betuchte Kunden spezialisiert ist. „Seit einem halben Jahrhundert geheimnisumwittert, öffentlichkeitsscheu und diskret“, sind die Attribute, die Österreichs Medien der in Wien lebenden altehrwürdigen Industriellenfamilie Kahane zuschreibt. Die Schweizer Zeitschrift „Bilanz“ listet die Geheiminskrämer mit einem Vermögen von rund 2,5 Milliarden Euro auf Platz 71 der „300 Reichsten des Jahres 2016“.

Bildnachweis: Sebastian Kim, ALFRED PASIEKA/SCIENCE PHOTO LIBRARY/GettyImages, Science Source/GettyImages, Richard Levine/GettyImages, PatanjaliAyurved/PR(4), Zipline/PR(4), MagicLeap/PR(3)

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