Metamorphose des Wirtschaftsprüfers

Für viele Betrachter haben Wirtschaftsprüfung und Technologie auf den ersten Blick nicht viel gemein. Die Gründe hierfür sind vielschichtig. Technologie wird mit Unternehmen wie Google und Apple assoziiert, die weitverbreitete neue Produkte wie iPhones und Apps anbieten. Verglichen damit werden technische Innovationen unserer Tage und die Wirtschaftsprüfung, die aus den 1930er-Jahren kommt, eher selten in Zusammenhang gebracht. Wirtschaftsprüfung wird vielmehr mit dem Expertenwissen im Bereich der Rechnungslegung verbunden. Denn nach außen wird nur selten darüber berichtet, wie sie tatsächlich durchgeführt wird. Zumindest für den externen Betrachter sieht es deshalb so aus, als würden die Wirtschaftsprüfer ihre Arbeit ebenso erledigen wie vor 20 Jahren – und in 20 Jahren immer noch genauso. Dabei ist das Gegenteil der Fall.

Tatsächlich erlebt die Abschlussprüfung derzeit eine Metamorphose. Diese wird nicht nur getrieben durch das regulatorische Umfeld, das mit einer verpflichtenden Rotation von Prüfungsgesellschaften verbunden ist. Weiterer Bestandteil der neuen regulatorischen Anforderungen ist ein neuer Bestätigungsvermerk, der eher ein Bestätigungsbericht ist und die wesentlichen Prüfungserkenntnisse erläutern soll. Darüber hinaus verschwimmen durch die Verzahnung von Geschäftsprozessen mit dem Rechnungs- und Finanzwesen die klaren Gegenstände von Prüfungen und natürlich die Ansprechpartner.
Und viel mehr noch nimmt der Druck auf die Abschlussprüfung durch die Verfügbarkeit von Massendaten zu, deren der Abschlussprüfer Herr werden muss. Nicht nur das, ein neuer Kampf über die Analyse dieser Massendaten ist entbrannt. Das wiederum macht den Abschlussprüfer plötzlich interessant – könnte der doch unter Einbeziehung seines Expertenwissens dem Unternehmen Erkenntnisse liefern, die über die Unternehmensanalysen erheblich hinausgehen, diese Ergebnisse in einem Benchmark validieren und dem Unternehmen zum Beispiel als Potenzialanalyse zur Verfügung stellen.

Damit sind wir auch schon mitten im digitalen Wandel, der die Wirtschaftsprüfung erst langsam, zuletzt aber immer schneller erreicht hat und nun ebenfalls grundlegend verwandelt. Zugegeben: Während viele Technologieunternehmen aus der Not erfinderisch und innovativ waren und sind, ist die Wirtschaftsprüfungsbranche mit ihrem hergebrachten Ansatz bis vor Kurzem immer gut gefahren. Zur Innovation fehlte schlicht die Notwendigkeit. Doch Entwicklungen wie Industrie 4.0 und das Internet der Dinge läuten auch in den Stuben der Wirtschaftsprüfer die industrieübergreifende Transformation ein. Der technologische Wandel macht es nämlich erheblich einfacher als bisher, digitale Technologie in der Abschlussprüfung einzusetzen, auch wenn sich dies noch nicht überall durchgesetzt hat. Die technologischen Trends wie Artificial Intelligence und Blockchains kommen zunehmend in der Realität mit heute sogenannten „Use Cases“ an.

Worum geht es im Detail: Durch die extrem hohe Verfügbarkeit von Daten steigt die Komplexität einer Prüfung. Allein der Umfang der veröffentlichten Abschlüsse nimmt seit Jahren extrem zu. So war der Abschluss eines im Londoner FTSE-Index notierten Unternehmens zur Jahrtausendwende noch 56 Seiten dick. Im Jahr 2011 waren es dagegen bereits 175 Seiten – eine Zunahme um mehr als 200 Prozent. Während der Abschlussprüfer in der Vergangenheit dazu angehalten war, die Dinge, die er prüft, nur abzulegen beziehungsweise aufzunehmen, um den Gegenstand der Prüfung zu fixieren, verwischt der Prüfungsgegenstand nun im weiten Datenraum von „Big Data“. Hier erschließt die Digitalisierung analoger Datenquellen durch den Abschlussprüfer der Datenanalyse eine viel breitere Datenbasis. Zukünftig werden immer mehr Daten aus Unternehmensnetzwerken und Kooperationsverbünden genutzt werden können. Darauf hat sich auch PwC eingestellt: Zusammen mit der IBIS Prof. Thome AG wurde die Lösung „Halo for SAP“ entwickelt. Halo erweitert den Blick in die Informationssysteme des zu prüfenden Unternehmens massiv und ermöglicht es den Prüfern, Geschäftsvorgänge schneller und sicherer zu analysieren als jemals zuvor.

