Interview

Vertrauensvoll statt vertrauensselig

Vertrauensvoll statt vertrauensselig

Frau Justenhoven, trifft das Bild des professionellen Misstrauens auf den Wirtschaftsprüfer klassischer Prägung überhaupt zu?
Petra Justenhoven (PJ):Im Misstrauen schwingt die persönliche Unterstellung schlechter Absichten des Anderen mit. Das trifft es ganz sicher nicht. Eine kritische Grundhaltung, sogenannte professional scepticism, dagegen wird von Wirtschaftsprüfern erwartet und ihre Distanz zum Untersuchungsgegenstand geschätzt.

Na ja, aus der Sicht des Mandanten ist der Prüfer doch häufig ein lästiges Übel.
PJ: Lästig mag hin und wieder sein. Übel wäre allerdings nur der Verzicht auf die konstruktiv-kritische Begleitung wirtschaftlicher Tätigkeit und ihrer Dokumentation. Das Vertrauen der Märkte in die wirtschaftlich Handelnden entsteht nicht zuletzt weil es uns gibt.
Petra Raspels (PR): Außerdem ist Compliance heute ein Muss. Völlig zu recht. Die Sensibilität der Unternehmen ist mit derjenigen der Öffentlichkeit gewachsen. Niemand kann sich heute mehr ein schwaches internes Kontrollsystem leisten.
PJ: Und das überprüfen und bestätigen wir eben. Diese Kontrolle aus kritischer Distanz ist Kern unseres Geschäftsmodells.

Wie gewinnen denn die Prüfer das nötige Vertrauen ihrer Mandanten, auf deren Angaben sie ja angewiesen sind?
PJ: Abgesehen davon, dass die Informationsgewinnung – wie die Prüfung insgesamt – ein sehr reglementiertes Geschäft ist: Im professionellen Umgang miteinander gewinnt zunächst einmal fundierte Sachkenntnis Vertrauen. Wer als Prüfer interessiert und engagiert eintaucht in die Welt seines Mandanten, in dessen Geschäftsmodell und Strategie, der gewinnt rasch einen Zugang.

Bringen Sie das ihren Mitarbeitern gezielt bei?
PR: Ja, selbstverständlich. Wir haben ein globales Führungskräfte- und Kompetenz modell – PwC Professional – das die nötigen Fähigkeiten, aber auch eine entsprechende Haltung zur eigenen Leistung und zur Mitwirkung des Mandanten vermittelt. Darin spielt die richtige Balance aus vertrauensvoller Zusammenarbeit und kritischer Distanz eine wesentliche Rolle. PJ: Wir rekrutieren auch entsprechend. Sowohl bei Absolventen und Berufseinsteigern, als auch bei erfahrenen Profis achten wir auf Persönlichkeiten, die diese Balance in sich tragen und überzeugend vermitteln.

PwC propagiert Spitzen-Performance und Top-Qualität. Entsprechend leistungsorientiert wirken die Mitarbeiter. Leidet darunter nicht das Vertrauen zueinander? Lauert man nicht geradezu darauf, dass der andere einen Fehler macht?
PR:Zwar ist das Leistungsprinzip nicht von der Hand zu weisen – eine erfolgreiche Karriere ist ohne nicht denkbar. Trotzdem weiß jeder, dass die eigene Performance ganz erheblich vom Team beeinflusst wird, in dem man sich bewegt. Dies wurde auch in einer globalen internen Befragung zum Thema Kultur und Werte gespiegelt. Die Auswertungen und Analysen laufen gerade. Aber soviel ist schon sicher: Teamwork und Vertrauen liegen auf vorderen Rängen. Und zwar sowohl in den persönlichen Werthaltungen unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter als auch in der gegenwärtigen und der erwünschten künftigen Kultur der Firma.

