Kurs halten in der Datenflut

Wenn ein Containerschiff von der Nordsee kommend den Hamburger Hafen ansteuert, muss es schon weit im Voraus den richtigen Kurs anlegen. Bis zu acht Kilometer braucht ein solcher Koloss für Brems- oder Ausweichmanöver. So ähnlich geht es auch der Versicherungswirtschaft, deren führende Konzerne zu den Supertankern der Weltwirtschaft zählen. Mit Kapitalanlagen im Wert von knapp 1,5 Billionen Euro, abgesichert durch fast 430 Millionen Policen, gehören allein die 550 deutschen Assekuranzunternehmen zu den größten institutionellen Investoren in Deutschland. Die Versicherer suchen gerade den erfolgreichen Kurs, um ihre Geschäftsmodelle digital auszurichten. Sie schwimmen auf einem Meer wertvoller, personenbezogener Daten, die es gilt, zur Orientierung für Produktentwicklung, Vertrieb, Risikoprüfung, Schadensabwicklung und Kundenservice zu verknüpfen.

Der Kompass für den Weg in eine erfolgreiche Zukunft ist dabei „Data & Analytics“. Die große Chance im Einsatz dieser Instrumente besteht darin, Kunden künftig umfassend und ganzheitlich zu erfassen. Hinter dem Begriffs-Duo verbirgt sich nichts weniger als die komplette Digitalisierung von Geschäftsprozessen, deren qualitative Verbesserung und damit das Ausmaß potenzieller Erfolgsaussichten für die Zukunft.

Von einigen Pionieren abgesehen, stehen die meisten Versicherer erst am Anfang der digitalen Kursfindung. Laut einer Umfrage des Bearing Institute unter 30 europäischen und amerikanischen Versicherern attestierten sich nur 25 Prozent der Unternehmen einen „fortgeschrittenen oder führenden Reifegrad“ in der Entwicklung von Big Data und Analytics, nur zehn Prozent hatten einen Implementierungsprozess gestartet.

Dabei kommt dem sogenannten Data-Mining für den Erfolgskurs der Unternehmen eine tragende Rolle zu, konstatiert der aktuelle Insurance Monitor von PwC. Bei dieser Analyse werden mithilfe „statistischer Verfahren und Machine-Learning-Methoden“ in Datenbeständen „versteckte Muster“ erkannt, beschrieben und ausgewertet. Als Business-Case interessant wird Data-Mining für die Versicherer vor allem, wenn die bestehenden Datenvorräte ergänzt und angereichert werden durch unstrukturierte Daten, die in jeder Sekunde billionenfach generiert und über die weltweiten Datennetzwerke verteilt werden.

Diese Daten sind mittlerweile als Open-Source-Angebote kostengünstig verfügbar – dank Internetplattformen wie Google, Alibaba, Facebook, Amazon oder eBay. Parallel dazu bieten kommerzielle Data-Warehouses Produkte an, die die strukturierten und unstrukturierten Informationen zu Big-Data-Anwendungen zusammenführen. „Große Datensilos, in denen Informationen mehr oder weniger statisch gespeichert wurden, gehören damit der Vergangenheit an. In Zukunft zählt die Flexibilität“, betont Alexander Hofmann, Partner und Insurance-Leader von PwC Deutschland.

Die entscheidende Frage ist, ob und wie es den Unternehmen der Insurance-Branche gelingt, neue Erkenntnisse und Rückschlüsse aus großen Datenmengen zu gewinnen und den Wandel von rein deskriptiven Analysen (gespeist aus historischen Daten) zu prädiktiven Analysen (modelliert aus vorhandenen und neuen Daten) zu vollziehen. „Für unser Unternehmen ist Analytics ein ganz wichtiger Enabler der Wertschöpfungskette“, bestätigt Wolfgang Hauner, Chief Data Officer des Rückversicherers Munich Re. „Wir haben eine Big-Data-Plattform, die unsere operativen Bereiche in die Lage versetzt, moderne Analytics praxisnah und schnell für die Lösung ihrer eigenen Business-Herausforderungen zu nutzen.“

Die neuen technischen Möglichkeiten besitzen das Potenzial, die Branche komplett umzukrempeln, getrieben durch die Digitalisierung im Consumerbereich, die in punkto Geschwindigkeit, Servicequalität und Vergleichbarkeit von Produkten andere Kundenerwartungen hervorgebracht hat. „Einige Versicherer können sich komplett neu erfinden – vom Schutz der Risiken bis hin zum Management und der Monetarisierung von Information“, sagt PwC-Experte Hofmann voraus und warnt: „Wenn sich etablierte Versicherer nicht schnell genug auf diese Entwicklung einstellen, laufen sie Gefahr, dass andere Wettbewerber diese Lücken besetzen.“