Als Abschlussprüfer kann man heute fast ein wenig Angst bekommen, wenn man die obligatorische Vollständigkeitserklärung des Unternehmens in Empfang nimmt. Und dasselbe gilt für den Geprüften selbst – übrigens meist ja immer noch eine natürliche Person. Hinzu kommt eine weitere Herausforderung: Im Zuge der Verzahnung von Geschäftsprozessen mit Technologiekomponenten lässt sich immer schwerer erkennen, welche IT-Systeme überhaupt rechnungslegungsrelevant sind und welche nicht. Zum Beispiel wird durch eine Texterkennung eine Rechnung in einem Shared Service Center gelesen und anhand dieser Quelldaten automatisch in Buchungen überführt. Wenn zwischen den Systemen – und dies ist das Ziel – keine weiteren Kontrollschritte mehr vorgesehen sind, gehören die Ausgangssysteme zum Rechnungslegungssystem und müssen daher in die Abschlussprüfung mit aufgenommen werden.

Dramatischer gar wird es mit dem Gedanken, Blockchain-orientierte Systeme im Zusammenhang mit der Abschlussprüfung zu analysieren. Unternehmen, die künftig vollständig vernetzt sind, und bei denen derartige Systeme eine extreme Sicherheit schaffen, sind nicht mehr aus der Welt zu denken. Der Platz und die Ausgestaltung der Abschlussprüfung mit seinem Gütesiegel sind zu überdenken, da sich innerhalb dieser Systeme eine Finanzberichterstattung selbst infrage stellt. In diesem Kontext sollte aufhorchen lassen, dass der „Roboter“ dem Menschen inzwischen nicht mehr nur im Schach überlegen ist – sondern auch im Brettspiel Go, bei dem der Weltklassespieler Lee Sedol jüngst überraschend dem von Google entwickelten Programm „AlphaGo“ unterlag. Viele Fachleute sehen in dieser vermeintlichen Anekdote in Wirklichkeit einen Quantensprung.

Folgt daraus, dass eines Tages auch die Wirtschaftsprüfung von Maschinen ausgeführt wird? Diese Prognose mag aus heutiger Sicht noch gewagt erscheinen – zumal es auf dem Feld der künstlichen Intelligenz (KI) kein Schwarz oder Weiß gibt. Dennoch besteht kein Zweifel, dass die technologische Weiterentwicklung progressiv und exponentiell voranschreitet. Insofern ist es für die Branche höchste Zeit, sich mit den Facetten der KI zu befassen. Künstliche Intelligenz sucht nämlich nach Anwendungsfällen, die bei der Prüfung von Unternehmensrisiken – also der maschinenlern-orientierten Dokumentanalyse – gegeben sind. Fest steht: Deep Learning revolutioniert derzeit die Entwicklung von künstlichen Intelligenzen, die bald auch Ermessenfragen übernehmen könnten.

Daraus ergibt sich folgendes Fazit: Ein Großteil der Tätigkeiten des Wirtschaftsprüfers wird in Zukunft durch die digitale Datenanalyse automatisiert werden – mittel- bis langfristig sogar Tätigkeiten mit hohem Ermessen. Wirtschaftsprüfer werden deshalb ihr Fachwissen mit einem tiefgehenden Verständnis von digitaler Technologie verbinden müssen. Nur so können sie die zunehmend komplexen Geschäftsmodelle und Systeme der Mandanten sowie die zunehmend fortgeschrittene Prüfungstechnologie beherrschen.

Dann kann auf dieser Basis trotz steigender Komplexität das Prüfungsvorgehen zusätzlich objektiviert und die Transparenz der Prüfungsergebnisse erhöht werden. Allerdings wird das erhöhte Anspruchsniveau in der verbleibenden Tätigkeit des Wirtschaftsprüfers auch neue Ausbildungs- und Karrieremodelle erforderlich machen. Die Geschwindigkeit der hier skizzierten Metamorphose hängt nicht zuletzt von der weiteren technologischen Entwicklung, aber insbesondere auch von der Entwicklung der rechtlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ab.

Rüdiger Loitz ist Wirtschaftsprüfer, Steuerberater und Certified Public Accountant (CPA). Er verantwortet als Partner und Mitglied des Assurance Leadership Teams bei PwC die Rechnungslegungs- und Kapitalmarktberatung sowie die Innnovationsfunktion von Assurance. Er gründete bei PwC 2011 eine Software-Gesellschaft, die heute als selbstständige AMANA GmbH in Essen über 60 Mitarbeiter im Bereich der Accounting-Software beschäftigt, und veröffentlicht regelmäßig Artikel zu Themen an der Schnittstelle zwischen Technologie und Rechnungslegung.

Bildnachweis: EnchantedStudios/Alamy, PwC(3)

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