Aber wie schaffen Führungskräfte und Mitarbeiter eine entsprechende Kultur der Fehlertoleranz. Steht da nicht die Prägung des Wirtschaftsprüfers als Fehlersucher im Wege?
PJ:Hier muss man zwischen Fehlertransparenz und Fehlertoleranz unterscheiden. Es ist generell – ob Wirtschaftsprüfer oder nicht – ohnehin ungemein anstrengend, Fehler verbergen zu wollen. Die professionelle Prägung des Wirtschaftsprüfers macht es beiden, dem Mitarbeiter und der Führungskraft, sicher doppelt schwer. Das ist aber so lange gar nicht schlimm, wie im Umgang miteinander bei Fehlern Toleranz, Lern- und Coaching-Bereitschaft herrschen. Und genau darauf stellt unser Teamwork im Mehr-Augenprinzip ab.

Also doch lieber den gleichen Fehler nicht zweimal machen…?
PJ:Na klar – und auch das gilt ja nicht nur bei Wirtschaftsprüfern. Die alte spieltheoretische Überlegung, es bei neuer und unklarer Lage erst einmal mit Vertrauen statt Misstrauen zu versuchen, gilt natürlich gerade im Beziehungsaufbau zwischen Führungskräften und Mitarbeitern.

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„Vertrauen ist ein Rohstoff, der sich durch Teilung vermehrt. Wie Wissen. Gelegentliche Nachfrage und Überprüfung schadet aber nicht“

Petra Raspels

Hochqualifizierte Mitarbeiter suchen ja doch gewisse Freiheitsgrade in ihrer Arbeit. Sie wollen kreativ sein, sich ausleben – und nicht in Reglementierung gefangen und kontrolliert werden. Wie viel Kontrolle ist also nötig? Wieviel ist zu viel?
PR:Auch in einer hoch regulierten Branche gibt es die Suche nach der Innovation. Und nicht selten beginnt die damit, die Grenzen des tradierten Denkens zu sprengen. Das bedeutet nicht, einfach die vorhandenen Regeln zu brechen. Aber es bedeutet, sich auf Pfade jenseits von „Conventional Wisdom“ zu begeben. Dafür schaffen wir bei PwC beste Voraussetzungen.

Jetzt aber bitte mal konkret!
PJ:Ganz einfach. Nehmen wir die Digitalisierung. Sie verändert nicht nur, wie unsere Mandanten arbeiten, sondern auch wie wir selbst unsere Leistung erbringen. Und schließlich verändert sich auch die Leistung selbst.

Wie muss man das verstehen?
PJ:Nun, wir sehen bei unseren Mandanten ganz neue Geschäftsmodelle, die wir zur Beurteilung der wirtschaftlichen Lage genauso durchdringen wie die traditionellen. Hier stellen sich ganz entscheidende Fragen, wie zum Beispiel nach der Wertschöpfung – wo und wie findet die genau statt? Welche neuen Risiken entstehen durch die Digitalisierung von Geschäftsmodellen und -prozessen? Wie robust sind Unternehmen, wenn die erfolgreichsten Marktteilnehmer Services ohne eigene Assets und Infrastruktur erbringen?

Sie meinen Uber, AirBnB & Co.?
PJ:Zum Beispiel. Von Bewertungs- über Finanzierungs-, zu Steuer- und Rechtsfragen gerät hier so ziemlich alles in neue Perspektiven.
PR:Aus Personalsicht stellen wir beispielsweise viel interdisziplinärer ein, vor allem Absolventen aus MINT-Fächern, und verstärken uns durch Kooperationen und Akqusitionen.