In den meisten Konzernzentralen ist die Gefahr erkannt. Aber auch gebannt? In der PwC-Studie „Seizing the future“ sagen 79 Prozent aller internationalen Top-Manager aus der Versicherungsbranche, dass „Data & Analytics“ das größte Potenzial zur Verbesserung von Kundenbeziehungen hat. Auf den weiteren Plätzen folgen Customer-Relationship-Management-Systeme und Social-Media-Netzwerke. Immerhin 70 Prozent aller Versicherer weltweit nutzen inzwischen moderne IT-Technologien, um neue Kunden zu gewinnen und Bestandskunden zu halten. Nach Angaben der Rückversicherung Swiss Re haben allein die Versicherer in Nordamerika ihre Big-Data-Budgets in den vergangenen Jahren mehr als verdoppelt.

International stehen im Privatkundengeschäft zunächst die Bereiche Gesundheitswesen, aber auch die Absicherung von Sachschäden an Fahrzeugen oder in Gebäuden im Fokus. Dabei spielt die Sensorik eine zentrale technische Rolle. So kann zukünftig die Diagnose, Prävention und Behandlung chronischer Krankheiten durch ärztliche Fernüberwachung verbessert werden. Das eröffnet den Versicherern Chancen, ein individualisiertes Risikoprofil mit einem Bonus-Malus-System zu implementieren, wie es zum Beispiel in Südafrika bei der Behandlung von HIV-Infizierten bereits praktiziert wird.

Ärzte können die Herzfrequenz ihrer Patienten mithilfe von einfach anzuwendenden Pflastern aus der Ferne überwachen, wodurch die Früherkennung von Herzinfarkten verbessert wird. Diabetespatienten müssen nicht mehr regelmäßig selbst ihren Blutzuckerspiegel messen, das erledigen Sensoren im Fettgewebe unter der Haut – oder eine Kontaktlinse, die Google und der Schweizer Pharmakonzern Novartis jetzt testen wollen und die die Glukosewerte in der Tränenflüssigkeit ermittelt und überträgt. All diese Daten können dazu dienen, die Risiken von Krankheiten zukünftig besser zu bewerten, Gesundheitsprävention zu belohnen und Versicherungsfälle schneller und umfassender betreuen zu können.

Weltweit haben die ersten Versicherungen begonnen, mittels Sensorik (Fitnessarmbänder, Apple Watch), komfortablen Apps, attraktiven Sondertarifen und Bonusprogrammen neue Kunden zu gewinnen. „Unterschiedliche Risiken unterschiedlich zu bewerten war schon immer Teil des Versicherungsgeschäftes“, sagt Guido Bader, Vorstand der Stuttgarter Versicherungsgruppe. „Auf die Differenzierung der Kollektive folgt oft auch eine Differenzierung der Produkte.“

Während bei der Gesundheit – vor allem in Deutschland – weiterhin Fragen des Datenschutzes kontrovers diskutiert werden, geht die Entwicklung im Bereich von Fahrzeug- oder Gebäudeversicherungen mit großen Schritten weiter. Am Beispiel Telematik lässt sich gut darstellen, wie sich die Beziehungen im Datenfluss entwickeln können, wenn die Versicherer nicht nur auf statische Kunden- und Fahrzeugangaben zurückgreifen, sondern auf eine riesige Menge an Echtzeitinformationen. Die Daten liefert das Fahrzeug selbst, indem es permanent Signale zum Fahr- und Nutzungsverhalten aufzeichnet und überträgt. Daraus lassen sich mithilfe von Big Data und Analyseverfahren maßgeschneiderte Versicherungsprodukte für den jeweiligen Kunden entwickeln, bessere Risikoeinschätzungen vornehmen und auch die Schadensbearbeitung massiv vereinfachen.

Im Bereich der Risikominimierung und der Schadensregulierung zeichnen sich die technischen Möglichkeiten schon ab. Laut Vergleichsportal Check24 gibt es in zehn europäischen Ländern spezielle Tarife, bei denen eine sogenannte Telematikbox Fahrdaten sammelt und vorsichtiges Fahren belohnt, riskantes Fahren aber sanktioniert. In Deutschland folgen inzwischen sieben Versicherer diesem Kurs und bieten entsprechende Tarife an.

Bildnachweis: Gary Waters/GettyImages, PwC(2)

Newsletter abonnieren

Mit dem Newsletter verpassen Sie keine Ausgabe der next: Das Magazin für Vorausdenker

Anmelden
Feedback

Sie möchten uns Feedback zu diesem Beitrag geben? Wir freuen uns auf Ihre Rückmeldung.

Feedback
Diesen Beitrag teilen

Hier können Sie den Beitrag über soziale Medien teilen.

Teilen