Vollstes Vertrauen

44 v. Chr .: Von Marc Anton an Brutus

Was könnte ehrenwerter sein, als vor aller Welt als „ehrenwerter Mann“ bezeichnet zu werden? In der Rede Marc Antons bei Cäsars Begräbnis wird dessen Mörder Brutus sogar neunmal als „honourable man“ bezeichnet (so die sicher nicht authentische, aber packende Version Shakespeares) – und was als dezente Leichenrede begann („I come to bury Caesar, not to praise him“), wird gerade durch das Stilmittel der scheinbaren Ehrerbietung zu einer flammenden Anklage gegen die Mörder Cäsars, den sein Vertrauen in diese das Leben kostete.

1204: Von Jamukha an Dschingis Khan

Es gibt Völker, da zählt die Blutsbruderschaft mehr als alles andere. Die Mongolen gehören dazu – und zwei ihrer Anführer im späten 12. Jahrhundert, Jamukha und Temudschin, waren seit früher Jugend Blutsbrüder. Aber als der jüngere, Temudschin, begann, als Dschingis Khan die mongolischen Stämme unter seiner Führung zu einen, hielt Jamukha dagegen und ließ sich zum Gegenkhan ausrufen. 1204 unterlag er und wurde ehrenvoll hingerichtet – ohne Blutvergießen, durch Bruch des Rückgrats.

1414: Von König Sigismund an Jan Hus

Freies Geleit für die Hin- und Rückreise sowie Schutz vor Verfolgung während des Aufenthalts, und das alles schriftlich vom deutschen König Sigismund garantiert – mehr kann man sich ja wohl kaum wünschen. So machte sich der böhmische Reform-Theologe Jan Hus denn auch im November 1414 auf den Weg zum Konzil von Konstanz – wo er verhaftet, gefoltert und am 6. Juli 1415 als Ketzer verbrannt wurde. Ach ja: Sigismund redete sich später darauf hinaus, dass sein weltlicher Schutz nicht gelte, wenn ein Ketzer seine Irrlehren nicht widerrufe.

1608: Vom Kaiser an den Kammerdiener

Er trug den Spitznamen „des ­Kaisers Augapfel“ und gilt als einer der einfluss­reichsten Kammerdiener des deutschen Kaiserreichs: Philipp Lang kontrollierte zu Beginn des 17. Jahrhunderts den Zugang zu Kaiser Rudolf II. Wer eine kaiserliche Gunst benötigte, musste sich an Lang wenden und ihn bezahlen – Mitglieder der Familie Habsburg, Reichsfürsten und ausländische Fürsten. Das kaiserliche Vertrauen war so groß, dass viele Versuche, Lang zu stürzen, misslangen. Erst als die Kurfürsten den Kaiser 1608 öffentlich kritisierten, ließ dieser Lang in den Kerker werfen, wo er bald darauf verstarb.

1716: Von John Law an die Franzosen

Die „Banque Générale“ versprach hoch und heilig auf den damals, 1716, noch ungewohnten Geldscheinen, dass sie den aufgedruckten Gegenwert jederzeit in Gold einwechseln würde. Der Bankdirektor John Law hatte, unterstützt vom französischen Regenten Philipp von Orleans, mit dem Papiergeld einen Weg gefunden, das ökonomisch darbende Frankreich wieder in Schwung zu bringen. Das klappte, nun ja, zu gut: Börsenhysterie und Spekulationsblasen wuchsen rasant – bis der Crash von 1720 die Ersparnisse vernichtete und das Vertrauen der Franzosen in Banken und Regierende noch weiter zerrüttete.

1737: Vom Erzher zog an den Finanzier

Es ist der klassische Fall des Günstlings: Joseph Süßkind Oppenheimer, in die Annalen eingegangen als „Jud Süß“, war ein Finanzgenie und ermöglichte dem katholischen württembergischen Herzog dessen Prunksucht. Der „Privatbankier des Erbprinzen“ ist als Münzpächter, Juwelier und Armee­lieferant unverzichtbar für Carl Alexander, als dieser 1733 Erzherzog von Württemberg wird. Doch dessen Vertrauen wird ihm nach dessen plötzlichem Tod 1737 selbst zum Verhängnis: Wenige Stunden darauf wird Süß festgenommen und später zum Tod am Galgen verurteilt, wo ihn die protestantischen Württemberger sechs Jahre hängen lassen.

1959: Vom Kleinen Bonaparte an Gamaschen-Colomb0

„Sie haben mir gesagt, dass Du Geburtstag hast. Und deshalb schenken wir Dir eine' kleine' Kuchen.“ Was der Mafia-Oberboss, der „Kleine Bonaparte“, in Billy Wilders Film „Manche mögen’s heiß“ natürlich nicht ganz so nett meinte. Mitten im gemeinsamen Absingen von „For he’s a jolly good fellow“ auf der Party wird aus der Torte heraus der Chicagoer Gangster Gamaschen-Colombo erschossen. „Wie witzig“, sind seine letzten Worte.

1979: Vom Bayern-Präsidenten ans Bayern -Team

Es war im März 1979, und der FC Bayern München steckte in der Krise. Zu Hause eine 0:4-Pleite gegen Arminia Bielefeld, der Stuhl des Trainers Pál Csernai wackelte erheblich. „Drei Punkte in den nächsten beiden Auswärtsspielen, dann darf der Trainer bleiben“, soll Präsident Wilhelm Neudecker den Spielern versprochen haben. Sie holten die drei Punkte – und trotzdem unterschrieb Neudecker einen Trainervertrag mit Max Merkel. Die Mannschaft meuterte und drohte mit Streik, Csernai machte weiter, Neudecker trat zurück – und Merkel bekam seinen Zwei-Jahres-Vertrag ausgezahlt, ohne auch nur einmal das Bayern-Training geleitet zu haben.

2011: Von Merkel an ihre Minister

Wenn Angela Merkel einem ihrer Minister ihr „volles“ oder sogar „vollstes“ Vertrauen ausspricht, dürften diese skeptisch werden. Denn für einige von ihnen hatte das genau den gegenteiligen Effekt: Bald darauf waren sie Ex-Minister. So zum Beispiel Verteidigungsminister Karl Theodor zu Guttenberg. Dem hatte Angela Merkel sogar dreimal ihr „vollstes Vertrauen“ in der Plagiats­affäre attestiert, zuletzt am 28. Februar 2011. Am 1. März 2011 legte der Freiherr sein Amt nieder. Ähnlich erging es zuvor Franz-Josef Jung sowie danach Annette Schavan und Hans-Peter Friedrich.

2016: Vom Real-Präsidenten an Real-Trainer Rafael Benítez

Nach der demütigenden 0:4-Niederlage des spanischen Rekordmeisters Real Madrid im „Classico“ gegen den Erzgegner FC Barcelona stellte sich Reals Klubpräsident Florentino Pérez mit breiter Schulter hinter seinen Trainer Rafael Benítez. „Der Trainer genießt unser vollstes Vertrauen und erhält unsere Unterstützung. Wir stehen voll hinter ihm“, schwor El Presidente einen Tag später vor rund 130 Journalisten im Estadio Santiago Bernabéu – was sich alsbald als Treue-Meineid herausstellen sollte. Knapp sechs Wochen später, am 4. Januar 2016, holte er für den Trainerstuhl die Real-Legende Zinédine Zidane.

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