Interview

„Kurzfristig unterstützt und mittelfristig ersetzt“

Wie wird künstliche Intelligenz den Finanzsektor verändern?
Künstliche Intelligenz (KI) wird den Vormarsch von individuellen Akteuren im Finanzsektor beschleunigen. Mit dem Siegeszug der Datencloud kann jedermann ein individuelles KI-Modell erstellen und damit online traden – ohne Groß- oder Privatbanken. Künstliche Intelligenz geht dabei sehr ins Detail. Aus der Analyse einer Vielzahl von Daten werden je nach Risikoneigung eines Anlegers die entsprechenden Handlungsempfehlungen abgeleitet – und zwar schneller, als das durch individuelles menschliches Know-how möglich ist. Auf Personalebene bei den Finanzdienstleistern bedeutet das: Geschulte und studierte Research-Spezialisten oder erfahrene Fachberater und Experten werden durch KI kurzfristig unterstützt und mittelfristig ersetzt. Dieser Prozess geht auch quer durch alle anderen Branchen wie etwa Steuerberater, wo diese Research-Spezialisten und Analysten bislang benötigt werden.

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In Europa ist künstliche Intelligenz im Fondshandel untersagt, ebenso das Hochgeschwindigkeitstrading. Wie wirkt sich das am Markt aus?
Für die Großbanken hat das gravierende Auswirkungen. In den USA und in Asien ist KI seit mehreren Jahren im Einsatz und inzwischen Standard im Wertpapierhandel. Weil in Europa künstliche Intelligenz und Hochgeschwindigkeitstrading im Fondshandel für Großbanken mittlerweile verboten sind, werden künftig Fintechs und kleinere Privatbanken, die nicht unter diese regulatorischen Hürden fallen, diesen Markt unter sich aufteilen.

Mit anderen Worten: Herkömmliche Groß- und Privatbanken müssen sich neue Geschäftsmodelle suchen?
Genau. Aufgrund der genannten regulatorischen Einschränkungen sind die Zeiten vorbei, in denen das Retail- und Investment-Banking langfristig das Kerngeschäft bleiben. Im Grunde genommen gilt es in diesen zwei Bereichen, Kosten zu senken, Filialen zu schließen und die Backoffice-Felder weiter zu digitalisieren. Künstliche Intelligenz kann hier eingesetzt werden, um Fehler in der Kundenberatung und die damit verbundenen Risiken durch Schadensersatzansprüche von Privatkunden zu vermeiden. Die digitale Kommunikation mit aktuellen Infos via Video- und Live-Chats über die Smartphone-Apps spielt hier eine zentrale Rolle und ist eine wichtige Ergänzung zum klassischen Kundengespräch. Um in Zukunft Geld zu verdienen, müssen sich die Etablierten auf komplizierte Produkte jenseits von Sparbuch und Fonds konzentrieren. Ein Beispiel sind etwa Exportfinanzierungen für mittelständische Firmen. Hier kommt es auf internationale Erfahrung, Produktindividualisierung und die Expertise von Spezialisten an. Zugleich müssen bei der Transaktion mehrere noch nicht digitalisierte Prozesse in Kumulation gesetzt werden – und das wiederum kann eine einzelne Person oder ein Fintech mithilfe von KI ohne langwieriges und kostenintensives Training mit dieser KI nicht abbilden.

Bildnachweis: Creatas Video/GettyImages, PwC

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