Interview

„Die Versicherung kann zum Schutzengel werden“

Versicherungsunternehmen sind spezialisiert auf das Sammeln und Auswerten großer Datenmengen. Warum steht gerade diese Branche vor so großen Herausforderungen bei der IT-Technologie?
Kurt Mitzner:
Leider lagern diese Informationen in Datensilos, die nicht miteinander sprechen können. Das erweist sich zunehmend als Problem. Es fehlt eine integrierte Datenbank-Systematik, um die Prozesse effizienter, die Produktentwicklung schneller und den Service kundenfreundlicher zu machen.
Andreas Hufenstuhl: Auch ist die Datenvielfalt und die Zahl der Transaktionen gering. Bei einer Lebensversicherung passiert nichts außer einem regelmäßigen Zahlungseingang. Wenn zukünftig Millionen Autos über Sensorik datenmäßig mit den Versicherern verbunden sind, dann ist die Datenverarbeitung mit den heutigen Systemen nicht abzubilden.

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Was muss die Branche also tun, um sich für den Wettbewerb zu rüsten?
Kurt Mitzner:
Sie muss eine agile und einheitliche Daten-Infrastruktur aufbauen, auf die auch die über 200.000 Versicherungsagenturen zurückgreifen können. Die IT ist in der Versicherungsbranche zu alt und zu heterogen. Jeder Kunde hat im Schnitt nur 1,6 Verträge bei einer Versicherung. Eine der großen Chancen aus Data & Analytics besteht darin, den Kunden umfassend und ganzheitlich zu erfassen. Das heißt: Alle vorliegenden Kundendaten zusammenpacken, mit unstrukturierten Daten verknüpfen und daraus individuelle Preise mit individuellen Produkten entwickeln.
Andreas Hufenstuhl: Das wird die Prozesse verändern in Richtung eines weitgehend automatisierten Kundendialogs. Es ist ein Switch notwendig. Die Versicherung kann im wahrsten Sinne des Wortes zum Schutzengel werden, wenn sie die Kunden rechtzeitig auf Risiken in der Lebensführung hinweist und die entsprechenden finanziellen Anreize anbietet, diese Risiken zu vermeiden. Das reicht vom Fitnesstraining über die Diebstahlsicherung bis hin zum Fahrverhalten bei Schnee und Eis.

Welche Gefahren drohen den etablierten Versicherern durch Internet-Start-ups?
Andreas Hufenstuhl:
Die Versicherungsindustrie besitzt ja keine Assets wie die klassischen Industrien mit ihren Fabriken. Ihr Kapital ist die Verwaltung großer Datenmengen und das damit einhergehende Know-how. Darin waren sie bisher weitgehend erfolgreich. Mit der Digitalisierung kamen jedoch neue Player ins Spiel, zunächst bei den kleinen Zusatzversicherungen. Reisegepäck, Konzerttickets, Fahrräder. Solche Services, die man per Mausklick abschließt, ohne großen Preisvergleich und ohne großes Risiko. Und für solche Versicherungen braucht man keine eigene Dateninfrastruktur. Das kann man heute bereits über Clouds sicher abbilden. Hier müssen die etablierten Konzerne aufpassen, dass ihnen das Geschäft nicht von den Rändern her weggeknabbert wird.
Kurt Mitzner: Eine App zu programmieren ist das kleinste Problem für die Start-ups. Aber Frontend und Backend müssen zusammenpassen. Ein Versicherungsunternehmen muss ein Versprechen auch einlösen können. Die etablierten Versicherungen mit ihren selbstständigen Generalvertretern werden daher auch in Zukunft ihre Berechtigung haben, wenn es um komplexere Privatkunden-Produkte wie Lebens-, Renten- oder Krankenversicherungen geht. Allerdings müssen sie ihre Cross-Selling-Quote verbessern. Wenn sie ihr gesammeltes Know-how in Verbindung mit Data & Analytics bei komplexeren Risikostrukturen einbringen, dann können die etablierten Versicherer weiter wachsen. Bei der Logistik etwa, bei allem, was mit Cyber-Angriffen zu tun hat, bei der Vorhersage wetterbedingter Risiken und vielem mehr. Die großen Rückversicherer sind hier bereits sehr kreativ.

Bildnachweis: Gary Waters/GettyImages, PwC(2)

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