Im Kollektiv

Es war am 15. März 2016 um genau 23.30 Uhr, als Hans-Otto Schrader auf der Online-Plattform Xing erklärte: „Warum ich meinen 54.000 Mitarbeitern das Du anbiete.“ Der Satz liest sich fast wie eine Drohung, soll aber als strategischer Kniff verstanden werden, um bei der Belegschaft des Otto-Versands in Hamburg eine radikale Verhaltensänderung zu erreichen.

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Die einen versuchen es mit der Aufhebung des Krawattenzwangs, die anderen mit der Abschaffung der höflich-distanzierten Anrede: Lockerheit, Jugendlichkeit, Kumpanei wird quasi von oben verordnet – gerne per E-Mail oder Intranet.

Otto-Chef Schrader ist da mit sich offenbar sehr zufrieden. „Hey, ich kann jetzt Hos zu dir sagen, cool! – Solche und ähnliche Sätze höre ich dieser Tage oft, wenn ich über die Flure der Otto Group am Hamburger Campus gehe“, behauptet Schrader auf Xing. Das Kürzel Hos sei aus seinen Initialen zusammengesetzt. Das Duzen im Unternehmen („natürlich freiwillig“) solle das Wir-Gefühl stärken. Es sei ein „verbaler Startschuss für den Kulturwandel 4.0“.

Klaus Gehrig, Chef der Schwartz-Gruppe (Lidl, Kaufland), fand wenig später, diese Idee sei auch was für ihn und seine 375.000 Mitarbeiter. Dass von Freiwilligkeit keine Rede sein kann, wird hier noch klarer als bei Otto, denn Gehrig ließ über die FAZ ausrichten: „Es gibt keinen Zwang. Aber klar ist: Wer sich nicht duzt, isoliert sich. Das sind nicht die Leute, die wir brauchen.“

„Das Du muss zur Unternehmenskultur passen“, wendet Tim Hagemann ein, Professor für Arbeitspsychologie an der Fachhochschule Diakonie in Bielefeld und bekennender Studenten-Siezer. In jungen Unternehmen oder Start-ups wirke das kollektive „Du“ freundschaftlich und motivierend. In gewachsenen Unternehmen oder Großkonzernen, die über Hierarchien organisiert sind, sei es gefährlich. „Wenn das Verhalten der Führungskraft nicht zu der assoziierten Vertraulichkeit der persönlichen Anrede passt, ist das Duzen sogar kontraproduktiv“, sagt Hagemann. Auch beim Überbringen schlechter Nachrichten oder – wie in seinem Fall als Professor – in Prüfungssituationen erleichtere das Sie den Umgang miteinander.

Auch ohne Anordnung vom Chef sind die Regeln beim Duzen und Siezen wohl nicht mehr so streng wie früher. Heute dürfe auch der Herr der Dame das Du anbieten, schreibt Agnes Jarosch, Vorsitzende des deutschen Knigge-Rats. Im Berufsleben müsse die hierarchisch höher stehende Person das Du vorschlagen oder, auf derselben Hierarchiestufe, die ältere.

Dass man ein angebotenes Du nicht ablehnen dürfe, verweist Jarosch ins Reich der Legende. Ihr Formulierungsvorschlag: „Ihr Angebot freut mich und ehrt mich sehr. Ich bitte Sie nur: Lassen Sie uns vorerst noch beim Sie bleiben. Ich hoffe, das ist so in Ordnung für Sie.“ Bislang ist nicht überliefert, wie viele solch höfliche Antworten „Hos“ in seinem E-Mail-Postfach vorgefunden hat.

Bildnachweis: Apic/Kontributor/Getty Images

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