Halten das die Wirtschaftsprüfer aus? Menschen mit Hornbrillen und Bärten, ohne Krawatte und nicht nur freitags in Jeans? Direkt im Büro nebenan?
PJ: Es leben die Klischees! Ich kenne Wirtschaftsprüfer, auf die die Beschreibung perfekt passt. Und fühle mich selbst auch nicht gerade steif. Aber es geht hier nicht um Optik. Entscheidend ist doch die Wertschätzung für die andere Perspektive. Und da sind Wirtschaftsprüfer viel flexibler als vielleicht angenommen. Die Einsicht in die Tiefen von Geschäftsmodellen und Strategien rührt ja nicht daher, dass man nur unter Gleichgesinnten diskutiert, sondern sich auf Markt- und Kundennähe einlässt, mit Forschern und Entwicklern, Marketingleuten, oder auch Personalern spricht und ihre Kenntnisse wertschätzt. Das können Wirtschaftsprüfer schon lange.
PR: Zudem geht heute nichts mehr ohne den generationenübergreifenden Dialog. Deshalb setzen wir ja so stark auf Einflüsse und Zustrom von außen.

Nochmal zurück zur Digitalisierung. Ist das nicht doch die Domäne der IT-Player?
PR:Genau daran lässt sich ja das gerade Gesagte belegen. Erstens: Wir bauen bereits vorhandene Fähigkeiten aus. Beispiele sind Risk Assurance Solutions, forensische Analytics oder Cloud-Beratung. Zweitens: Wir suchen Partnerschaften mit etablierten Playern und renommierten Forschungseinrichtungen. Zum Beispiel in unserer Zusammenarbeit mit der Fraunhofer-Gesellschaft auf dem Gebiet der Artificial Intelligence. Und drittens: Wir akquirieren Spezialfähigkeiten, zuletzt etwa Business Analytics mit der Duisburger cundus AG und – global – Strategie-Beratung mit Booz + Company, heute Strategy&. Nichts davon geht ohne das Vertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit und die der Partner, mit denen man zusammen arbeitet.
PJ: Und von all diesen Entwicklungen profitiert unser Geschäftsbereich Assurance ganz direkt. Wir investieren gezielt in die Innovation der Leistungserbringung – Stichwort digitale Prüfung – und in neue prüfungsnahe Beratungsleistungen, beispielsweise Cloud-Zertifizierungen. Das ist ganz nah an unserem bisherigen Kerngeschäft und mitten drin im Kernproblem der IT. Das Vertrauen von Anwendern in IT ist doch nach wie vor keine Selbstverständlichkeit. Die Innovationsgeschwindigkeit in der Digitalisierung ist massiv. Das verschärft den Bedarf an vertrauensbildenden Maßnahmen. Und genau da haben wir als Prüfer traditionell unsere Stärke.

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„Die Digitalisierung verändert nicht nur, wie unsere Mandaten arebiten, sondern auch, wie wir selbst unsere Leistungen erbringen.“

Petra Justenhoven

Klingt gut, klingt aber auch ganz schön komplex. Muss nicht mindestens einer am Ende doch vertrauen, weil er gar nicht mehr alles selbst prüfen kann, was durch viele Hände und Disziplinen ging?
PJ: Das war noch nie wirklich anders. Der Wirtschaftsprüfer entwickelt im Laufe des Prüfungsverfahrens irgendwann hinreichende Sicherheit, dass sein Testat eine Dokumentation adelt, die die Realität abbildet. Die Basis dessen ist professionelle Urteilsfähigkeit, die auf Erfahrungswissen und gezielten Prüfungshandlungen beruht. Welche und wieviele Prüfungshandlungen, welches und wie viel Erfahrungswissen – das unterscheidet den besseren vom guten Prüfer. Das Vertrauen in die eigene Urteilsfähigkeit und die Entscheidungsreife einer Situation ist beim Besseren größer. Er weiß aber auch, dass man dafür immer „auf Ballhöhe“ bleiben muss.

Abschlussfrage mit der Bitte um ein ganz einfaches Rezept. Egal ob in der Zusammenarbeit mit Kunden oder untereinander: Wie schafft man ein Arbeitsklima, das vertrauensvoll, aber nicht vertrauensselig ist?
PR:Vertrauen ist ein Rohstoff, der sich durch Teilung vermehrt. Wie Wissen. Gelegentliche Nachfrage und Überprüfung schadet aber nicht. Auch das gilt für Vertrauen wie für Wissen.

Bildnachweis: PwC (4)

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